Der Tag des Zorns im Dienste des Durstes – György Ligetis „Le Grand Macabre“ in Dresden


(nmz) -
Heute: Der Weltuntergang. Zur Dresdner Erstaufführung von György Ligetis Anti-Anti-Oper „Le Grand Macabre“ wurde mit den Füßen abgestimmt. Die Abrechnung mit dem künstlerischen Establishment passt bestens zur Untergangsstimmung unserer Tage. Beobachtungen von Michael Ernst.
05.11.2019 - Von Michael Ernst

Wie praktisch, wenn die Publikumserwartung vorausgesehen und in einer Operninszenierung gleich mit in die Inszenierung einfließen kann. Zur Premiere der Dresdner Erstaufführung von György Ligetis „Le Grand Macabre“ bot die Semperoper am frühen Sonntagabend noch zahlreiche freie Plätze. Der halbe erste Rang ist gleich gar nicht verkauft worden, sondern wurde für den Staatsopernchor reserviert. Der übernahm anfangs die Rolle von lauthals nörgelnden Protestierern, die schon die ersten Töne von Ligetis Opus niederbrüllen wollten.

Provokation der Provokation provozieren

Das klang erst einmal echt, machte aber den Skandal um diese Musik (ist der nach mehr als vierzig Jahren denn wirklich noch zu erwarten?) zu einem inszenierten Skandal. Was Ligeti einst provozierte und auch in seiner hier gezeigten revidierten Fassung von 1996 kaum abgemildert hat, geht heute längst nicht mehr als Theaterrevolte durch. Eine solche jedoch wollte Regisseur Calixto Bieito offenbar auf die Bühne hieven, um geradezu vorsätzlich die Provokation der Provokation zu provozieren.

Omer Meir Wellber, den Ersten Gastdirigenten des Hauses, hatte er dabei ganz auf seiner Seite. Der nämlich nahm den scheinbaren Protest auf, wischte ihn beiseite und tat, was Dirigenten tun sollten. Dirigieren. Denn hier gilt’s der Musik. Aber o weh! Wer unvorbereitet in diesen Premierenabend besuchte, mochte vielleicht gar nicht geahnt haben, dass „Le Grand Macabre“ statt mit einer Ouvertüre per Autohupenkonzert eröffnet wird. Durchdringendes Tröten, zunehmend rhythmisch, da mag schon man ein Gast ins chorische Quertreiben mit eingestimmt haben. Danach dauerte es nur mehr eine Weile, bis die ersten Premierenbesucher den Saal verließen. Bis zum Ende des zwei Stunden kurzen Abends sind es wohl Dutzende gewesen, die diesen Weltuntergang geflohen sind.

Leider haben die eine wahre Luxusbesetzung verschmäht, die sich das Haus für diese Neuproduktion von insgesamt nur fünf Aufführungen (!) geleistet hat. Nach wie vor sind nämlich Chor- und Orchesterparts sowie sämtliche Solopartien harte bis allerschwerste Kost – für die Ausführenden! Beim Hören ist das alles kaum mehr Neuland, allenfalls hier und da etwas lautstark.

Eros ist stärker als Tod

Fürs Auge jedoch hat Bieito mit seinem bereits von der Dresdner Schönberg-Produktion „Moses und Aron“ bekannten Team Rebecca Ringst (Bühne) und Ingo Krüger (Kostüme) überreichlich Kost geboten. Da in diesem auf Michel de Ghelderodes Schauspiel basierenden Stück, zu dem Ligeti das Libretto gemeinsam mit Michael Meschke selbst verfasste, der bevorstehende Weltuntergang beschworen wird, kommt erst einmal Gustave Courbets „Ursprung der Welt“ im Großformat auf den Vorhang (per Video von Sarah Derendinger). Das macht noch kein Welt-Theater daraus, doch immerhin eine bedeutsame Klammer dieses Abends. Denn Eros ist stärker als Tod.

Ansonsten präsentierte die Regie eine Überfülle an Ideen, die ansatzweise alle auf die Bühne gebracht werden sollten. In Gänze wirkte das mitunter überladen, wodurch das Stück eher unterwandert denn mit gültigem Statement zu gegenwärtigen Umtrieben versehen schien.

