Wie kommt der Zahn in die Suppe? – „Der goldene Drache“ von Péter Eötvös in Dresden


(nmz) -
Die Entscheidungsfrage, in die Oper oder zum Asia-Restaurant zu gehen, könnte wohl gegensätzlicher kaum sein. In Dresden lässt sich beides jetzt trefflich miteinander verbinden. Wer da an der kleinen Spielstätte der Semperoper die Vorstellung „Der goldene Drache“ besucht, ist zugleich Gast eines Thai-China-Vietnam-Restaurants gleichen Namens.
15.12.2019 - Von Michael Ernst

Der aus Ungarn stammende Komponist Péter Eötvös hat dieses 2014 in Frankfurt/Main uraufgeführte Stück nach dem gleichnamigen Schauspiel von Roland Schimmelpfennig geschrieben. Er betont, „Der goldene Drache“ sei keine Oper, sondern ausdrücklich ein Musik-Theater. Nachdem er in der vergangenen Saison Capell-Compositeur der Sächsischen Staatskapelle in Dresden gewesen ist, tritt er nun an der Semperoper – genauer gesagt, an deren Experimentalbühne „Semper Zwei“ – als Opern- bzw. Musiktheaterkomponist in Erscheinung.

„Der goldene Drache“ weicht freilich vom sonstigen Bühnenschaffen des äußerst vielseitigen Komponisten erheblich ab. Im Gegensatz zu seinen großen Opern, von denen am bekanntesten vielleicht „Tri Sestri“, die „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, sowie „Angels in America“ und auch „Paradise reloaded (Lilith)“ nach Albert Ostermaier sind, ist hier der Orchesterpart äußerst sparsam besetzt. Auch die Zahl der Solisten ist mit zwei Sängerinnen und drei Sängern recht übersichtlich – ganz im Gegensatz zur Anzahl der Figuren. Denn die Sänger-Darsteller absolvieren auf offener Bühne jede Menge Rollen- und sogar Geschlechterwechsel hin und her und her und hin. Eine Art Schauspiel mit allerdings heftiger Begleitmusik.

„Der goldene Drache“ ist also ein eher schäbiges Asia-Restaurants, in dem unter anderem ein junger Chinese arbeitet, der nach Europa gekommen ist, um seine Schwester zu suchen. Dummerweise leidet er aber unter sehr heftigen Zahnschmerzen. Und das ist ein großes Problem, denn er hat weder Papiere noch Geld. Kann also nicht mal so einfach zum Zahnarzt gehen. Damit entpuppt sich „Der goldene Drache“ auch als Migranten-Geschichte, als Zeitstück von heute mit einer absolut zeitgemäßen, dennoch abstrahierten und allgemeingültig gebliebenen Geschichte. Dahinter steht nicht zuletzt die Frage, was ein Menschenleben wert ist, und auch, welche Ansprüche und Erwartungen ein einzelner Mensch in unserer schon längst übervölkerten Welt noch haben darf.

Mehr und mehr Menschen sind heimatlos, in die Fremde getrieben und somit entwurzelt. Entwurzelt wie der gezogene Zahn, der dem jungen Chinesen ziemlich brachial mit einer Rohrzange gezogen wird. Dummerweise fliegt er dann durch die Luft, landet erst in einem Wok und dann in der Suppe einer zufällig dort eingekehrten Stewardess. Einer Reisenden also aus jener Art Parallelwelt, in der es in doppeltem Sinne um permanentes Unterwegssein und um die totale Globalisierung geht. Obendrein noch mit ein paar zusätzlichen Metaphern, denn Eötvös verwendet in seinem Stück zusätzlich „Die Fabel von der Grille und der Ameise“. Einen Text also von Jean de la Fontaine aus dem späten 17. Jahrhundert, das seinerseits auf den antiken Fabeldichter Äsop zurückgeht.

Dessen Grille, die den ganzen Sommer über zirpt, aber keine Vorräte für den Winter anlegt, wird von der Ameise erst durchgefüttert und dann ausgesaugt. Eine ziemlich kapitalistische bzw. Kapitalismus-kritische Prozedur, die hier als widerlich billige Prostitution übersetzt wird.

Erstaunlich stark und überzeugend hat das alles die Dresdner Inszenierung der aus Prag stammenden Regisseurin Barbora Horáková Joly im inspirierenden Bühnenbild der Nürnberger Ausstatterin Annemarie Bulla gelöst. In einem beweglichen Stahlgerüst aus drei Etagen wurden die Küche sowie die darüberliegenden Wohnungen dargestellt. Diverse Details gab es per Videoprojektion auf mehreren Leinwänden sowie im Hintergrund der kleinen Bühne zu sehen, auf der das kleine Orchester saß, das von Petr Popelka – im Hauptberuf Kontrabassist der Staatskapelle – vortrefflich geleitet worden ist.

In nur eineinhalb Stunden ist da nicht nur dieses Stück mit seinen vielfältigen Ebenen abgespult worden, sondern konnte auch ein reichhaltiges Farbspiel der musikalischen Grundierungen präsentiert werden. Mal mit puren Klangflächen und reichlich präsentem Schlagwerk, mit aufbrausenden Bläsern und Akkordvariationen hervorzaubernden Streichern, mal mit eins zu eins gebrochener Stimmung, in der man die Ameisen zu krabbeln vermeint hat, vor allem aber auch durch die Sängerbesetzung, die das alles vortrefflich intoniert.

Die Damen und Herren sprangen von einer Rolle in die nächste und gleich wieder zurück, da gab es Umzüge auf offener Bühne, wurden Geschlechter gewechselt und Charaktere changiert. Unter den fünf Leuten, die das sehr engagiert vollzogen haben, war übrigens kein einziger Chinese, statt dessen eine Japanerin, ein Koreaner, ein Türke (alle aus dem Jungen Ensemble der Semperoper) sowie die Lettin Karina Repova als Gast der Semperoper und das Ensemblemitglied Jürgen Müller, der mit imposanter Energie gesungen und agiert hat.

Festzuhalten ist also: Modernes Musiktheater, ein kleines Orchester, fünf Solisten im Asia-Restaurant „Der goldene Drache“ – und ein in der Suppe gelandeter Zahn. Was mag aus dem wohl geworden sein?

Das ist vielleicht gar der tragische Kern des ganzen Stücks – aufgrund der sehr unkonventionellen Operation verblutet der kleine Chinese, wird in einen Teppich gerollt, um Spuren zu verwischen, von einer Brücke in den Fluss geworfen und landet irgendwann wieder zu Hause in China. Und in einer Parallelhandlung wirft auch die Stewardess, die seinen Zahn in ihrer Suppe fand, von dieser selben Brücke ins Wasser. Auf dass vielleicht irgendwann wieder zusammenfinden wird, was einmal zusammengehört hat? – Dieses moderne Musiktheater von Péter Eötvös hat einen tragischen Ausgang. Es ist auf jeden Fall ein nachdenklich stimmendes Stück, das vom Publikum volle Konzentration verlangt. Und von allen Mitwirkenden mit großem Enthusiasmus umgesetzt worden ist, wofür es nun auch in Dresden heftigen Applaus erhielt.

  • Termine: Wieder am 15., 21., 23. und 28. Dezember auf der Bühne Semper Zwei
  • www.semperoper.de

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