Mit dem neuen Chef Andris Nelsons will das Gewandhausorchester in eine starke Zukunft


(nmz) -
Beim Schlussapplaus verdecken die ihm von Gewandhausdirektor Andreas Schulz und Orchestervorstand Tobias Haupt ans Herz gedrückten Riesensträuße Gesicht und Oberkörper. Jetzt ist er da, endlich! Nach zwei Jahren, seit dem verdrückten Absprung von Riccardo Chailly an die Mailänder Scala, wird der lettische Dirigent Andris Nelsons (39) als 21. Gewandhauskapellmeister Amtsnachfolger in direkter Linie von Felix Mendelssohn Bartholdy und künstlerischer Leiter des personenstärksten Kulturorchesters Deutschlands. Das gelbe Nobellabel Deutsche Grammophon schiebt die neue Traumallianz mit einer weiteren Einspielung der siebten Sinfonie von Anton Bruckner an. Accentus bringt Antonin Dvořáks „Aus der Neuen Welt“ und von Plakatsäulen jubelt es im Stadtgebiet überall „Andris“!
23.02.2018 - Von Roland H. Dippel

Noch vor sechs Jahren jubelte es von Plakaten genauso „Kristjan“ für den Ende dieser Spielzeit vom MDR-Sinfonieorchester tendenziell eher etwas ungeliebt scheidenden Kristjan Järvi. Die Festwochen vom 18. Februar bis zum 23. März gelten aber nicht nur der Amtseinführung von Andris Nelsons, sondern auch dem Jubiläum „275 Jahre Gewandhausorchester“. Die Ladung der Konzerte, Rahmenprogramme und Talkrunden ist geballt. Parallel zur Ausstellung im Gewandhaus-Foyer druckt man beim Altenburger Verlag Kamprad gerade eine neue Geschichte des Gewandhausorchesters, Erscheinungsdatum demnächst.

Erst im Herbst wurden die Räume des Internationalen Kurt-Masur-Instituts im Mendelssohn-Haus eröffnet. Andris Nelsons hat überdies mit einer Boston-Woche die Achse zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Vorzeigeklangkörper reaktiviert, die Kurt Masur begründete. Neben umfassenden Hommagen zum 90. Geburtstag von Herbert Blomstedt erklangen 2017/18 in programmatischer Dichte viele der wichtigen im Leipziger Gewandhaus uraufgeführten Konzertstücke vor allem des 19. Jahrhunderts. Andris Nelsons aber will unbedingt mehr musikalische Gegenwart wie vor ihm schon Chailly, dessen Ambitionen in Sachen Neue Musik dann allerdings im Schatten von Luxusprojekten wie einem Mahlerzyklus nach und nach verebbten.

Forsche Gangart nach vorn

Nelsons nimmt jetzt die forsche Gangart nach vorn. Erstmals in der Geschichte des Gewandhausorchesters gibt es seit 2017 einen Gewandhauskomponisten, den Münchner Jörg Widmann. Zu den Eröffnungsfestwochen hat Nelsons gleich vier Uraufführungen in Auftrag gegeben, den an ihn ergangenen musste der erkrankte Wolfgang Rihm vorerst zurückreichen. Neben ihm kommen Jörg Widmann (ab 8. März mit „Partita – Fünf Reminiszenzen für großes Orchester“) und der Tiroler Thomas Larcher (nach einer Uraufführung 2015 wieder ab 15. März mit „Chiasma für Orchester“) zu Uraufführungsehren, vor allem aber, berechtigt, der Wahlleipziger Steffen Schleiermacher, eine der standfestesten und profiliertesten Säulen der Neuen Musik in Mitteldeutschland.

Steffen Schleiermacher ist wie Robert Schumann ein aktiver Komponist für den großen Gewandhaussaal. Zugleich stecken in ihm und seiner staubtrockenen Begeisterung, mit der er seit Jahren die Kammerreihe „musica nova“ im Mendelssohnsaal quicklebendig hält, viel von der Salonlöwin Clara Wieck (Jubiläum 2019 ante portas). Vom hohen Paar Robert und Clara trennt Steffen Schleiermacher allerdings sein mit einer Messerspitze Sarkasmus gewürzter Realitätssinn. Auf die Frage, was seine persönliche Verbindung zum Gewandhaus sei, lautet seine Antwort lakonisch: „Die Straßenbahn 12.“ Insofern darf man gespannt sein, wie der Wunsch der neuen Leitung nach Progression, dem von treuen Gewandhaus-Abonnenten in flehend-zürnenden Leserbriefen an die „Leipziger Volkszeitung“ eingeforderten romantischen Kernrepertoire vor Richard Strauss und eine avancierte Spielplanpolitik weiterhin zusammengehen werden.

