Ohne Gespür: Dominique Horwitz vergeigt Dimitri Schostakowitschs „Moskau, Tscherjomuschki“ am MIR Gelsenkirchen


(nmz) -
Das Problem ist seit etlichen Jahren hinlänglich bekannt: Wohnraum in Deutschland ist knapp! Knapp für junge Paare, die händeringend nach ihren ersten eigenen vier Wänden suchen, knapp für Menschen mit geringem Einkommen, für Geflüchtete, für Rentner, deren Monatsbudget mehr als prekär ausfällt. Also müssen bezahlbare „Hütten“ her! Im Jahr 2017 fehlten – je nachdem, welche Studie man heranzieht – bis zu 1,2 Millionen Wohnungen!
04.04.2018 - Von Christoph Schulte im Walde

Das ist bittere Realität im konjunkturstarken Deutschland mit seiner so gelobten „sozialen Marktwirtschaft“. Dasselbe Phänomen prägte aber auch Ende der 1950er Jahre weite Teile jener Welt, in denen der „real existierende Sozialismus“ Gesellschaft und Politik beherrschte und für Wohlstand für alle sorgen sollte. Prominentes Beispiel: Moskau! Viel zu eng für all die Menschen, die damals dort leben wollten oder mussten, weshalb außerhalb der Metropole ein Neubaugebiet namens „Tscherjomuschkin“ aus dem Boden gestampft wurde. Eine jener modernen Plattenbausiedlungen mit Wohnungen, in deren Genuss man allerdings erst nach erfolgreich verlaufener Zuteilung kam. Von diesem Moskau erzählt Dimitri Schostakowitschs „Moskau, Tscherjomuschki“, die 1959 nach ihrer Uraufführung gefeierte Operette.

Natürlich steckt in diesem Stück unterschwellige Kritik, Ironie, Satire. Weil der Sozialismus und seine Segnungen auch mit Wohnungen natürlich nur auf dem Papier stand. Sascha und Mascha, frisch verheiratet, gucken nach wie vor in die Röhre. Lidotschka, die junge Museumsführerin, und ihr Vater Baburow haben zwar eine Bleibe im Neubau, aber die soll auf einmal futsch sein und – dank korrupter Machenschaften – kurzerhand mit der Nachbarwohnung zu einem größeren Etablissement zusammengelegt werden. So der Plan von Wawa, dieser Möchtegern-Diva mit direkter (Liebes-)Beziehung zum zuständigen Funktionär Drebednjow. Und dann ist da noch die Geschichte von Sergej, dem Chauffeur des Funktionärs, und der klassenbewussten Ljusja – viel Stoff also für eine anspielungsreich gestaltbare Story „aus dem gewöhnlichen Leben“.

Gespürlos

In der Gelsenkirchener Inszenierung von Dominique Horwitz, dem namhaften Schauspieler und Entertainer, ist von all dem leider nichts zu spüren. Weil Horwitz schlichtweg gar keine Geschichte(n) erzählt! Allenfalls werden sie angedeutet: die Schicksale der Paare und Individuen kommen als Sitcom aus dem Off, das Bühnenpersonal hört und sieht aufmerksam zu. Dieses ist eine uniformierte Armee, gedrillte Fabrikarbeiter, die tagsüber mechanisch Spielzeug zusammenbasteln. Dank täglich verabreichter Aufputsch-Pille funktioniert das wie geschmiert, zu Anfang wie auch am Ende wieder. Ab und an schaut der Funktionär vorbei, eliminiert willkürlich mal ein paar der wie Roboter agierenden menschlichen Produktionsmittel. Ihren Feierabend verbringen sie in einem schäbigen Keller. Mit Etagenbetten, mit primitiven Waschbecken, über denen längst blind gewordene Spiegel hängen. Aber was soll‘s: man freut sich auf den nächsten Morgen mit der nächsten Aufputsch-Pille und der nächsten Lautsprecherdurchsage mit „aufbauenden“ Parolen, die den Lobpreis auf das Kollektiv anstimmen. Getreu dem Motto „Brot und Spiele“ gibt‘s dann noch ein albernes Ritterspielchen mit brustbepanzerten Mannen, Prinzesschen und grazilen Hofdamen.

Keine Spur von Ironie oder Kritik

In diesen Bildern erschöpft sich Horwitz‘ Ausdeutung der Geschichte aus Moskau. Keine Spur von Ironie oder Kritik, schon gar keine Spur irgendeines Bezuges zum Hier und Jetzt, obgleich die Parallelen auf der Hand liegen. Überdies verhindert die Regie, dass sich Charaktere entfalten, dass sich Beziehungen der Personen untereinander entwickeln können. Eine vertane Chance also – und im Ergebnis zwei lange Stunden, denen auch Schostakowitschs Operettenmusik nicht sonderlich aufhelfen können. Der Komponist zitiert mitunter sich selbst, macht aber auch Anleihen bei Jacques Offenbach, Franz Lehár und, und, und. Eine intelligente Inszenierung ließe so manche Walzerseligkeit oder Pathetik à la Tschaikowsky ganz sicher als Ironie wirken – in Horwitz‘ Tableaus aber bleibt die Musik affirmativ. Schade um den riesigen Aufwand, den Pascal Seibicke in Bühnenbild und Kostüme investiert hat. Dagegen hat Alexander Eberle fabelhafte Arbeit in den Gelsenkirchener Opernchor gesteckt, der Enormes leistet, weil er im Grunde die Hauptperson des Stückes in dieser Inszenierung darstellt. Die Solisten sind weitgehend in den Chor integriert und präsentieren durchweg stimmliche hohe Qualität. Dirigent Stefan Malzew hält alles bestens zusammen, dreht gern mal dynamisch auf, wenn die Blechbläser ihre Fanfaren schmettern, verströmt mit den Streichern Walzerseligkeit und sorgt an entsprechenden Stellen für russisch-folkloristische Farben. Was nützt es aber, wenn das Szenische so wenig hergibt!

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