Seit 1998 ist Christoph Endres Metallblasinstrumentenmachermeister. Seine Meisterwerkstatt „Blech In Nürnberg“ mit angeschlossenem Laden genießt hohe Reputation bei Instrumentalisten im In- und Ausland. 2012 wurde er zum Obermeister der Innung für Musikinstrumentenbau Nordbayern gewählt, 2023 zum Bundesinnungsmeister. Seit 2025 ist Endres im Ehrenamt Rechnungsprüfer für den Deutschen Musikrat. In dieses Jahr fiel auch die Herausgabe des Fachbuchs „Akustik der Blasinstrumente“ von Gunter Ziegenhals durch Christoph Endres. Seit Anfang diesen Jahres arbeitet er bei der Erstellung einer neuen Ausbildungsverordnung Metallblasinstrumente mit. Im Nachgang zur Jahrestagung des Bundesinnungsverbands Musikinstrumente (BIV) in Köln Anfang Mai trafen sich der Nürnberger Metallblasinstrumentenmachermeister und nmz-Chefredakteur Andreas Kolb zum Gespräch.
Christoph Endres. Foto: Bundesinnung Musikinstrumentenbau
„Knapp eine Milliarde Wertschöpfung“
neue musikzeitung: Würden Sie Ihren Beruf heute – in Zeiten von KI – wieder so wählen?
Christoph Endres: Gerade dann würde ich diesen Beruf sofort wieder wählen. Handwerker sind sogar auf der Gewinnerseite, denn was sie tun, wird eine KI niemals können. Wenn ich jetzt auf 1998 zurückblicke, das erste Jahr meiner Selbstständigkeit, erinnere ich mich noch gut daran, dass kurz danach die Meisterpflicht gefallen ist. Das war ein tiefer Einschnitt für unser Metier. Trotzdem würde ich alles wieder genauso machen und es auch vielen jungen Leuten raten, denn das ist ein Beruf mit Zukunft.
Deutscher Musikinstrumentenpreis, neu aufgestellt
nmz: Mitte Mai fand die Jahrestagung des Bundesinnungsverbands Musikinstrumente (BIV) in Köln statt. Was waren die zentralen Themen?
Endres: Dadurch, dass wir sieben Handwerksberufe in einer Innung vereint haben, geht es in erster Linie um den Austausch zwischen den verschiedenen Gewerken. Ein positives Thema war die Wiedereinführung des Deutschen Musikinstrumentenpreises ab 2027.
nmz: Was hat sich beim Deutschen Musikinstrumentenpreis geändert?
Endres: 2024 beschloss das Bundeswirtschaftsministerium, mit der Einstellung des Deutschen Musikinstrumentenpreises rund 60.000 Euro im Haushalt einzusparen.
Wir planen, den Wettbewerb auf ein Instrument zu reduzieren und ihn dem Instrument des Jahres anzugliedern. Glücklicherweise hat sich der Beauftragte für Kultur und Medien, Dr. Wolfram Weimer 2025 dazu bekannt, den Preis wieder einzuführen. Inhaltlich soll er künftig gemeinsam mit der Bundesinnung, dem Deutschen Musikrat, den Landesmusikräten, der Musikmesse akustika und dem Staatlichen Institut für Musikforschung gestaltet werden und steht damit auf vielen starken Schultern. Diese weitgefasste Kooperation bringt einen fantastischen Input an Musikern, Testpersonen und eine bessere Außenwirkung durch die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit mit sich. Ein weiteres wichtiges Thema war die Ernennung des Geigen- und Bogenbaus in Bayern zum immateriellen Kulturerbe – mit Perspektive auf ganz Deutschland. Das ist für uns auch ein wichtiger Schritt in Richtung Rückvermeisterung. Außerdem entwickelt sich die Zusammenarbeit mit dem Musikinformationszentrum des Musikrats (miz) sehr gut. Da müssen wir allerdings noch stärker in die Öffentlichkeit gehen.
nmz: In welche Richtung muss sich die akustika Ihrer Meinung nach weiterentwickeln?
Endres: Es gibt immer wieder kleine Schritte nach vorne. Heuer war zum Beispiel die neue Geigenhalle mit den Interviews ein großer Gewinn. Am Freitag waren rund 200 Auszubildende aus dem Musikinstrumentenbau auf der Messe. Das ist für uns Handwerker essenziell. Der Austausch geht weiter, auch mit dem „Tag des Handwerks“. Die Messe darf nicht in riesigen Industriehallen stattfinden. Der Kern muss weiterhin der handwerkliche Instrumentenbau sein. Deshalb können wir auch gar nicht unbegrenzt wachsen – so viele Handwerker gibt es weder in Deutschland noch in Europa. Aber wir müssen Qualität zeigen. International war das diesmal ebenfalls sehr stark. Es waren viele Händler aus der ganzen Welt da. Wir dürfen keine Luftschlösser bauen und glauben, alles werde wieder wie vor 30 Jahren. Die Welt hat sich weitergedreht – mit KI, Digitalisierung und allem, was dazugehört. Das können wir nicht zurückdrehen, aber wir können uns gut positionieren. Und die Stimmung ist eigentlich sehr positiv.
