Faszinierende Hommage á Debussy – Annelies Van Parys’ Kammeroper „Usher“ an der Staatsoper Berlin uraufgeführt


(nmz) -
Mit der jüngsten Produktion ist der Staatsoper ein Coup gelungen. Jenseits der bislang formal und ästhetisch betonten Werkstatt-Atmosphäre in der „Neuen Werkstatt“, die unter der Intendanz von Matthias Schulz „Alter Orchesterprobensaal“ genannt wird, erfolgt in perfekter Illusionsraum-Lösung die Uraufführung einer ungewöhnlichen Umsetzung von Claude Debussys Fragment „La Chute de la maison Usher“.
13.10.2018 - Von Peter P. Pachl

Es fehlte nicht an Versuchen, Debussys unvollendet hinterlassene Oper aus dem Jahre 1917 aufführbar zu machen: die auf Edgar Allan Poe basierende Geschichte einer degenerierten Familie, deren letzte Nachkommen ebenso zugrunde gehen, wie das Haus Usher, in dem sie leben. Der Uraufführung des von William Harwood ausgeführten Particells, 1977 in New Haven, folgte Juan Allende-Blin mit einer Version, die 1979 an der Deutschen Oper Berlin mit einer knappen Stunde Dauer ihre szenische Uraufführung erlebte. Auch die 2013 in Göttingen realisierte Komplettierung und Orchestrierung von Robert Orledge (auch auf CD: Pan Classics C 10342) bringt es nur auf 51 Minuten.

Puzzle

Einen ganz anderen Weg der Komplettierung wählte die seit früher Jugend von Debussy begeisterte und inspirierte niederländische Komponistin Annelies Van Parys. Sie zerstückelte die Fragmente der Vorlage, das Particell von circa 20 Minuten Dauer und einige weitere Skizzenblätter, verhackstückte auch das von Debussy fertig ausgeführte, lange Lamento von Roderick Usher und setzte die Puzzleteile, ergänzt um eigene musikalische Ideen und Ausführungen, neu zusammen. Dabei sind auch Methoden der Spektralmusik, welche die Komponistin bei Luc Brewaeys studiert hat, mit eingeflossen. Gemeinsam mit der Librettistin Gaea Schoeters erstellte Parys, basierend auf den drei divergierenden Librettoentwürfen von Debussy, ein neues Libretto, in welchem nun die drei männlichen Personen Roderick, sein zu Hilfe geeilter Freund und der die dahinsiechende Schwester Madeleine behandelnde Arzt gleichmäßige Gewichtung erfahren. Dabei wurden laut Komponistin in der Partie des Arztes textlich „zahlreiche Zitate verwendet, die auf Donald Trump und Vertreter der Alt-Right-Bewegung zurückgehen“.

Spirale der Angst und Paranoia

In einer „Spirale der Angst und Paranoia“ (Parys) wird der Arzt/Le médicin zum Gegenspieler des Freundes/L’ami. Musikalisch ordnet Parys den drei Männern und der Zwillingsschwester von Roderick sowohl Motive, als auch Klangfarben zu, die partiell ebenfalls auf Debussy zurückgehen, etwa auf das Lied der Lady Madeline oder auf das unheimliche Anfangs-Motiv.

Die bereits mit einer Kammeropernfassung von Debussy „Pelléas et Mélisande“ und einer Musiktheaterversion von Janáceks „Tagebuch eines Verschollenen“ erfolgreiche Komponistin hat eine Partitur für 14 Soloinstrumente des Orchesters geschaffen, in welcher durch rhythmische Verschiebungen in den Instrumentengruppen eine Art von Orientierungslosigkeit erzeugt wird, wie sie dramaturgisch auch der männlichen Hauptperson zu eigen ist. Bruchgeräusche der Streicher und leer geblasene Posaune – als vorläufig letzte Atemzüge Madelines – sind in die Klangflächen des Orchesters integriert. Zweimal erfolgen als V-Effekt eingespielte Choreinsätze, als Stimme der Leiche oder als reflektierendes Choralmoment.

Die Intention, den L’ami als komische Figur anzulegen, war in der Aufführung jedoch nicht auszumachen. Vorherrschend ist das Motiv von Horror. Bezeichnenderweise basierte bereits Parys’ erste Opernarbeit „Private View“ (2015) auf einem Film von Alfred Hitchcock. Und auch ihr neues französische Konversationsstück für Musik arbeitet bewusst mit Referenzen an das Genre Horrorfilm.

Sieben teils monochrome, teils farbige Monitore im eigenen Bühnenraum des Regisseurs Philippe Quesne zeigen Sequenzen von Natur – wehende Blumen, einen dunklen Strudel – und insbesondere den Brand eines Wohnhauses mit dem viel zu späten Eintreffen der Feuerwehr, die an der Katastrophe nichts mehr ändern kann.

Auf der Szene baut Madeleine ein Haus aus Pappe, aus welchem es später auch dampft und brennt, bezugnehmend auf die Textstelle des Hauses Usher als „Haus Luzifers“. Quesne betont das inzestuöse Moment, wenn Roderick summend auf seiner (schein-)toten Schwester liegt. Sein Bühnenraum, mit Bezug auf klassische amerikanische Horrorfilme, fügt sich nahtlos in die klassizistischen Räumlichkeiten der Staatsoper, mit einer hohen Treppe und dem großbürgerlichen Raum mit Plüschteppichboden und dem wie selbstverständlich in das Haus Usher integrierten Orchester. Der Weg in die Krypta des Hauses passiert durch einen radikalen Lichtwechsel und kalte, ins Auditorium geblasene Luft. Obendrein spannt die untote Madeline dann ein Klebeband als Trennwände durch den Kellerraum.

Gesanglich und darstellerisch wird die neue Oper getragen von drei ungewöhnlich rollendeckenden, unterschiedlich hoch timbrierten Baritonen: David Oštrek als ein sein Leben dramatisch verhauchender Roderick, Martin Gerke als ein klassisch versierter L’ami und Dominic Kraemer als gewandt penetranter Le médicin in hohem Register. In der räumlich gegebenen Nähe zum Betrachter gelingt es Ruth Rosenfeld, die Lady Madeline in jeder Nuance ihres Spiels und Gesangs, bis hin zum Mitbewegen der Lippen beim Gesang ihres geliebten Zwillingsbruders, überzeugend zu verkörpern.

Souverän

Souverän leitet die Dirigentin Marit Strindlund die sich zwischen Impressionismus und Expessivität bewegende, in ihrer Wirkung vornehmlich tonale, aber nicht anachronistische Neuschöpfung als eine ungewöhnliche Weiterarbeit und Fortsetzung von Claude Debussys Opernprojekt. Sicheres Fundament des stets dichten, faszinierenden Musiktheaterabends im schwankenden Terrain sind die sehr engagierten Mitglieder der Staatskapelle, mit solistischen Streichern, Harfe, Flöte, Saxophon, Horn, Trompete, Posaune, Tuba, Akkordeon und Schlagzeug.

Nach gut anderthalbstündiger Aufführungsdauer in französischer Sprache, deutsch übertitelt über der Eingangstür des Hauses Usher, herrscht zunächst lange Stille im Auditorium. Dann erst bricht einhelliger Jubel los. Auch diese Reaktion spricht für die Wirkungsstärke der neuen Partitur und für die kongeniale Umsetzung des Auftragswerks der Staatsoper Unter den Linden und der Folkoperan Stockholm.

  • Weitere Aufführungen: 14., 16., 19. 21., 24., 26. und 30. Oktober 2018.

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