Treffsichere Puppen-Distanz – In Hochgatterer-Habjans „Böhm“ entlarven Holzpuppen Allzumenschliches


(nmz) -
Am Ende einhelliger, langer Jubel mit Standing Ovations im Bregenzer Kornmarkttheater – und Brecht hätte seine Freude über den perfekten Verfremdungseffekt gehabt: Nikolaus Habjan hat bei den Bregenzer Festspielen in hundert Minuten ein nie moralinsaures, dennoch entlarvendes Psychogramm des Dirigenten Karl Böhm vorgeführt – durch meist lebensgroße Puppen.
27.07.2018 - Von Wolf-Dieter Peter

Selbst der in der Festspielzeit nach leibhaftiger Nähe von Starsängern und der expressiven Aura bedeutender Dirigenten süchtige Musikfreund konnte einfach nur staunen: drei lebensgroße Halbkörperpuppen für den jungen, mittleren und alten Karl Böhm beschwören beeindruckend viel vom Menschen herauf – mit Klappmaul in der hölzernen Physiognomie, wenigen Bewegungen – vor allem aber mit Sprechkunst des jungen Nikolaus Habjan. Perfekt ausgesteuert über das kleine Mikroport-Mikrofon lässt er vor allem den alten Puppendoppelgänger im Rollstuhl im frappierend imitierten „Böhm-Tonfall“ mal granteln, mal schlechte Einsätze auf zugespielten Plattenaufnahmen monieren, kurz mal belfern und dann in stupend wechselnder Artikulation den leicht balkanisch radebrechenden Pfleger etwas beruhigen, nachfragen oder ergänzen. Dabei fällt „Böhm“ dann aber Habjan als Pfleger öfter auch unvermittelt ins Wort, biestert ihn an – denn der hat schließlich ein Foto dieses „Schmalzlocken-Dirigenten“ in seinem Zimmer hängen: Sergiu Celbidache … ein frappierend lebendiger Dialog entsteht … fern aller Künstlichkeit sonstigen Puppentheaters, dennoch immer wieder betrachtende und reflektierende Distanz schaffend.

Habjan spricht den von Paulus Hochgatterer stammenden Stücktext: Nicht biografisch chronologisch, sondern wie im Bewusstseinsstrom der Erinnerung sprunghaft gereihte Kurzszenen. Da taucht mit drei kleinen Handpuppen der Nazi-Terror gegen Fritz Busch in einer „Rigoletto“-Szene mit Erna Berger und Paul Schöffler auf, später räsoniert Elisabeth Schwarzkopf parallel zum auf Uhrengleichklang fixierten „Böhm“ über die „Zeit“ und singt ein bisschen „Rosenkavalier“-Marschallin. Quirlig beschreibt die junge Christa-Ludwig-Puppe Böhms Insistieren auf Genauigkeit, während der 25jährige Walter Berry für seinen Wozzeck-Einsatz um ein größeres Zeichen von Böhms linker Hand bittet, während dessen Rechte doch das Orchester dämpfen könne – und kriegt eine köstlich-böse Abwatsche „ob er ihm das Dirigieren beibringen wolle“ (Puppenmitentwurf: Marianne Meinl; Regiemitarbeit: Martina Gredler).

In die flüssige Abfolge derartig amüsanter „Opern-Szenen“ sind aber in sprunghaftem Wechsel auch historisch exakte Stationen der „Braunen Jahre“ eingefügt: Rede-Ausschnitte von Hitler und Goebbels; Böhms Nachfolge des ins Exil gezwungenen Fritz Busch; Böhms Ablehnung der NS-Parteimitgliedschaft, aber seine wiederholte geschmeidige Anpassung, speziell nach dem „Anschluss 1938“; Böhms Einzug in eine „arisierte“ Wiener Villa – ohne jegliches Interesse an den jüdischen Vorbesitzern; sein Scheitern als Direktor der Wiener Staatsoper im Zusammenhang mit seiner Weltkarriere; Bissigkeiten zu Wiener Philharmonikern und Symphonikern.

Zu all dem erklingen Ausschnitte aus Böhm-Aufnahmen, redet „Böhm“ über Martha Mödl, Birgit Nilsson und andere Größen seiner Jahre. Auf der Bühne von Julius Semmelmann steht inmitten von Notenpulten eines imaginären Orchesters das Kommodengeviert eines Altenheims. Der Pfleger Habjan rückt mehrfach ein Dirigentenpult in die Mitte, von dem aus Böhm-Habjan dirigierend und schwadronierend loslegt. Historische Schwarz-Weiß-Film-Schnipsel dekorieren gelegentlich den Hintergrund. Am Schluss tritt der Puppen-Böhm samt seinem Pfleger in Kontakt mit der Böhm-Büste, wie sie auch im Münchner Nationaltheater steht – mehr sei nicht verraten. Denn der Abend, der mit extemporierten Anspielungen auf Böhms historische Auftritte zu Beginn der damaligen „Bregenz Festwochen“ 1948 und 1980 zur Einweihung des neuen Festspielhauses begann, könnte auch in nahezu allen großen Opernhäusern so beginnen: sie alle sollten sich den exzellenten Abend mit Nikolaus Habjan und seinen menschlich nah-fernen Puppen nicht entgehen lassen.

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