Sehnsucht nach Unerreichbarem – Die Menschendarstellerin Anja Silja feiert ihren 80.Geburtstag


(nmz) -
Die Bühne leer bis auf ein Gefängnisgitter. Aus dem Dunkel schleppte sich eine schlanke Gestalt in grauer Montur nach vorne, mit schweren Ketten beladen – es war zum Erstarren auf dem Sitz – ein atemverschlagendes Abbild aller Mühseligen und Beladenen dieser unserer Erde. Das war Anja Silja 1972 in Stuttgart in einer „Fidelio“-Inszenierung von Wieland-Wagner aus dem Jahr 1954: Keine mühsame, weil abgespielte Wiederbelebung; kein Star-Auftritt, vielmehr Wahrheit vom Zustand unserer Welt. Unser Kritiker Wolf-Dieter Peter hat singuläre Eindrücke vor Augen.
17.04.2020 - Von Wolf-Dieter Peter

Diese „Wieland-Wagner-Gedenkwoche“ im Stuttgarter „Winter-Bayreuth“ des fünf Jahre zuvor früh verstorbenen Wagner-Enkels verband noch einmal diese zwei singulären Künstlerpersönlichkeiten. 1960 war es eine Bayreuther Sensation à la „typisch Wieland“: eine Zwanzigjährige ohne Rollenerfahrung als Senta in den „Fliegenden Holländer“ zu holen, in dessen Neuinszenierung im Jahr zuvor noch Wagner-Heroinen wie Astrid Varnay und Leonie Rysanek aufgetreten waren. Bis dahin hatte diese Berliner Göre, nur vom Großvater ausgebildet, Rosina, Zerbinetta, Santuzza oder Königin der Nacht gesungen. Es wurde ein besonderes Bayreuth-Debüt, denn wie kaum eine Vorgängerin und von da fast als Opernwelt-Maßstab hatte Anja Silja diese somnambul rigoros selbstgewisse junge Liebende singend. verkörpert. Wieland Wagner wurde für die junge Künstlerin, die im Mini-Rock per Fahrrad auf den noch reichlich konservativen „Grünen Hügel“ fuhr, zum Schicksal: eine Liebes- und Künstler-Symbiose bis zu Wielands Tod 1966.

Mit Wieland hat sie über Brünnhilde und Isolde hinaus die Frauen-Figuren Salome, Wozzeck-Marie und Lulu erarbeitet, mit denen sie abermals Maßstäbe setzte: das durch Freud und C. G. Jung unterfütterte Offenlegen von Leid, Qual und Gier bis zur Selbstaufopferung – bis hin zum Titel ihrer Autobiographie „Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren“. Vokal war dabei „die Silja“ nie zu vergleichen mit einer Leontyne Price oder Mirella Freni. Immer gab es Schärfen, Forciertheiten und Vieles, was Belcanto-Liebhaber „die Ohren rümpfen“ ließ. Doch dafür stand Janáčeks Jenufa und der Dorfgesellschaft eine Küsterin aus moralischem Stahl gegenüber. Die Lebensmüdigkeit und Sterbesouveränität der rätselhaften Emilia Marty in der „Sache Makropoulos“ waren keine Primadonnen-Attitüde, sondern nachvollziehbare Erfahrung. Ein Hauch davon durchzog auch ihre „halb-lustige Witwe“ und den Prinzen Orlovsky. Auch Leonora, Tosca, erst recht Cassandra und Medea und immer wieder opernweltweit Salome und Lulu verströmten weibliche Einsamkeit in einer Männerwelt – jenseits der guten, mit drei Kindern erfüllten Ehe mit Christoph von Dohnanyi. Mit ihm und darüber hinaus wurde auch Schönbergs „Erwartung“ zu einer „Silja-Rolle“. Zu dem, was heute im Rückblick eben Theateraufführungen zu „Silja-Abenden“ machte: eine Wahrhaftigkeit des Ausdrucks, eine Strenge im Agieren und eine selbstvergessene Unbedingtheit, die über alles „Opern-Singen“ hinausführte – da wurde ein Mensch dargestellt und schlug in Bann. Daher ist es keine Phrase, heute zu sagen: Danke – unvergesslich!

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