Geschlossener Raum für rasende Gefühle – Verdis „Il Trovatore“ an der Oper Köln


(nmz) -
Will Humburg dirigiert in Köln einen Verdi, der das Publikum in die Sitze drückt, weite dynamische Gegensätze aufspannt und das Orchester zu einem Vehikel macht, das durch große Gefühle rast. Über Tcherniakovs Interpretation dieser „Geschlossenen Gesellschaft“ lohnt es sich jedenfalls nachzudenken; Giuseppe Verdi hätte das vermutlich ganz gut gefallen, meint unser Kritiker Christoph Schulte im Walde.
07.03.2020 - Von Christoph Schulte im Walde

Geschlossene Gesellschaft – in seinem berühmten Drama versammelt Jean-Paul Sartre drei Menschen, die sich auf Gedeih und Verderb mit nichts zu beschäftigen haben als mit sich selbst und ihrer Geschichte. „Die Hölle, das sind die Anderen“ heißt bei Sartre ein zentraler Satz. Weil die Protagonisten untereinander sich sowohl als Opferlämmer fühlen wie auch als auch Täter bekennen müssen. Geschlossene Gesellschaft – als eine solche begreift Regisseur Dmitri Tcherniakov offenbar auch das Figurentableau in Giuseppe Verdis „Il Trovatore“. Hier sind es fünf Menschen, eingeladen von Azucena, die klar und deutlich zu Beginn der Oper den Ausgang absperrt. Da sitzen sie nun: Graf Luna und Leonora, Manrico und Ferrando – und eben Azucena, die Skripte zu einem Rollenspiel verteilt. „Il Trovatore“ als Zwang zur Auseinandersetzung mit sich selbst und den anderen. Mit dem, was zwar schon vor etlichen Jahren geschehen war, aber noch immer virulent ist.

Der Regieansatz, vor zwölf Jahren bereits im Brüsseler La Monnaie gezeigt und jetzt nach Köln „exportiert“, ist interessant. Ein geschlossener Raum lässt weder Flucht noch Verschwinden zu. Im Idealfall also werden Zusammenhänge rekonstruiert, Verstrickungen entwirrt, die Probleme von einst womöglich gelöst. Das gelingt auch ganz gut und das Publikum im Staatenhaus (das auf unabsehbare Zeit die Ausweichspielstätte der Oper Köln bleiben wird) bekommt buchstäblich hautnah all die Dramatik mit, die in den vertrackten Beziehungen des Personals gesteckt hat. Und weil alles aus Erinnerungen besteht, wird auch kein realer Chor benötigt, weder der des frei vagabundierenden Volkes noch der Truppen des Grafen Luna. (Der Chor singt seine Partien aus dem Off hinter oder neben der Bühne.)

Aber was macht die Erinnerung mit dem Grafen Luna? Die Frage stellt sich im zweiten Teil des „Trovatore“. Denn da lässt Dmitri Tcherniakov die Vergangenheit in brutale Gegenwart umschlagen: Luna dreht durch, die uralte Begierde nach Leonora schießt ihm in den Kopf und offenbar auch in den Rest seines Körpers. Ein Revolver wird gezückt, Manrico erschossen, während Leonora sich vergiftet. Dieser Gewaltexzess kommt etwas überraschend und scheint nicht so ganz zum anfänglichen Konzept des reflektierenden Rollenspiels zu passen. Sorgt aber für reichlich Action. Und das hätte Giuseppe Verdi vermutlich ganz gut gefallen.

Action legt aber auch das Gürzenich-Orchester ganz ordentlich an den Tag. Kein Wunder, denn wieder einmal steht Will Humburg als Gast am Dirigentenpult. Ein Gast, der in den letzten Jahren in Köln und anderswo immer wieder für Furore gesorgt hat. Sein Verdi drückt das Publikum in die Sitze, spannt weite dynamische Gegensätze auf, macht das Orchester zum Motor, der durch große Gefühle rast. Hinzu kommen großartige Sängerdarsteller, zu denen explizit auch Arnold Rutkowski gehört. Krankheitsbedingt lässt er sich zwar vor Beginn der Oper von Intendantin Birgit Meyer als indisponiert ansagen, schafft es aber sehr beachtlich, seine Rolle als Manrico auszufüllen. Nach der Pause allerdings zieht er die Bremse, beschränkt sich auf das Spiel auf der Bühne, während sein Kollege George Oniani vom Theater Bonn vom Seitenrand aus singt – strahlend, aber etwas pauschal. Scott Hendricks ist ein nobler Bariton, der sich durch die aktuell wieder aufkeimenden Gefühlswirrungen des Grafen Luna hindurch kämpft und dies auch ganz großartig darstellt; Aurelia Florian mobilisiert ihren leicht dunklen Sopran, der perfekt zur Leonora passt, aber auch keinerlei Mühe hat, sich klangschön in die Höhe zu schrauben. Giovanni Furlanetto stattet den Ferrando mit sattem, sonorem Bass aus. Im Ensemble also bleiben ebenso wenig Wünsche offen wie im Orchester. Und über Tcherniakovs Interpretation dieser „Geschlossenen Gesellschaft“ lohnt es sich nachzudenken.


  • Weitere Termine: 12., 14., 18., 21., 25., 29. März (letzte Aufführung)
  • www.oper.koeln.de

 

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