Zum ersten Konzertabend ist trotz der Uraufführung von Schleiermachers „Relief für Orchester“ das Durchschnittsalter der drei gebotenen Werke noch immer fast 90 Jahre: Alban Werks Violinkonzert mit der lettischen Geigerin Baiba Skride steht für die klassische Moderne, Mendelssohn „Schottische Sinfonie“ für die ultraromantischen Zentralkompetenzen des Gewandhausorchesters und seine Feier als kultureller Tourismusmagnet.

Viel Applaus für Schleiermacher

Das Publikum reagierte in feiner Abstufung: Viel Applaus für Schleiermacher, der neben einprägsamen Tonwiederholungen der Blechbläser über Schlagwerkeffekten in seiner Partitur viele kleine Soli für die Musiker quer und sprunghaft verteilte. Eine pragmatische Komposition, deren Abkehr vom Genie-Image selbst zu einer konträren, doch ebenbürtig liebenswerten Pose wird und gerade durch Steffen Schleiermachers engagierte Nüchternheit überzeugt. Deshalb macht sein „Relief für Orchester“ auch Spaß.

Es wäre Vermessenheit, gleich an diesem und den vorausgegangenen Auftritten von Andris Nelsons die künstlerische Gangart und Erfolgseffizienz der nächsten Jahre zu prognostizieren. Die Hörer im nicht ganz vollbesetzten Gewandhaus-Auditorium reagierten am Ende herzlich und mit einer kleinen Nuance Verhaltenheit, vor der Pause auf Baiba Skrides üppig emphatisches Melos für Bergs „Andenken eines Engels“ sogar laut und enthusiastisch. Dieses Konzert wurde vor allem deshalb zum Fest, weil nichts von Routine spürbar wurde oder der auf ganz hohem Niveau vom Gewandhausorchester mitunter dräuenden Tendenz zum glatten Klang. Andris Nelsons ist sicher kein Entertainer am Pult und schafft es am Beginn dieser Partnerschaft dennoch hervorragend, die Musiker ihre Mehrfachbelastungen durch Oper, „Große Concerte“, Sonderkonzerte, Kammerkonzerte, Gastspiele, CD-Aufnahmen und Kirchenkonzerte im Dienste Bachs vergessen zu machen. Er holt aus dem eigentlich noch im klassizistischen Ideal verhafteten Satz Mendelssohns eine üppige, fast slawische Dichte. Sein Mendelssohn hat die musikalische Bekanntschaft mit den viel später auftretenden Komponisten Dvořák und Brahms schon hinter sich. Die Musiker geben unter seiner musikalischen Leitung, wie es scheint, generell etwas mehr Klangfülle.

Eigenleben der Akkorde

Jeder Akkord, jeder Ton ist getragen von der eigenen Substanz und gewinnt auch unter den Phrasierungsbögen an Eigenleben. Agogik und Schwellungsvolumen sind in Übereinstimmung. Man hört nicht nur die Töne, sondern spürt sich mit ihrem Pulsieren erhoben. Da merkt man ein Wollen, dem Routine und Ebenmaß für dieses Mal fern sind. Eine solche Transparenz zwischen Holzbläsern und Streichern, dazu noch gezielte Dialogbereitschaft waren in letzter Zeit zu selten. Sinnlich schönen Flitterwochen, in denen aus der Zweckgemeinschaft zwischen Luxusorchester und Stardirigent vielleicht sogar eine tiefe Liebesbeziehung werden könnte, steht also vorerst nichts im Wege. Auch wenn es bis zum ersten Auftritt Andris Nelsons‘ in der Oper Leipzig wegen überfüllter Agenda allermindestens bis Anfang der zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts dauern wird. Und dann ist es wohl auch an der Zeit, dass neben Andris Nelsons seine Frau, die international von der Met bis Covent Garden aktive Sopranistin Kristine Opolais, in Leipzig anderes zu hören gibt als das „Lied an den Mond“ aus ihrer Paraderolle „Rusalka“, das bei ihrem Gewandhausdebüt 2017 zum Höhepunkt wurde.

  • Festwochen zur Amtseinführung des 21. Gewandhauskapellmeisters Andris Nelsons und zum 275. Jubiläum des Gewandhausorchesters -18. Februar bis 23. März 2018: www.gewandhausorchester.de