Wagner im Trockendock – Der „Fliegende Holländer“ im Schleswig-Holsteinischen Landestheater


(nmz) -
Im hohen Norden wird es noch früher dunkel als anderswo in der Republik. Dann schmiegen sich kurz vor der dänischen Grenze die Lichter der Stadt um die nachtschwarze Flensburger Förde. Eine an sich schon dramatische Kulisse, mehr aber noch, wenn man auf dem Weg zum Stadttheater, sich vor einem heftigen Platzregen schützend, in einen Häusereingang ducken muss. Denn der Südwester war an diesem Abend zuhause geblieben. Am Landestheater mussten Daland und der fliegender Holländer sich jedenfalls nicht vor den Wassern in Acht nehmen – so kräftig die Musik, so extra dry blieb die Inszenierung.
16.11.2018 - Von Michael Kube

Welch ein Glück, dass Wagner sich auf der Flucht vor seinen Gläubigern zur rechten Zeit auf der „Thetis“ eingeschmuggelt hatte. So hörte er im stürmischen Skagerrak nicht nur die See brausen und den Wind heulen, sondern auch so manches Seemannsgarn, darunter die Geschichte vom Fliegenden Holländer. Eine Story, die schließlich von Wagner so authentisch klingend greifbar gemacht wurde, dass die Partitur seit ihrer Uraufführung auch über so manch gefährliche Untiefe hinweggetragen hat. Dies gilt, um gleich auf den Punkt zu kommen, auch für die Inszenierung von Wolfram Apprich, Schauspieldirektor am Schleswig-Holsteinischen Landestheater.

Er verweigert jedwedes Lokalkolorit, verlegt Oberdeck, Kapitän, Steuermann und Mannschaft des Norwegers in die Stube eines reichen Gutshauses und kommt auch im zweiten Aufzug ganz ohne Spinnerei aus: Die nun gar nicht so emsigen Mädels lagern recht teilnahmslos in sechseckigen Waben wie Honig in einem Bienenstock. Karg der dritte Aufzug, eine leere Bühne vor matthellblauem Hintergrund, so dass die Szene nun vor dem Gutshaus im Feien zu spielen scheint. Der Sturm aber, die schwarzen Segel und die ganze mitgedachte maritime Exotik bleiben dem fantasierenden Kopfkino überlassen. Man mag in der Personenführung wie auch in der Statik der ganzen Szenerie ein Spiegelbild der Gesellschaft erkennen, in der Senta mit ihren Sehnsüchten gefangen ist, und die vor allem in der Person Eriks mit seiner klammernden Beharrlichkeit Gestalt gewinnt. Das aber hätte dann doch noch schärfer und ohne die naturalistischen Reste ausgeführt werden können – auch unter den Bedingungen eines zu den Spielstätten reisenden Hauses, bei dem ein Bühnenbild verschnürbar, transportabel und flugs wieder aufbaubar zu sein hat.

Umso mehr richtete sich der Fokus auf die musikalischen Ressourcen. Und da wusste GMD Peter Sommerer mit einer mehr als nur soliden Leistung eines im ländlich fahrenden Spielbetrieb auch physisch geforderten Ensembles zu überzeugen – mit einem Orchester, das bei derartigen Produktionen manches Mal die Grenzen der technischen Leistungsfähigkeit am Horizont sichtet und doch nicht fürchtet (so eine Woche zuvor im Konzert bei der Ausgrabung einer Sinfonie von Eduard Erdmann). Lustvolle Durchschlagskraft ist dem Opern- und Extrachor zu attestieren; ohnehin muss die Akustik des kleinen Stadttheaters als sängerfreundlich bezeichnet werden, mehr als die Inszenierung manchen Protagonisten in Szene setzte: so Eva Schneidereit als biedere Mary, den hochbesohlt und mit hellem Tenor gegen die virtuellen Holländer ansingenden Fabian Christen oder Adrian Xhema, der dem in dieser Deutung seltsam einsam stehenden Erik biederen Nachdruck verlieh. Hingegen passte der bühnenpräsente hohe Bass von Kai-Moritz von Blanckenburg gut zu der jugendlich gedeuteten, nach Taten drängenden Gestalt des Holländers (hier mit Rastalocken), während an diesem Abend Teile der Stammbesetzung (szenisch allerdings kaum bemerkbar) durch Gäste ersetzt werden mussten: Aus Kiel war die viel versprechende und stimmlich hochdramatische Agnieszka Hauzer als Senta eingesprungen, der in Schleswig-Holstein nicht unbekannte Mario Klein übernahm mit düster berechnender Miene und agilem Bass den Daland.

Dass am Ende das nach gegenseitiger Erlösung drängende Paar geradezu unspektakulär wie ziellos durch eine Seitentür des Parketts verschwand – geschenkt. Viel Applaus eines so aufmerksamen wie dankbaren Publikums von diesseits wie jenseits der Grænze.

Weitere Aufführungen:

  • in Flensburg (Stadttheater): 23.11. / 19.12. / 25.12.2018 / 4.1. / 11.1. / 27.1. / 17.2.2019.
  • in Rendsburg (Stadttheater): 25.11.2018 / 13.2.2019.

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