Bestehen im globalen Umfeld
nmz: Wie können deutsche oder europäische Musikinstrumentenhersteller in diesem globalen Umfeld bestehen?
Endres: Die Strategie besteht darin, gute Fachkräfte auszubilden. Darin sind sich eigentlich alle einig. Mit Christoph Knopp, der beim Gesamtfachverband deutscher Musikfachgeschäfte (GDM) für den Instrumentalbereich zuständig ist, bin ich einig in der Ansicht, dass es den klassischen Beruf des Musikalienfachhändlers künftig so nicht mehr geben wird. Der reine Händler ohne handwerkliche Kompetenz wird langfristig nicht mehr bestehen können. Das war für uns auf der Jahrestagung ein ganz wichtiger Punkt.
Diese Ausbildung wird auch nicht mehr überarbeitet – das habe ich kürzlich vom Bayerischen Kultusministerium erfahren, weil die zuständige Schule in Bayern liegt. Wir müssen also ein neues Format schaffen. Dabei orientieren wir uns an einem Modell der Klavierbauer. Dort gibt es inzwischen einen Probelauf für ein freiwilliges Grundjahr, ähnlich wie bei den Schreinern.
Das bedeutet: Die Lehrlinge werden ein Jahr lang komplett an Berufsfachschulen ausgebildet. Denn ein Musikalienhändler hat oft gar nicht die Möglichkeit, in seinem Schwerpunktbereich eine vollständige Ausbildung anzubieten. Wir versuchen jetzt, die Gewerke übergreifend zu organisieren. Die Händler brauchen eine Werkstatt, damit sie zumindest Serviceleistungen anbieten können. Das wäre eine gute Möglichkeit, mehr Auszubildende zu gewinnen. Nach dem Grundjahr wechseln diese dann ins zweite und dritte Ausbildungsjahr in die Fachhändlerbetriebe mit ihren jeweiligen Schwerpunkten und können dort ihre Abschlussprüfung ablegen.
nmz: Wo könnte so ein Zentrum für Blechblasinstrumente entstehen?
Endres: Zentral organisiert sind derzeit die Klavier- und Orgelbauer in Ludwigsburg. Diese Schule ist so aufwändig, dass sie kaum an einem anderen Standort möglich wäre. Dort startet dieses erste Grundjahr bereits im nächsten Jahr als Test.
Ich habe außerdem mit Frederik Habel von der Berufsschule in Mittenwald gesprochen – das ist die zweite wichtige Schule. Er steht dem Konzept ebenfalls sehr offen gegenüber. Natürlich muss man so etwas gut planen und vorbereiten. Die dritte Schule wäre in Markneukirchen beziehungsweise Klingenthal. Dort gibt es ebenfalls eine Berufsfachschule.
Grundsätzlich wäre es denkbar, dieses Modell an allen drei Standorten deutschlandweit anzudocken. Überall dort, wo es Vollzeit-Berufsfachschulen gibt, könnte man ein solches vorgeschaltetes Schuljahr integrieren.
nmz: Die Bundesinnung ist auch ein Verband, bei dem es auf der Landkarte inzwischen einige weiße Flecken in manchen Bundesländern gibt.
Endres: Das muss nicht unbedingt negativ sein, aber es ist auffällig. Bis zum Wegfall der Meisterpflicht hatten die Landesverbände sehr viel Macht – teilweise auch eine gewisse patriarchalische Struktur. Wenn ich mich selbstständig machen wollte, musste ich den Meister machen. Und das konnte ich nur über eine Landesinnung. Mit dem Wegfall der Meisterpflicht kam dann eine große Sinnkrise. Die Gesellenprüfung wurde stärker aufgewertet. Dadurch entstanden Auflösungserscheinungen in vielen Landesverbänden. Sie stellten sich die Sinnfrage: Warum braucht es uns überhaupt noch, wenn wir keine Meisterprüfungsausschüsse mehr organisieren?
Wir haben uns deshalb von unten heraus eher als fachliches Austauschgremium verstanden. Gleichzeitig haben wir aber nach wie vor die Hoheit über die Ausbildungsordnungen. Ich selbst habe die Ausbildung zum Holz- und Metallblasinstrumentenmacher komplett neu angestoßen. Das ist ein dreijähriger Prozess mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks, dem Bundeswirtschaftsministerium, Gewerkschaften und Sozialpartnern. Das ist unsere DNA – nicht nur die des Handwerks, sondern eigentlich auch die der deutschen Demokratie: dieses gemeinschaftliche, sozialpartnerschaftliche.
nmz: Gibt es eine Renaissance des Meistertitels?
Endres: Man kann heute sogar einen Betrieb gründen, ohne Geselle zu sein. Das ist für die Branche aber problematisch. Die BIV ist dafür, dass mindestens ein Gesellenabschluss Voraussetzung für die Betriebsführung ist. Vor allem brauchen wir aber die Meisterpflicht zurück, um wieder ausbilden zu können. Seit dem Wegfall der Meisterpflicht sind die Ausbildungszahlen massiv eingebrochen. Wir haben nur noch etwa halb so viele Auszubildende wie früher.
