„Die Passagierin“ in Gera - ein Spiegelbild zwischen Luxus und Lager


(nmz) -
Erst spät entdeckt, inzwischen beinahe im Repertoire: „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg ist 1968 entstanden, wurde erst 2006 konzertant und 2010 szenisch uraufgeführt. Jetzt wagt sich Gera an dieses berührende Auschwitz-Thema.
11.03.2019 - Von Michael Ernst

Dass die Thüringer Premiere der Oper „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg just am 8. März stattfand, war ganz gewiss kein Beitrag zum Frauentag. Auch wenn es im Titel um eine Frau geht, eine ganz besondere Frau, die mehr als nur einen Gedenktag verdient hätte.
„Die Passagierin“ ist Zofia Posmysz, eine Überlebende von Auschwitz, die ihr Schicksal literarisch verarbeitet hat, nachdem ihr in frühen Jahren eine Zufallsbegegnung auf der Straße die Stimme einer Aufseherin dieses Lagers in Erinnerung gerufen hat. Verbunden war dies mit der Frage, was würde sie tun, wenn sie dieser Frau tatsächlich noch einmal begegnete? In Hörspiel und Novelle hat sie ein solches Wiedersehen aus umgekehrter Perspektive konstruiert, da ist es die SS-Frau, die auf einem Ozeandampfer gen Südamerika die einstige Lagerinsassin zu sehen vermeint.

An diese Perspektive hat sich auch der Komponist Mieczysław Weinberg gehalten, der seine Oper „Die Passagierin“ 1968 vollendet hat - und nie eine Aufführung derselben erlebt hat. Der in Warschau geborene Jude, der 1939 beim deutschen Einmarsch in Polen gen Moskau floh, dann beim Überfall auf die Sowjetunion weiter östlich nach Taschkent ging, rasch sehr eng mit Schostakowitsch zusammenkam, 1953 aus fadenscheinigen Gründen verhaftet wurde und entweder durch mutige Fürsprache von Schostakowitsch oder dank Stalins Tod wieder freikam, er ist 1996 in Moskau gestorben. Erst zehn Jahre kam es dort zur konzertanten Uraufführung der „Passagierin“, die 2010 zu den Bregenzer Festspielen endlich auch szenisch herauskam und seitdem mehr und mehr zum - nach wie vor reichlich sperrigen - Repertoire-Stück gerät. Schließlich werden darin nicht nur die finstersten Abgründe der deutschen Geschichte erinnert, sondern auch der Hang zu Verdrängung und Leugnung der eigenen Schuld.

Die 1923 in Krakau geborene Zofia Posmysz hat ebenso wie Mieczysław Weinberg, Jahrgang 1919, die Unzeiten miteinander vermengt. Aus dem deutschen Wirtschaftswunderland reist die einstige KZ-Aufseherin Anna-Lisa Franz mit ihrem Mann Walter nach Brasilien, weil der dort Botschafter werden soll. Die Begegnung mit einer Passagierin verschreckt die Frau, denn sie erinnert an die KZ-Gefangene Marta. Erst daraufhin berichtet die geradezu exemplarische „Verdrängungskünstlerin“ ihrem Mann von ihrer Vergangenheit - das Publikum bekommt die beiden Geschichten von Überfahrt und Lagerbericht im Zusammenschnitt präsentiert.

Weinberg hat dazu eine Musik komponiert, die sämtliche Zuschreibungen als Schostakowitsch-Apologeten vom Tisch fegen. Sie ist absolut eigenständig, ergreifend, bedrückend, betörend und bietet das ganze Spektrum an Emotionen des Musiktheaters. Liebe und Hass, Widerstand und Gewalt, Trauer und Hoffnung sind darin beschrieben und kommen mal als ganz große Oper, mal kammermusikalisch sensibel, dann auch brachial melodisch, vor allem im sehr unter die Haut gehenden Walzer. Das alles hat das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera unter ihrem GMD Laurent Wagner übrigens ziemlich grandios umgesetzt. Bis auf kleinere Blechschäden und Missverständnisse in Tempofragen gab es da nichts zu beanstanden.

Auf ähnlich hohem Niveau bewegte sich auch die Schar der mehr als ein Dutzend zählenden Hauptfiguren, von denen hier nur stellvertretend für das Gesamtensemble Anne Preuß als Gefangene Marta sowie Alejandro Lárraga Schleske als ihr Verlobter Tadeusz und János Ocsovai als Möchtegern-Diplomat Walter Franz genannt seien. Ihnen allen sind treffliche Charakterstudien gelungen, die sie mit sensibel eingesetzter Stimmkraft und ergreifender Empathie umgesetzt haben. Neben den blökend schreienden SS-Schergen sticht Madeline Hartig als eifernd gehässige Kapo-Wichtigtuerin hervor.

Die widerständigste Humanität jedoch liegt in der von Tadeusz mutig vorgetragenen Bach-Chaconne, die er dem Lagerkommandanten an Stelle des gewünschten Lieblingswalzers vorspielt - und mit dem Leben bezahlt.

Intendant Kay Kuntze hat diese Oper recht gradlinig inszeniert und gemeinsam mit seinem Ausstatter Martin Fischer das getan, was schon zur Uraufführung in Bregenz sowie in der Frankfurter Produktion von Anselm Weber, die 2017 im Beisein von Zofia Posmysz an die Dresdner Semperoper übernommen worden ist, gut funktioniert hat. Hier gab es auf der heftig geforderten Drehbühne ein angedeutetes Schiff mit reichlich Treppen und Geländern, nach Drehung im Innern dann das Lager, das Enge und Ausweglosigkeit suggerierte. Tödliche Kasernenhofatmosphäre als Kontrast zum Luxusdampfer, beides ineinander gespiegelt, das hat große Wirkungskraft.

Kuntze hat da ganz auf den Inhalt vertraut - und die Oper wie schon andernorts mit dem Abspann von Lebens- und Sterbedaten ermordeter Häftlinge von Auschwitz ausklingen lassen. Stummer, respektvoll anerkennender Applaus setzte den Schlusspunkt.


Anmerkung der Redaktion: In einer älteren Version stand an einer Stelle der Personenname Magda statt Marta. Wir danken unserem aufmerksamen Leser für den Hinweis.

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