Richard Strauss an Dresdens Semperoper: „Ariadne auf Naxos“ zwischen Antike und Rokoko


(nmz) -
Die Oper in der Oper, das ist eine ebenso dankbare wie fragwürdige Angelegenheit. Richard Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal haben vor gut hundert Jahren nach ihren gemeinsamen „Rosenkavalier“-Erfolgen mit „Ariadne auf Naxos“ eine hübsche Verbindung von Antike und Rokoko, von Mythologie und damaligem Zeitgeist auf die Bühnen zu bringen versucht. Der bis heute anhaltende Erfolg von „Ariadne auf Naxos“ gibt ihnen noch nachträglich Recht. Was aber nicht bedeuten muss, dass jede Neuproduktion dieses genremäßigen Zwitterwesens auf Gegenliebe stoßen muss.
04.12.2018 - Von Michael Ernst

In Dresden wurde dies soeben an der Semperoper unter Beweis gestellt. Da Strauss-Opern dort gleichsam Chefsache sind, stand Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle und dirigierte ein sängerisches Spitzenensemble. Da klang der ganze Abend wie ein Rausch – orchestrales Schwelgen und instrumentale Brillanz mischten sich mit Vorzeigesolisten, die beinahe ausnahmslos auf den Chefdirigenten als Sachwalter des Strauss’schen Erbes fixiert schienen.

Wenn in der Besetzungsliste als Haushofmeister ein Alexander Pereira verzeichnet ist, also tatsächlich der Ex-Intendant von Zürich, Salzburger Festspielen sowie aktuell des Teatro alla Scala di Milano, und der auch in den kommenden Aufführungen mitwirken soll (obwohl doch am 7. Dezember dessen neue Saison in Mailand mit Verdis „Attila“ beginnt), dann trumpft die Semperoper tatsächlich mit einer hitverdächtigen Personage auf. Was auch ein Hinweis auf die Koproduktion mit Nancy und Lausanne nicht schmälern kann.

In Dresden werden Krassimira Stoyanova als Primadonna / Ariadne und Daniela Fally als Zerbinetta geradezu durch den Abend getragen. Die beiden weiblichen Gegenparts gehen in Spiel und Gesang ein ständiges Kräftemessen ein, betören geradezu mit ihren so unterschiedlichen Timbres, die sich hier herzlich ergänzen. Als Tenor und Bacchus stanzt Stephen Gould durch die Szene, die er souverän mit vokaler Inbrunst garniert, und auch Daniela Sindram als Komponist, Albert Dohmen als Musiklehrer sowie die viergestaltige Anhängerschar der mal soubrettenhaften, vor allem aber kolloraturstarken Zerbinetta legen sangesstarke Beweise des Prinzips ‚Prima la musica' ab.

‚Dopo le parole‘ könnte in diesem Fall so übersetzt werden, dass es auf die Worte zur szenischen Umsetzung vordergründig nicht ankommt. Regisseur David Hermann, der hier sein Dresden-Debüt gegeben hat, musste das natürlich anders sehen und großen Wert auf eine inszenatorisch eigenständige Handschrift legen. Dafür hat er allerdings Vorspiel und Oper, die sich bei Strauss ja lebhaft durchmischen sollen, deutlich getrennt. Sichtlich unterstützt wurde er dabei von Bühnenbildner Paul Zoller und Kostümbildnerin Michaela Barth.

Nach einem amüsanten Entrée, das vor drei Türen stattfindet, hinter denen sich jedes Mal andere Räume auftun (und in dem nun just der Scala-Intendant im Namen der Herrschaft den geladenen Künstlern gestalterische Fesseln anzulegen hat!), stürzt die Inszenierung zwar in optische Opulenz, durch die sich allerdings ein wachsender und kaum zu überwindender Graben zieht.

Links gibt es ein zauberhaft buntes Rokoko-Ambiente zu bestaunen, in dem Zerbinetta mit ihren Liebhabern herumflirtet, rechts dräut dunkel die Sagenwelt der Ariadne, die hier noch obendrein mit „Elektra“-Zitaten aufgeladen ist. Da wischen Najade, Dryade und Echo übers Holz, als gälte es, einen mächtigen Blutfleck zu tilgen, und als würde das noch nicht reichen, kommt Ariadne in ihrer Lebensunlust dann auch noch mit einem Beil auf die Bühne, als müsste sogleich ein gewaltiges Palastmorden stattfinden.

Einerseits straft diese Trennung verbindende Ambitionen, andererseits macht sie Kontraste deutlich, die auch eine figürliche Nähe von Oper und Vorspiel betonen. Die hinreißend leidende Ariadne gerät so nicht nur zur Elektra-Schwester im Geiste, sondern auch zum Spiegel der vermeintlich oberflächlich dahinl(i)ebenden Zerbinetta. Dass die aber auch ernsthafte Gefühle hegt und sich damit quält, ergibt sich aus der Verbindung von Vorspiel und Oper. Hat sich nicht auch die Todessehnsucht Ariadnes schon in den Selbstmordabsichten des Komponisten gespiegelt, der vor dem großen Fest in die Kühlzelle zu fliehen versucht? „Ariadne“ ist und bleibt eine Welt der Kontraste, getragen von der Opulenz großer Musik. Als Oper in der Oper macht sie das geradezu doppelbödig deutlich.

  • Termine „Ariadne auf Naxos“: 5., 8., 12., 14. Dezember 2018