In ihrem Potenzial kenntlich gemacht: Prokofjews „Krieg und Frieden“ am Staatstheater Nürnberg


(nmz) -
Nicht weniger als 20 Solistinnen und Solisten sind es, die sich am Ende zusammen mit dem großen Chor vor dem jubelnden Publikum verbeugen. Keine Frage, dem Staatstheater Nürnberg ist zum Start in die neue Opernsaison auf beeindruckende Weise ein Kraftakt gelungen.
01.10.2018 - Von Juan Martin Koch

Die Frage, ob Sergej Prokofjew Anfang der 1940er-Jahre der Kraftakt gelungen ist, Tolstois monumentalen Roman „Krieg und Frieden“ in eine überzeugende Oper zu verwandeln, beantwortet der Premierenabend hingegen nur zum Teil. Anders gesagt: Regisseur Jens-Daniel Herzog, der neue Staatstheaterintendant, und Joana Mallwitz, die neue Nürnberger Generalmusikdirektorin, haben sich dafür entschieden, das wegen seiner Ausmaße und personellen Anforderungen kaum gespielte Werk zumindest einmal mit einer von vier auf knapp drei Stunden Spielzeit gekürzten Fassung zur Diskussion zu stellen.

Die Kürzungen betreffen vor allem den zweiten Teil der Oper, in dem Prokofjew den Blick ein Stück weit von den privaten Schicksalen in Friedenszeiten (erster Teil) weg auf das kollektive Schicksal des russischen Volkes im Krieg lenkt. Das geht nicht ohne fragwürdige patriotische Massenszenen ab, die als Zugeständnisse an die stalinistische Kunstdoktrin mitten im „großen vaterländischen Krieg“ gewertet werden können.

Die vor allem hier angesetzten, dramaturgisch durchaus sinnvollen Straffungen stellen somit wieder die Einzelpersonen in den Fokus: vor allem das Liebespaar Andrej und Natascha, das erst im Tod Andrejs wieder zueinander findet, und Pierre, der sich aus intellektueller Neugier auf das Schlachtfeld begibt. Aber auch der zur Kultfigur hochgejubelte Generalfeldmarschall Kutusow sitzt mit seiner Entscheidung, Moskau Napoleon und den Franzosen zu überlassen, auf einmal ziemlich alleine auf der Bühne.

Jens-Daniel Herzog sorgt auf der einen Seite mit eingeblendeten Zwischentexten ganz pragmatisch für Orientierung im Handlungsgeflecht und im Personendickicht. Auf der anderen Seite versucht er in seiner Inszenierung aber auch, vier Zeitebenen wirksam werden zu lassen: die Handlungszeit, die Entstehungszeiten von Tolstois Roman und von Prokofjews Komposition sowie die Gegenwart. Das gelingt nicht durchweg überzeugend, zumal das neutral schwarzwandige Bühnenbild von Mathis Neidhardt wenig Atmosphäre verbreitet. Plakativ getroffen ist aber die aktuelle Moskauer Partygesellschaft, in der man als Schönheitschirurg hohes Ansehen genießt und – ein köstlicher Anachronismus – Napoleon im Live-Interview über die Bildschirme flimmert.

Hier bricht mit aller Wucht und ganz wörtlich der Krieg herein, wenn der Chor die rückwärtige Bühnenwand durchstößt und noch vor der Pause mit seinem wuchtigen Epitaph auf die kommenden Schlachten einstimmt. Wo es dann zwischenzeitlich etwas diffus wird, wenn einerseits die große Napoleon-Szene in eine Persiflage der russischen Soldaten umgedeutet wird, später aber dann doch der „echte“ Napoleon auftritt. Wie den Besatzern dann aber die Widerstandsparolen der Moskauer per Lautsprecher um die Ohren gehauen werden, das hat eine doppelbödige theatrale Kraft. Das gilt auch für die Schlussszene, in der die Russen die in Eiseskälte heimmarschierenden Franzosen ausziehen und über die erfrorenen Leiber hinwegsteigend ihr Siegerlied anstimmen.

Wie Prokofjew diesen Schneesturm orchestral ausmalt, zeigt das ganze Ausmaß der suggestiven Bildgewalt, zu der seine Musiksprache fähig ist und die er immer wieder überzeugend auf die Romanvorlage anwendet. Joana Mallwitz bündelt die Kollektivkräfte klug, lässt das enorm konditionsstarke Orchester kaum einmal die Sänger übertönen und hat das Ganze auch im Kontakt zur Bühne bis auf kleine Wackler im zweiten Teil bewundernswert gut im Griff. Auch die Chöre entfalten in der Einstudierung Tarmo Vaasks furchteinflößende Intensität.

Die Ensembleleistung ist bis in in die vielen Nebenrollen hinein (viele Sänger übernehmen mehrere davon) herausragend. Jochen Kupfer und Zurab Zurabishvili als Andrej und Pierre gibt die Partitur Gelegenheit über die pure sängerische Bewältigung hinaus vokal zu charakterisieren, Eleonore Marguerre betörte mit ihrem jugendlich-schlanken, dabei jederzeit durchschlagsfähigen Sopran. Nicolai Karnolsky machte nicht nur als Kutusow eine gute Figur, sondern genoss auch sichtlich den Unterhosen-Auftritt, mit dem er als Fürst Bolkonski die Aufwartung Nataschas und ihres Vaters ad absurdum führt.

So stand diese Doppelbesetzung durchaus stimmig für die Verschränkung von Krieg und Frieden in dieser Monumentaloper, die das Staatstheater mit dieser beachtlichen Produktion in ihrem Potenzial kenntlich gemacht hat.