Die Bremer Stadtmusikanten waren auch mal jung: Klangergebnisse aus dem Augsburger „OhrLabor“


(nmz) -
In Augsburg hat der „Netzwerk Neue Musik“-Ableger „Mehr Musik!“ Wurzeln gefasst und gerade für Lehrende wie Lernende regelmäßige Angebote gepflanzt. Mit dem Musikvermittlungsprojekt „OhrLabor“, das jeweils am Ende des Schuljahres an Augsburger Schulen stattfinden soll, wurden der Klang und seine „Allgegenwart“ für Kinder erfahrbar, die sich bisher kaum aktiv mit Musik beschäftigt hatten.
25.07.2012 - Von Stephanie Knauer

Innerhalb weniger Vormittage entwickelten die vierten Klassen der Augsburger Centerville-Schule mit fünf Workshop-Leitern musikalische Miniaturen zu den „Bremer Stadtmusikanten“ und präsentierten sie dann den Mitschülern. In Form einer Surround-Bühne hatten die Workshop-Gruppen ihre „OhrLabore“ vorbereitet; das mittig sitzende Publikum drehte sich der jeweiligen Performance-Ecke zu. Die fünf sukzessiv aufgeführten Workshop-Resultate zeigten ebenso viele Wege zu dem 200 Jahre jungen Grimmschen Märchen, das gerade wegen seiner Tierthematik ein „Superthema“ sei, so die Leiter.

Ortrud Kegel vom Kölner „Büro für Konzertpädagogik“ und ihr gutes Dutzend Teilnehmer nannten ihre papierreiche Musiktheaterpantomime „Kluge Tiere – dumme Räuber“ und spielten die Episode der nächtlichen Räuberhausbesetzung. Gestanzte Papierrollen wurden durchgekurbelt und ergaben tröpfchenweise Mini-Spieldosenklänge, aneinander gereihte Papierstellwände berichteten im Telegrammstil von der Vorgeschichte. Lotosflöte und Melodika, Trommeln und Papierrascheln schufen eine „Wald- und Gruselatmosphäre“, so Ortrud Kegel, die im Papierhüttenwand-Durchbruch kulminierte: „Und wenn sie nicht gestorben sind, musizieren sie noch heute“, verlautete ein gehisstes Papier zu zarter Walzenmusik. Kinderphantasie ist nicht zu toppen.

Das bewiesen auch die anderen Beiträge. „Die Bremer Stadtmusikanten: Was vorher geschah“ hieß das Hörspiel der Gruppe um das Saarbrücker „Liquid Penguin Ensemble“, bestehend aus der Performerin Katharina Bihler und dem Komponisten Stefan Scheib. Esel, Hund, Katze und Hahn „waren schließlich auch mal jung“, so die Erklärung dazu, die „Mehr Musik!“-Intendantin Ute Legner in ihren einführenden Worten vorlas. Mit Rezitation, Zuspielungen, Geräuschen wie Wasserblubbern oder Zeitung zerknüllen formten die Kinder vier Tierbiografien, die schließlich nach Bremen und ins Altenteil im Walde führten. Sich trauen zu experimentieren, die Angebote, Instrumente, ihre Klänge ausprobieren: In den Workshops sei es die Hauptaufgabe gewesen, die Kinder bei diesem Prozess zu begleiten. Sie haben selbst entschieden, was ihnen gefällt, erklärten die Workshop-Leiter: „Kinder können extrem viel, wenn man sie lässt.“

Eine klassische, nicht weniger farbige Erzählung in Klängen unter dem schlichten Titel „Bremer Stadtmusikanten“ hatte sich die Schar um Percussionist Josef Holzhauser überlegt. Rhythmisch aufeinander geschlagene Kokosnusshälften „groovten“ ein, mit Percussion und Xylophonen wurde aufgebaut. Übrig blieb schließlich die „Es war einmal…“-Melodie. Holzhauers Schlagzeug-Kollege Harald Alt griff unter dem etappenweise ausgeführten Titel „Die fantastischen Vier“ auch zur Flüstertüte: Zum Lautsprecher auf der Stange führte ein Podest, dahinter reihte sich die Kinderschlange, jeder durfte unter Publikums-Hallo hineinmiauen; und nach Dauersummen, Akkordeonbalgatmung, Luftballonluftentweichgeräusch und Eselsschreiimitation auf Schlagzeugbecken gab es resümierende Querbeet-Stadtmusikantenmusik mit Gesang, Flöten und Trompeten.

„Die Texas Stadtmusikanten“ fanden als Schattentheater am Tageslichtprojektor statt: Der Kölner Medienkünstler Ralf Schreiber hatte mit den Kindern Bewegungs- und Klanganimationen gebastelt, die während der Projektion an die ausgeschnitten Figuren angeschlossen wurden. Die Windmühle hinter dem Esel drehte sich, der Hund bellte und bewegte sich, der Hahn kreischte und die Katze wackelte mit den Augen, bevor das Quartett ins Honky-Tonk-Land wanderte.

Die Zuhörer waren von den Minirobotern fasziniert. Gerade das Löten habe einige Fingerfertigkeit erfordert, erklärte Ute Legner im anschließenden Gespräch mit künftigen Erzieherinnen, die ebenfalls der Präsentation zugeschaut hatten. Heute hätten viele Kinder Koordinationsschwierigkeiten, auch die Akzeptanz der elektronischen Klänge sei eine Herausforderung gewesen, so Legner. In den Workshops hätten die Centerville-Schüler „musikalische Bausteine“ wie Tonhöhe, Lautstärke, Klangfarbe und die Stille kennen gelernt. Zuhören war ebenfalls ein wichtiges Thema.

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