Theatralischer Fehlschuss – Lortzings „Wildschütz“ am Münchner Gärtnerplatztheater


(nmz) -
Wenn 1842 in Albert Lortzings Spieloper „Der Wildschütz“ ein vom Grafen wie ein Domestik gehaltener und von den Menschen des Ortes halb bespöttelter, halb als Autorität anerkannter Dorfschullehrer 5000 Taler bekommt und singt „…nun auf einmal Kapitalist“ – dann hatte das im Umfeld von Industrialisierung im Manchester-Stil und Standesgesellschaft kritisch eindeutigen Hintersinn: sechs Jahre vor der Revolution von 1848. Davon war in der Münchner Neuinszenierung nichts zu erahnen.
21.01.2018 - Von Wolf-Dieter Peter

Animierter Beifall für die musikalische Seite, etliche Bravos für die auch noch bildhübschen Sängerinnen, kein kritischer Einwand beim Schlussauftritt des Produktionsteams – das Premierenpublikum war mit einem „gemütlichen Abend“ im frisch renovierten Gärtnerplatztheater - so scheint es - vollauf zufrieden. Dirigent Michael Brandstätter lieferte dazu mit dem Orchester den mal tänzerisch deftigen, mal lebensfrohen, nur einige wenige Male elegischen Tonfall. Doch die Farben, Stimmungen und Rhythmen ließen sich noch divergierender und damit dann „bissiger“ und im Ausdruck entlarvender gestalten.

Das erkennbare Temperament der durchweg guten Solisten hätte das wohl auch sängerdarstellerisch geleistet: Bariton Mathias Hausmann den eitlen, gern jeden Rock lüftenden Grafen; Lucian Krasznec den von Liebeszweifeln geplagten Baron Kronthal, der mit schönem, jungmännlichen Tenor auch mal zur plötzlich schmerzlich tiefen Musik klagen kann; die als Erotik-Ersatz „antik klassisch“ ambitionierte Gräfin von Margarete Joswig; die kess sich erst als Student, dann als Magd verkleidende Baronin von Mária Celeng (die ein bisschen zu „fremdländisch“ artikulierte); die keck zwischen Dorfschulbraut und Grafen-Liebchen abwägende Grete von Cilla Csövari und der um ein bisschen Lebensglück bemühte Dorfschullehrer Baculus von Levente Páll, der mit fülligem Spiel-Bass auftrumpfte.

Entzaubernde Bemühtheit

Doch mit diesem spielfreudigen Ensemble und dem bekannt wandlungsfähigen Chor (Einstudierung: Felix Meybier) inszenierte Regisseur Georg Schmiedleitner zu wenig den Wortwitz, auch nicht die theatralisch ergiebige Verkleidungs- und Verwechslungskomödie, schließlich nur derb und banal die von Lortzing ohne moralischen Zeigefinger entlarvend vorgeführte Gleichheit aller Stände bezüglich Eros und Sexus. Er frönte seiner Neigung, „brechtisch-analytisch“ zu abstrahieren: in einem von Harald B. Thor geschaffenen Halbrund aus senkrecht geschlitzten Plastikbahnen, die mal waldgrün, mal liebesrot, mal abgründig violett angeleuchtet wurden; darin hob, senkte und schwenkte sich eine große Schießscheibe mit erst röhrendem Hirsch, dann „Vierzehnender-Esel“ – das sollte „Zentrum der Leidenschaften“, schwankende Gefühlsbasis, ins Rutschen kommende Menschen vorführen.

Doch statt einer pfiffig amüsanten menschlichen Komödie zwischen Mozart und Feydeau inszenierte Schmiedleitner freudianisch: Gewehre und Billiardstangen wurden als Phalli gehandhabt und bei den verkleideten Damen waren Bananen in der Hose das Männlichkeitssignal… es wurde ein Abend entzaubernder Bemühtheit mit rätselhaften Hilfsfiguren, nicht locker, nur ein paar Mal amüsant. Doch ein paar kleine gelungene Spielzüge und Ricarda Ludigkeits musikalisch-rhythmisches Wisch-Ballett von fünf Männern mit Eimer und Mop: zu wenig.

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