Rendezvous mit dem Tod – David T. Littles Kennedy-Oper in Augsburg


(nmz) -
„Die Amis trauen sich“ könnte salopp auch im Musiktheater festgestellt werden: „Nixon in China“, „Diva“, „Doctor Atomic“, „Marilyn“, „Frau Schindler“ – US-Komponisten greifen in ihre nähere Geschichte und wagen sich an zeitgenössisch relevante Themen. Nun also „JFK“, eine Oper über John Fitzgerald Kennedy in Augsburg. Wolf-Dieter Peter nimmt die europäische Erstaufführung ins Visier.
25.03.2019 - Von Wolf-Dieter Peter

„Oper in 31 Momenten und einem Prolog“ haben David Little (Komposition) und Royce Vavrek (Libretto) ihr zweistündiges Musiktheater über die letzten 24 Stunden von John F. Kennedy vor seiner Ermordung in Dallas genannt. Dass sich das zum 4. Staatstheater erhobene Theater Augsburg diese Vielzahl wechselnden Szenerien traut, liest sich zunächst erstaunlich: angesichts der grundlegenden Sanierung und Renovierung des großen Hauses spielt die Oper in der zwar inzwischen etablierten Ausweichspielstätte „Martini-Park“, doch ohne wirkliche Seiten- und Hinterbühnen. Ergebnis: tollkühn – und frappierend gelungen.

Regisseur Roman Hovenbitzer und sein Bühnen-Video-Duo Natalia Orendain del Castillo und Paul Zoller haben über die Stilebene „phantastischer Realismus zwischen Vision und Wirklichkeit“ hinaus aufgegriffen, dass Kennedy der erste „Fernseh-Präsident“ war: er führte nicht nur das erste TV-Duell der Kandidaten – souverän gegen „Tricky Dick“ Nixon -, sondern brillierte auch in den erstmals öffentlich übertragenen Pressekonferenzen mit Witz und Ironie und als letzte Steigerung gab es die Film-reifen Auftritte mit der zur Stil-Ikone geformten Jackie. So beginnt die Augsburger Inszenierung an einem Regietisch direkt hinter dem Orchester. Dort sitzt ein auch mehrfach auf der Bühne mitspielendes Duo, gibt ein lautloses „Action!“-Zeichen, lässt historische Film-Dokus auf den dann vielfach verschieb- und drehbaren Wandteilen per Projektor loslaufen – und unter der Decke leuchtet rot „REC“ auf: wir erleben die Aufzeichnung einer neuen JFK-Spiel-Doku mit. So sind die Verschränkung von Szenen, ihr fließender Übergang und per Lichtwechsel, auch der Wechsel von Traum und Realität möglich. Und wie Schicksalsboten greift das Regie-Duo als „Betreuerin Clara“ und „Secret-Service-Mann Rathbone“ ins Bühnengeschehen ein, ergänzt durch den grellen Todesboten „Cutter“, der am Ende triumphierend den Finger hebt. Davor liegt Kennedy wiederholt in der schmerzlindernd wärmenden Badewanne, lässt sich eine Morphium-Spritze setzen, zieht sich um und umarmt zwischen zwei Schiebewänden kurz Marilyn Monroe. Dazu kontrastiert der „Cheer-Girl“-Auftritt der später hirn-operierten Schwester Rosie. Um den hemdsärmligen Texaner Lyndon B. Johnson brüllen „Red Necks“ und Strip-Girls mit einem Hauch von Hill-Billy. Aus einer Schiebewand ragt das weiße Imitat des späteren Attentatswagens heraus – und es berührt erschreckend, wenn der Bühnen-Kennedy darin übend Platz nimmt, mehr noch, wenn später Jackie sein Lieblingsgedicht rezitiert, Alan Seegers „Hab mit dem Tod ein Rendezvous / Bei Nacht, in einer Stadt, die brennt… / Dies Rendezvous verpass ich nicht.“

Komponist Little bietet für diese Szenenfülle ein großes, spätromantisches Orchester auf, bereichert um Klavier, Xylo- und Vibraphon, Glockenspiel, Gongs und anderes raffiniertes Schlagwerk bis zum amerikanischen „Banger“-Rohr. Er schreibt dominant tonal, harmonisch - enttäuscht damit alle Modernisten und macht das Werk sofort musiktheatralisch zugänglich. Auf immer wieder breit liegenden Streicherflächen von zwei, die Tönen erheben sich die weitgehend sehr sanglich, damit auch textverständlich geführten Singstimmen. Dramatische Ausbrüche von Jackie werden auch mal schrill, dagegen rührt der Lamento-Tonfall von Jackies großer Klage an (beeindruckend Mezzosopran Kate Allen). Demgegenüber wird aber das einzige Manko des Werkes klar: die Titelfigur hat keine eigene, beeindruckende Szene, was auch die Wirkung von Bariton Alejandro Marco-Burmester minderte. Dass Komponist Little das Gespür für Großes hat, beweist er in der finalen Annäherung an die europäische Operntradition: er und Librettist Vavrek führen in einem dramaturgischen Kunstgriff Jackie Kennedy und ihr späteres zweites Ich als Jackie Onassis (klangschön Mezzosopranistin Natalya Boeva) sowie Clara (Sopranistin Sally du Randt) zusammen – ihr „Rosenkavalier“-nahes Terzett wird zum vokal schwelgerischen Höhepunkt des Abends.

Der einhellige Schlussjubel für die beiden Autoren und das gesamte Bühnenteam signalisierte: Bravo! Hier wird, gerade in unseren Tagen voller Polit-Rabauken und -Clowns, eine zeitnahe Figur verewigt, die Willy Brandt treffend charakterisierte und die heute fehlt: ein „vorwärtsgewandter Mann“! Also: dem Werk eine faszinierende „JFK“-Szene einarbeiten – und dann unbedingt nachspielen.

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