Zusammen gehört – „Kunstlied meets Poetry Slam“ im Fabriktheater Moabit


(nmz) -
Das junge Format „Agorá“ kehrt ein Jahr nach seinem Startschuss zurück nach Berlin. Benannt nach dem Marktplatz der antiken Polis, einer bedeutenden Keimzelle des frühen zivilisatorischen Austauschs, stellt das Konzept in thematischen Blöcken poetischen Texten der Jetztzeit Lieder der klassischen Tradition gegenüber. Aus dem Poetry Slam stammt nicht nur die eine Hälfte der Bühnenpersonnage, sondern auch der Ansatz, die Kandidat*innen gegeneinander antreten zu lassen: als „Team Lied“ versus „Team Poetry“. In herkömmlicher Slam-Manier wird das Ergebnis per Applausvergleich durch das Publikum ermittelt.
06.03.2020 - Von Konstantin Parnian

Dicht gedrängt sitzt an diesem Abend im ausverkauften Theaterraum der Kulturfabrik Moabit ein Publikum, das in dieser Kombination selten zusammenkommen dürfte. Auf die Frage, wer eher der Lieder und wer des Poetry Slams wegen anwesend sei, zeigt sich die Ausgewogenheit im Saal. Gestellt wird die Frage von Moderatorin Fee Brembeck, selbst klassische Sängerin und Bühnenpoetin. Wenn auch später die Bühnengäste in den Vordergrund treten, eröffnet sie das Programm mit Schuberts wundervollem Bekenntnis „An die Musik“ mit der Liedpianistin Marlene Heiß als Partnerin am Klavier. Gemeinsam konzipieren die beiden Kollaborateurinnen das neuartige Format, laden sich Gäste der beiden Sparten ein und wählen die Themen. Die Spannung des andachtsvollen ersten Moments löst sich sogleich auf in eine lockere Moderation mit gehöriger Portion Selbstvertrauen und natürlich auch Humor. Es entsteht eine Wechseldynamik, die beiden Anteilen durchaus gut tut.

Diverse Auswahl

Natürlich dürfen unter den Liedern einige Klassiker nicht fehlen, dennoch ist ebenso formulierter Anspruch, unbekannteren Stücken jenseits des Standardrepertoires eine Bühne zu bieten. Mit fulminantem Klangreichtum präsentiert der südkoreanische Bariton Jeeyoung Lim neben Schubert und Loewe auch eine atemberaubende Interpretation von „Die letzte Epiphanie“ des erst 2001 verstorbenen Norbert Glanzberg. Lims zarte Tonführung generiert in Verbindung mit der intim-direkten Akustik des Raums Sensitivität – der Mut zur stimmlichen Verletzlichkeit wird mit zutiefst empfindsamen Ausdruck belohnt. Marlene Heiß führt indes behutsam den fragilen doch stets präsenten Ansatz, verbindet weite Bögen mit bewusst ausdifferenzierten Figuren mikro-agogischer Sorgsamkeit. Mit Sopranistin Mayan Goldenfeld erklingen neben Wolf und Schumann auch Weill und Eisler mit bestechend fokussierter Spannung. Im Höhepunkt von „Youkali” lodert mitreißend das opernhafte Temperament auf – Goldenfeld gelingen fein angesetzte Pianissimi, die sich in bebende Ausbrüche anschwellend entladen. Doch auch das „Team Poetry“ muss sich neben dieser Leistung kaum verstecken: Josefine Berkholz überzeugt ganz besonders im letzten Themenblock „Frauen und Rechte“ mit einem Text, der nuanciert auf gesellschaftliche Zustände eingeht, deren repressiven Charakter sich auch selbsternannte kritische Geister viel zu selten vor Augen führen. Ideal passt Temye Tesfu in dieses Programm, denn seine Vortragsweise hat an sich schon etwas überaus Musikalisches. Das Ausreizen von Dynamik und der Klanglichkeit von Sprache rücken seine Poesie näher an die Neue Musik, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Zusammen was zusammen gehört?

Das Finale nach der Pause verlangt schließlich von den Teams jenseits vorgegebener Themen jeweils einen frei gestalteten Beitrag. Josefine Berkholz und Temye Tesfu beweisen eindringlich, dass nicht immer eine entsprechende Ausbildung nötig ist, um sein Publikum singend zu erreichen. Bewegend stimmen sie „Bella ciao“ an und appellieren mit ihren letzten beiden Texten für politische Reflexion, die über einen liberalen Konsens hinausweist, sich wirklich mit Problemen auseinandersetzt, auch und besonders mit jenen der Ausgrenzung. Ohne altklug den Zeigefinger zu erheben kommt Emphase und Energie auf, ganz wie sie das Kunstlied so authentisch zu erzeugen vermag. Geradezu dialektisch widmet sich der konträre musikalische Abschluss unabgesprochen dem Begriff der Heimat. Wie mit jenem Vorlauf die Zeile „Ich bin ein fremder überall” aus Schuberts „Wanderer” berührt, entzieht sich wörtlicher Beschreibung. Als kämen die alten Weisen um kollegial zu verbessern, was schon gut gesagt war – ein Korrektiv aus historischen Erfahrungen, um nicht die gleichen Fehler zu begehen, nicht die gleichen Vernachlässigungen zu tätigen. Ein Sieg der Musik. Nicht gegen, sondern mit dem Wort. Wenn ein solches Konzept die Bewertung durch Punkte – wie sie heutzutage sowieso omnipräsent alle Medien durchdringt – benötigt, dann soll es so sein. Für das wahrhaftige Ergebnis der Erfahrung selbst bleibt der Ausgang eines vorgeschalteten Wettbewerbs belanglos.

Das könnte Sie auch interessieren: