Traumschiff Aida und Playmobilvideos – Verdis „Aida“ an der Staatsoper Hannover


(nmz) -
Kein Zweifel: Kay Voges, der vor vier Jahren mit einem großartig reflektierten Weberschen „Freischütz“ beeindruckte, hat nachgedacht über Giuseppe Verdis 1871 entstandene Oper „Aida“, in viele Richtungen sehr gut nachgedacht. Wie steht es mit der Kriegstreiberei? Wie steht es mit der Verachtung und Vernichtung anderer Völker? Wie ordnen sich die persönlichen und intimen Schicksale im Massengeschehen zwischen Pharaonen und Elefanten? Dies und vieles mehr sind richtige Fragen. Ist das aber schon ein gutes Theater? Eher nicht, vor allem deshalb, weil Voges den Ehrgeiz hatte, alles zu zeigen, was ihm einfiel... zu viel, zu unübersichtlich und letztendlich unverständlich.
16.04.2018 - Von Ute Schalz-Laurenze

Da war zunächst einmal die Idee, die SpielerInnen aus einer Probensituation heraustreten und den Zuschauer am Prozess, die Rolle zu finden, teilhaben zu lassen (Bühnenbild: Daniel Roskamp). Das funktioniert nicht, denn zeitgleich müssen sie ja ihre Rolle irgendwie glaubwürdig singen. So steht Aida da, ringt die Hände zum Himmel und im Duett mit Amonasro, eine der größten Vater-Tochter-Auseinandersetzungen in der Oper, sieht das immer wieder wie eine allererste Probe aus, also nicht gut. Diese Idee haut nicht nur nicht hin, sie entbindet auch den Regisseur von der seelischen Durchzeichnung der Figuren. Dann spielt Voges mit der Rezeptionsgeschichte und fragt: „Wann kommen die Elefanten?“ Einmal abgesehen, davon, dass eine derartige Erwartungshaltung es schon viele Jahr nicht mehr gibt, macht er sich lustig über das Publikum, das er ja eigentlich aufklären will. Und dann kommen didaktische Belehrungskeulen, die als Text eingeblendet werden: „Vor welchem Hintergrund lesen wir die Geschichte?“ Und wir dürfen uns auswählen, was wir nun im Weltgeschehen wichtig finden. Knapp zehn Optionen gibt es da, vom Bayern-Spiel bis zu banalen Alltagsereignissen und weniger banalen politischen Katastrophen.

Didaktische Belehrungskeulen

Also erscheint zum Mohrentanz ein Playmobilvideo, auf dem eine Figur mit einer Fackel und immer mehr Anhängern alles anzündet, was fremd ist. Aha. Und zwei Schlamm-Catcherinnen toben sich aus. Warum? Zur ersten Aida-Arie erscheint ein Video mit einem immer mehr zerrissenen Gesicht: klar, sie fühlt sich gespalten. Zur ersten Radames-Arie sind dann Google-Fotos des Traumschiffes Aida zu sehen. Und im Radames-Aida Duett im dritten Akt latscht dann doch noch ein Elefant über die Bühne. Lustig. Radames hat auf seinem T-Shirt das Wort „Romantik“ stehen, der ägyptische König und Amonasro tragen das Wort „King“.

Deutungsdurcheinander

Obschon vieles in der Nachfolge des Brecht-Theaters zu verstehen ist, ist das Deutungsdurcheinander zu groß. Es wird gehalten (und führt mit nur wenigen Buhs zu einem gefeierten Erfolg) und geradezu zurechtgerückt von der Musik, die man sich nicht besser vorstellen kann: Ivan Repušić und das Niedersächsische Staatsorchester zeigen uns die Aida-Musik, nach der Verdi sechzehn Jahre lang keine Oper mehr geschrieben hat, in aller Zartheit, aber auch mit furioser Wildheit. Diese Wildheit puschte den eingesprungenen Tenor Georde Oniani so stark, dass ihm für das zarte Schluss-Duett die Stimme nicht mehr gehorchte. Aber eine kraftvolle Leistung. Karine Babajanyan als Aida strahlte mit großer, gelegentlich zu vibratoreicher Stimme. Brian Davis als Amonasro litt am meisten unter der Konzeptionslosigkeit seiner Rolle, musste irgendwie pubertierend herumhampeln und sang wunderbar. Khatuna Mikaberidze als Amneris wurde zum Star des Abends, so sehr gelang es ihr, mit einer atemberaubenden Stimme alle szenischen Unberechenbarkeiten zu übersingen.

Ärgerlich: die viel zu dunklen Übertitel. Die nächsten Vorstellungen sind am 17., 21. und 18. April sowie am 10. und 18. Mai.