Schattenreich: Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Mit der Shakespeare-Oper „A Midsummer Night’s Dream“ hat die Britten-Reihe an der Deutschen Oper Berlin einen besonderen Höhepunkt erreicht. Die Berliner Version der Koproduktion mit der Oper Montpellier erntete einen uneingeschränkten Premierenerfolg. Peter P. Pachl berichtet.
27.01.2020 - Von Peter P. Pachl

Unter Benjamin Brittens Opern nimmt „Ein Sommernachtstraum“ (deutsche Erstaufführung 1961 in Hamburg) eine besondere Stellung ein. Nicht nur dass es die dem britischen Publikum bestvertraute Spielvorlage ist, für welche der Komponist ausnahmsweise keinen eigenen Librettisten herangezogen, sondern – gemeinsam mit seinem Lebenspartner Peter Pears – den originalen Shakespeare-Text eingestrichen und den Expositionsakt am Hof des Fürsten Theseus in Athen weggelassen hat. Gegenüber Brittens vorangegangenen Opernpartituren benötigt die 1960 beim Aldebourg Festival uraufgeführte Oper einen größeren instrumentalen Aufwand – mit Streichern, zweifachem Holz und Blech, zwei Harfen, Vibraphon, Glockenspiel Celesta und Cembalo.

Für die so vom Komponisten erzeugte besondere Klangfülle ist Generalmusikdirektor Donald Runnicles ein optimaler Sachwalter, und angesichts des immer noch nur „mittleren“ Orchesterapparats läuft die in Originalsprache erklingende Aufführung nie Gefahr, voluminös zur überborden. Runnicles arbeitet die spezifische Abfolge von vier Akkorden in den unterschiedlichen Instrumentengruppen, deren Wiederkehr in dieser Partitur dem Modell der Passacaglia folgt, trefflich heraus. Luzide und genussvoll sind die Streicherglissandi der Elfenwelt – über eine Abfolge von zwölf Tönen, gleichwohl der Dur- und Moll-Tonalität verpflichtet.

Der als Auslöser des Streits zwischen Titania und Oberon oft eliminierte und in Deutschland erst durch Max Reinhardts legendäre Inszenierung am Deutschen Theater Berlin bedeutungsmäßig ins rechte Licht gesetzte, vom Götterehepaar adoptierte indische Prinz als Lustknabe fehlt in Brittens Adaption selbstredend nicht. Hier bildet er, mit großem Spielzeughasen, in blauer Knaben-Uniform den einzigen Farbpunkt inmitten von jenem Einheits-Grau, in das Kostümbildnerin Annemarie Woods die Elfengesellschaft gehüllt hat.

Der Wald ist bei Bühnenbildnerin Marsha Ginsberg der leere Raum, bisweilen sparsam bestückt mit einer getragenen Mondsichel und einer ins Nichts führenden Leiter. Die Farblosigkeit wählte Regisseur Ted Huffman offenbar als Metapher für das den Menschen Unsichtbare, ein Schattenreich.

Per Flugwerk und mit Saltos schwebt der schottische TV-Darsteller Jami Reid-Quarrell als Kobold Puck herein, akrobatisch überzeugend, in einer Spezialchoreografie von Ryan Arthur Braun. Im Gegensatz zu den Grautönen der Elfen-Welt ist das offizielle Athen in rote Uniformen gewandet, und für das Schlussbild wird der Raum mit roten Bodentuch versehen und mit roten Aushängen begrenzt. Während des Zwischenspiels zur Verwandlung des Raums legt der Sängerdarsteller des Löwen vor geschlossener Courtine große Löwenfüße an.

Leider verliert die Darbietung der fünf Handwerker als Laien-Schauspieler, choreographiert von Sam Pinkleton, durch den hier zur Schau gestellten Aufwand gegenüber der im Original intendierten zauberhaft-komischen Imagination: außer dem Darsteller der Wand wird nun beispielsweise obendrein ein riesiges Transparent als Mauerwand gehalten und große Bread- and-Puppet-Figuren agieren als virtuos geführte Stabpuppen für Pyramus und Thisbe.

Möglicherweise war das Zuviel an Aktion und Materialaufwand ein bewusster Dreh des Regisseurs, die Sehnsucht des Zuschauers nach der kargen Elfen-Welt erneut anzustacheln. Denn in der Schlussszene raffen die Elfen den roten Teppich hinweg und bevölkern mit Puck, Oberon und Titania wieder das graue Niemandsland.

Einen Glücksfall stellt der Kinderchor der Deutschen Oper Berlin dar, sauber intonierend, kraftvoll singend und präzise agierend, inklusive der vier Solisten dieses Kinderchores für die namhaften Elfen Spinnweb, Bohnenblüte, Senfsamen und Motte (Einstudierung: Christian Lindhorst).

Unter den erwachsenen Gesangssolist*innen ragt die Tytania von Siobhan Stagg mit zupackenden Koloraturen heraus. Köstlich in Spiel und Gesang die sich in ihren Leidenschaften kontrovers kreuzenden Liebespaare von Karis Tucker als Hermia, Gideon Poppe als Lysander sowie Samuel Dale Johnson als Demetrius und Jeanine De Bique als Helena. Weniger ausdrucksstark gelingt dem Counter James Hall die Partie des Oberon. Szenisch überzeichnet, als ein an seinem Hochzeitsabend völlig betrunkener Fürst Theseus, gestaltet Padraic Rowan den Bräutigam einer ihn auch an Körperlänge überragenden Hippolyta von Annika Schlicht.

Die Handwerker der heute zum Teil schon lange ausgestorbenen Berufe, wie Kesselflicker und Blasebalgreparateur, sind rollendeckend besetzt mit Timothy Newton als Quince, Michael Kim als Flute, Patrick Guetti als Snug, Matthew Peña als Snout, Matthew Cossack, Starveling und insbesondere mit James Platt als Bottom, der – zum Esel verwandelt – nur stilisierte Ohren aufgesetzt bekommt, aber gewaltige Ausdruckskraft mit Stimme und Erscheinung freisetzt.

Die an der Opéra Orchester National Montpellier Occitanie entwickelte Inszenierung wurde vom amerikanischen Regisseur Ted Huffman in Berlin neu einstudiert und offenbar auch weiterentwickelt.

Der Jubel des Publikums am Premierenabend war für alle Mitwirkenden einhellig und lang anhaltend.

  • Weitere Aufführungen:  01., 06. und 22. Februar 2020.

 

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