Entlarvtes Glamour-Glimmer-Elend – Die Zeitlosigkeit von Pina Bauschs Brecht-Weill-Abend in Wuppertal


(nmz) -
Weniges ist „toter“ als museales Musiktheater. Das war an den Wiederbelebungsabenden von Felsenstein-, Wieland-Wagner- oder Karajan-Inszenierungen zu erleben. Doch die Pina-Bausch-Company beweist derzeit das Gegenteil: unter der nach langen Querelen nun etablierten Direktion von Bettina Wagner-Bergelt erwiesen sich Pinas „Macbeth“- und „Blaubart“-Adaptionen als erschreckend „heutig“. In die Standing Ovation am Schluss der Neueinstudierung des Brecht-Weill-Abends von 1976 stimmte auch unser Kritiker Wolf-Dieter Peter ein.
08.03.2020 - Von Wolf-Dieter Peter

Der zweiteilige Abend zeigt anschaulich Entwicklungs-, ja Befreiungsstufen von Pina Bauschs Werkeroberungen. So behält sie in den 1933 schon in der Kunst-Fluchtburg Paris uraufgeführten „Die sieben Todsünden“ noch den inhaltlichen Ablauf genau bei. Brecht-Weills anti-romantische Verfremdung ist aufgegriffen: das Sinfonieorchester Wuppertal sitzt auf der offenen Bühne hinten; in der Fassung für tiefe Frauenstimme von Wilhelm Brückner-Rüggeberg steht Meret Becker (gesanglich in der Höhe leicht überfordert) als Anna I anfangs vorne auf einem Gestell mit einem schwenkbaren Spot und beginnt so die Analyse von sich als Anna II; dann betreut sie ihr alter Ego beim Kleiderwechsel, stellt mal Stühle bereit, nimmt auf einer Chaiselongue kurz Platz und vertritt nur einmal „Schwester-Herz-und-Körper“ in Sachen „Ware Liebe“, während Anna II durch „Müßiggang, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht, Neid“ hindurch muss – dieses „Durch-Müssen“ ist in eine körperliche Passion durch männliche Kaltschnäuzigkeit, Gier, Gewalt und sexuelle Ausbeutung gefasst – und was Stephanie Troyak mit sich macht und machen lässt, ruft angesichts ihres Körpers im Totaleinsatz sowohl Empathie wie Erschrecken hervor: das mädchenhafte Tänzeln des Beginns bis zum Körpermaterial am Ende - nahezu alles passiert zwischen Flucht, Camp, Niedriglohn, Kleinkunst und großem Showgeschäft mit „Mädchen“ und „Frau“ von „Damals“ bis zu „#metoo“-Prozessen heute. Egal ob Tanz-Drill, Kostümmaßnehmen mit „Waren-Charakter“ (glänzende „Schneider“-Studie von Oleg Stepanov) oder Bunga-Bunga-Sex mit einer „gewaltigen“ Männerreihung – 1933 und 1976 und Heute reihten sich gleichsam zeitlos…

Nach der Pause war auf Ausstatter Rolf Borzigs leerer Bühne dann zu erleben, wie Pina sich frei-quer durch die Kleine Dreigroschen-Musik, durch Songs aus der Dreigroschenoper, Mahagonny, Happy End und dem Berliner Requiem ein Panoptikum leidvoller Selbstbehauptung von „Frau“ zusammenstellte. Von Matthias Burkert musikalisch beraten, dirigierte Jan Michael Horstmann den bissigen Schmiss etwa des Kanonen-Songs wie die melancholische Solo-Trompete über dem zarten „Mädchen im Spiegel“ hin zum Peitschen-getriebenen Mandalay-Song von – ja, da war plötzlich die doppelte Zahl von Frauen auf der Bühne, denn Rolf Borzig hatte die Herrenriege in un-herr-lichen Masken und noch schrägeren Roben wundersam „trans“-verfraulicht. Johanna Wokalek sang den Barbara-, den Jakob-Schmidt-, Wie-man sich-bettet-, den Alabama- und den Höllenlili-Song gekonnt, nur gelegentlich bemüht kaltherziger als sie ist und fügte sich tänzerisch nahtlos in die jeweiligen Gruppen ein. Mit Erika Skrotzki stand eine erfahrene Sing-Schauspielerin, die „das Alter“ in reizvollem Kontrast vertrat. Die Company-Tänzerin Ophelia Young knallte kess den Song „von der harten Nuss“ in den Raum. Blanca Noguerol, Azusa Stanzak, Julie Stanzak und Stephanie Troyak räkelten sich in Reizwäsche auf Pelzen, „Playmate“-reif - und keiften sich im verdoppelten Eifersuchtsduett wüst an. Doch simultan zur mitreißenden Vitalität der Weillschen Musik, den rasant wechselnden Gruppierungen und Auftritten war das Erwachen eines Mädchen-Kindes – anrührend fein die kleine Tsai-wie Tien – zu erleben, das schlafend von einem schlanken, großen Galan (Steffen Laube mit „Fürchte dich nicht“-Phrasen und Mackie-Messer-Attitüde) zunächst liebkost, umworben, bedrängt – und schließlich vergewaltigt wird. Diese Collage männlicher Dominanz und weiblich leidvoller Selbstbehauptung setzte Melissa Madden Gray singuläre Glanzlichter auf. Perfekt auf „verlebte Alte“ ausgestattet, präsentierte sie all ihre, in der britischen Szene gereifte Erfahrung des „spectacle of failure“ im Surabaya-Song: es wurde mit wunderbar tragender, rauchiger Cabaret-Stimme ein Mahnmal dafür, dass die Tragödien der „Kleinen“ das abgründige Format sämtlicher Größen besitzen - Szenenbeifall.

Danach saß sie gescheitert und verlassen am Boden – und peitschte dann die Truppe mit ihrem Gürtel in den Alabama-Song. Zum Show-Höhepunkt geriet ihr Auftritt als abgehalfterte Diva, deren halb offenes, rutschendes Federboa-Ballkleid mit weit schwingenden Ärmeln dauernd ihre – reale – Schönheit in Halb-Nackedei-Momenten aufblitzen ließ und grotesk, schräg und grell als „vergangen“ vorführte – André Hellers „Guten Morgen, Jean Harlow, wie war die Nacht?“ kam einem in den Sinn und die ganze Riege einstiger gealterter Hollywood-Schönheiten. Im letzten Song saß Madden Gray dann ganz unscheinbar im Geviert der Truppe und ließ mit dem Verwesen des „ertrunkenen Mädchens“ leises Grauen die Bühne durchziehen. Jenseits allen Schlussjubels wurde bewusst: alles unverändert aktuell, mal quälend, mal brennend. Und demnächst für zwei Abende mit Ute Lemper als Anna womöglich noch erschreckender. Doch schon jetzt fasziniert die Pina Bausch Company mit Stücken von einst und trifft mit der Brecht-Weillschen Frage „Wohin?“ genau in unsere Tage.

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