Allenfalls sind für zahlreiche Details szenische Synonyme entwickelt worden. Das permanentgeile Zwillings-Liebespaar Amanda und Amando kopuliert mit umgehängten Plastikeimern, der Säufer mit dem sprechenden Namen Piet vom Fass schiebt kein Weinfass, sondern einen Bierkasten durch sein flüssiges Leben, und bei Nekrotzar, dem Großen Makabren, wird nie ganz klar, ob er nun wirklich der Meister Tod ist oder doch nur ein kleiner Gaukler. Er schlürft jedenfalls bierbäuchig im Bademantel durch die vom Untergang bedrohte Welt. Um die globalen Komponenten der Anti-Anti-Oper zu verdeutlichen, hängt ein riesiger Ballon mittig auf der Bühne, die ansonsten aus einer bestens nutzbaren Abwärtsbahn in Form einer doppelten S-Kurve besteht, auf der später noch weitere Erdballons herunter rollern werden.

Natürlich hat alles Volk, egal ob reich, ob arm, ziemlich Angst vorm Tag des Großen Zorns. Nur die beiden Liebenden kriegen davon nichts mit und treiben’s sogar im Grab von Nekrotzar. Piet will weiter saufen, Fürst Go-Go weiter unbeherrscht herrschen, seine Agentin Venus weiter spitzeln, der Weiße und der Schwarze Minister weiter gegeneinander intrigieren, die laszive Mescalina weiter lasziv sein und ihrem Gatten eheliche Pflichten abverlangen, die sie ansonsten auch mit sonstwem teilt, doch der Herr Hofastronom Astradamors guckt lieber in die Sterne und sieht einen riesigen Kometen auf die Welt zufliegen. Wer da an Lars von Triers „Melancholia“ denkt, liegt völlig richtig. Ob jedoch Go-Gos Manie, gläserweise einen braunen, vor Palmöl nur so triefenden Brotaufstrich namens „natello“ von der Firma „Ferrerol“ in sich reinzufressen, anspielungsreich vor braunen oder überzuckerten Süchten warnen soll, bleibt dahingestellt. 

Durst rettet die Welt

Wer aber rettet die Welt? Nur der Durst natürlich und die Lust. Denn Piet macht den müden Möchtegern-Mörder trunken und hält für alle fest, „Wir haben Durst, ergo: Wir leben.“ Getrunken wird freilich Blut aus der Konserve, also ein ganz besonderer Saft. Danach ist die Luft raus aus den Ballonen, aus der Inszenierung und sowieso aus der Geduld großer Teile des Dresdner Publikums. Das erschaut zwar noch dahingeraffte Menschenmassen, Totentänze mit mal schaurigen, mal klamaukigen und mal apokalyptischen Bildern, obendrein eine fürstliche Arschkriecherei, die ebenso deutlich visualisiert wird wie ein absinthgrünes Embryo, dottergelbes Spiegelei und jede Menge weiterer Details im großen Erdenrund. Die immense Detailfülle dieser bildhaften Opulenz auch nur annähernd vollständig zu beschreiben ist schlicht unmöglich.

Ebenso die Vielzahl der exzellenten Stimmen. Ob Katerina von Benningsen und Annelie Sophie Müller als Amanda und Amando (beide bezaubernd und niedlich), ob Hila Baggio als Venus (vorzüglich schrill, dabei messerscharf!), ob Iris Vermillion als Mescalina (betörend stark) oder Countertenor Christopher Ainslie als Fürst (mit blütenreinen Höhen und überzeichnetem Spiel), ob Frode Olsen als Astradamors (nobel, stimmschön, gravitätisch) oder Aaron Pegram und Mathias Henneberg als die Minister (so kraftvoll wie streitlustig) – sie alle lieferten Glanzleistungen ab. Dasselbe Kompliment gilt Gerhard Siegel und Markus Marquardt als Piet und Nekrotzar, denn beide agierten überragend spielfreudig mit respektheischender Gesangskunst. Exzellent auch der Opernchor unter seinem neuen Direktor Jan Hoffmann, ebenso die Staatskapelle im Ganzen mitsamt zahlreichen Soloauftritten.

Wenn der Weltuntergang so musikalisch stimmig weggeblasen wird, dann kann er ruhig kommen. Er hätte keine Chance.

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