Die Zahl der Betriebe sinkt ebenfalls, und Nachfolger fehlen. Das hängt alles zusammen. Die einzigen, die sich bisher gegen diesen Trend behauptet haben, sind die Orgelbauer – über den Status als immaterielles Kulturerbe. Deshalb engagieren wir uns jetzt auch dafür, dass zunächst der Klavierbau und weitere Gewerke diesen Status erhalten. Dadurch verändert sich die rechtliche Lage erheblich.
Pro und contra Regulierung
Das Wirtschaftsministerium möchte eigentlich möglichst wenig Regulierung. Das kann man teilweise nachvollziehen. Aber sobald Kulturerbe betroffen ist, entstehen neue Möglichkeiten für eine Rückvermeisterung. Deshalb gehen wir diesen Weg strategisch an. Wichtig ist dabei: Bestehende Betriebe hätten Bestandsschutz. Wir wollen langfristig Qualität sichern und mehr Auszubildende in den Markt bringen.
nmz: Wie viele Innungsbetriebe gibt es derzeit in Deutschland?
Endres: Inzwischen sind über 100 Betriebe neu zur Bundesinnung dazugekommen. Wir bewegen uns inzwischen auf die Marke von 200 Einzelbetrieben zu. Dazu kommen noch der Bund der Orgelbaumeister mit etwa 750 Betrieben sowie der Bund der Klavierbauer mit 315 Betrieben, die ebenfalls Mitglied bei uns sind. Ein Landesverband interessiert in Berlin kaum jemanden. Deshalb müssen wir bundesweit auftreten – und das ist uns inzwischen gelungen. Wir haben dabei großartige Unterstützung bekommen: von Professor Martin Krüger, von Antje Valentin und vielen anderen. Dadurch sind wir heute genau dort angekommen, wo wir hinmüssen.
Ich freue mich deshalb auch auf die weitere Zusammenarbeit mit Lydia Grün, der Präsidentin des Deutschen Musikrats. Der DMR wird künftig ebenfalls bei der Eröffnung der akustika präsent sein. Denn letztlich können wir alle nur gemeinsam bestehen. Ohne unsere Instrumente können keine Festivals stattfinden. Wenn es irgendwann keine Orgelbauer oder Klavierbauer mehr gibt, die Instrumente stimmen und warten können, dann gehen kulturell irgendwann die Lichter aus. Deshalb müssen wir das gemeinsam gestalten.
Aktiver auf Landesebene
nmz: Gab es auf der Jahrestagung schon Gespräche mit Vertretern des VdM oder anderen Verbände?
Endres: Das ist tatsächlich der nächste Schritt, den wir jetzt langsam angehen. Auf Bundesebene sind wir dafür eigentlich schon fast zu groß geworden – wir müssen stärker in die Landesebene hinein.
Deshalb sind wir jetzt auch dem Bayerischen Musikrat beigetreten. Dort sitzen genau die Vertreter, die wir brauchen. Ich war bei der Jahrestagung in Nürnberg dabei – übrigens als neues Mitglied, worauf ich ein bisschen stolz bin – und dort wurden genau diese Themen diskutiert: Ganztagsbetreuung, musikalische Bildung und die Frage, wie Instrumente dauerhaft verfügbar gemacht werden können.
Dabei fiel auch sehr häufig das Wort „Instrumentenbau“. Denn natürlich brauchen Musikschulen und Ensembles auch Betreuung vor Ort. Man muss Finanzierungsmöglichkeiten schaffen und geeignetes Instrumentarium bereitstellen.
Für uns ist klar: Wir müssen auf Landesebene deutlich aktiver werden. Gerade dort werden die Gelder verteilt: an Musikschulen, allgemeinbildende Schulen oder musische Gymnasien oder auch Posaunenchöre. Deshalb haben wir uns irgendwann gefragt: Warum sind wir eigentlich nicht längst Mitglied in solchen Gremien? Die Hochschulen sind dort schließlich auch vertreten.
nmz: Guter Musikunterricht auf schlechten Instrumenten – das passt nicht zusammen.
Endres: Genau. Das hat letztlich keinen Wert. Natürlich ist klar: Wenn man musikalische Bildung in die Breite tragen will, kann sich nicht jeder sofort ein hochwertiges Klavier, beziehungsweise handgebautes Instrument leisten. Aber viele dieser Probleme kennt man schon lange – und eigentlich auch die Lösungen.
Wir müssen diese Themen sichtbarer machen und belastbare Zahlen vorlegen können. Das ist eine zentrale Aufgabe für das kommende Jahr. Denn die Wertschöpfung im Bereich Musikinstrumentenbau liegt bei knapp einer Milliarde Euro im Jahr. Viele denken immer, das sei nur ein kleiner Nischenbereich – aber das stimmt überhaupt nicht. Das müssen wir künftig viel stärker nach außen tragen.
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