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Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 2): Der alte Seebär

Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 2): Der alte Seebär

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Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 2): Der alte Seebär

Vorspann / Teaser

Als „Seebär“ würde sich Peter Hiss, der den größten Teil seines Lebens Grundschullehrer war, wohl nicht bezeichnen. Aber in seinen jungen Jahren ist er zur See gefahren, wollte als Jugendlicher körperlich gefordert werden und hat manchen Tag auf See zugebracht. Ständiger Begleiter auf seinen weiten Reisen durch Ost- und Nordsee, bis hin nach Nordamerika und Ostasien, Shanghai und Singapur war ein Hohner-Akkordeon mit 60 Bässen. Für die nmz hat er aus alten Zeiten geplaudert und sogar noch einmal sein Akkordeon hervorgeholt.

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Gerüchte und kleine Geschichtchen ranken sich um manches Musikinstrument. An jedem Gerücht aber ist auch immer ein Körnchen Wahrheit, dem es gelegentlich lohnt nachzuspüren. Da war bei den letzten „Instrumenten des Jahres“ die Mandoline, die als „exotisch“ bezeichnet wird, also ein seltenes Instrument ist – und das alles, weil es weltweit nur einen einzigen Lehrstuhl für das Instrument gibt. Oder der Versuch die Begriffe Orgelmusik und Kirchenmusik gleichzusetzen, was sich möglicherweise anbietet, weil immerhin von den etwa 50.000 Orgeln in Deutschland die allermeisten in Kirchen stehen. Oder die Tuba, die immer nur ein paar Töne zu spielen hat, spielen kann, …

Unter den vielen Namen, die das Instrument des Jahres 2026, das Akkordeon anders benennen, sticht der Begriff „Schifferklavier“ heraus, wird – neben der Quetschkommode – auffällig oft verwendet. Tatsächlich kann das Akkordeon auf eine ausgiebige Verwendung im Umfeld der See- und Schifffahrt zurückblicken. Zu vielen Shanty-Chören gehört das Schifferklavier quasi als klassisches Begleitinstrument. Andererseits darf man diesen Gedanken nicht umdrehen – nicht alle Musik, die mit See- und Schifffahrt im weitesten Sinn zu tun hat, ist automatisch mit dem Akkordeon verknüpft.

Wir wollen heute die großen musikgeschichtlichen Zusammenhänge, die zwischen Akkordeon und See-/Schifffahrt bestehen, einmal außer Acht lassen. Die Verbreitung des Akkordeons auf Schiffen scheint in den letzten Jahren wohl auch deutlich zurückgegangen zu sein, vielleicht weil das Geschäft härter geworden ist, die Freizeit geringer und kostbarer, das Personal weniger, dafür aber von ihrer Herkunft gemischter, und weil moderne Techniken vieles im alltäglichen Leben auf See verändert haben. Wir wollen heute einen alten Seebären besuchen, der – wie (abermals ein Gerücht:) Norddeutsche eben so sind – eigentlich wenig redet. Für die nmz hat er aus einer Zeit vor etwa 70 Jahren erzählt, als er selbst zur See gefahren ist und natürlich immer sein geliebtes Akkordeon dabei hatte.

Peter Hiss empfängt mich in der Küche, es gibt Tee. Danach gehen wir an einen Ort, den die meisten wohl als Gartenhäuschen bezeichnen würden. Peter hat sich dort eher ein Refugium gebaut, dass ihn an seine Zeit auf See erinnern soll: Ein kleines Holzhaus, nach hinten heraus ein großes Bullauge, Butzenscheiben auf der Seite; ein Steuerrad und ein großer Kompass dominieren den Raum. An den Wänden hängen Bilder aus alten (See-)Zeiten und natürlich einige selbstgeknüpfte Seemannsknoten. Es ist klein, heimelich und ein wenig urig – aber alles echt, kein Touristen-Schnick-Schnack, eigene Erinnerungen! Natürlich ist da im Wandschrank auch ein kleines Fläschchen mit Hochprozentigem gebunkert.

Der Autodidakt

Peters erstes Akkordeon war ursprünglich gar nicht für ihn bestimmt gewesen. Eigentlich sollte es seine Cousine bekommen – die aber war eher dem Klavier zugeneigt und hatte wenig Interesse am Akkordeon. Also hat es Peter genommen, probierte und experimentierte, war fasziniert von dem Instrument. Unterricht hat er Zeit seines Lebens nie gehabt. Das Notenlesen hat er in späteren Zeiten einmal rudimentär erlernt, war aber letztlich nicht wichtig, denn er spielte nach Gehör.

Was man im Instrumental- oder Theorieunterricht zum Beispiel als Hauptfunktionen kennenlernt und wie man sie zur Begleitung eines Liedes einsetzen kann, das hat er sich selbständig erhört, festgestellt, dass manche der Töne einer Tonleiter in mehreren der Bassakkorde vorkommen und sie dann entsprechend verwendet.

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Der Seemann – den Blick immer leicht in die Ferne gerichtet. © Ralf-Thomas Lindner

Der Seemann – den Blick immer leicht in die Ferne gerichtet. © Ralf-Thomas Lindner

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12 Bässe hatte sein erstes Akkordeon – eine gute kleine und überschaubare Anzahl, um diese ersten Schritte in der Harmonielehre selbst gehen zu können. Bald schon konnte Peter kleine Kinderlieder spielen. Klassische Fingersätze hat ihm dabei niemand gezeigt und beigebracht, er bekennt: das „war schön, aber ein wenig mühsam“. Bald bekam er ein Akkordeon mit 24 Bässen und er hörte nicht auf zu experimentieren und zu üben, spielte oft für sich allein, aber auch auf Klassen- und Schulfesten, Wanderlieder und Schlager. Zur Konfirmation gab es dann ein neues Hohner-Akkordeon mit 60 Bässen.

„Als junger Mann denkt man selten an Gefahren und es gibt viele Gründe, warum man gern zur See fahren möchte. Bei mir war es vor allem das Bedürfnis, selbständig zu sein und etwas zu finden, was mich körperlich auch forderte“, schreibt Peter in einem kleinen Erinnerungsaufsatz. Sein Vater war Amtsrichter und ein „wenig autoritär“, aber Peters Mutter wusste „ihn zu nehmen“. Also vertraute Peter sich zuerst der Mutter an, dass er kein Abitur machen und zur See fahren wolle. Der Amtsrichter war erstaunlicherweise gar nicht so abgeneigt von der Idee, hatte in seiner Laufbahn Menschen kennengelernt, die es mit einem Volksschulabschluss zum Kapitän gebracht hatte. Er ließ Peter also ziehen.

„Als ich dann 1952 als 16jähriger mein erstes Schiff betrat, nahm ich natürlich auch mein Akkordeon mit. Ich musterte zunächst auf einem Küstenmotorschiff an. Es fuhr zwischen den Nord- und Ostseehäfen hin und her und hatte acht Besatzungsmitglieder. Zu einem musikalischen Zusammentreffen ist es nie gekommen, aber ich spielte auch gern allein in meiner Kammer.“ Ablenkungen gab es ja zu dieser Zeit wenig, Satelliten gab es noch nicht, demnach auch kein Radio und (sowieso:) kein Handy. Radio gelegentlich in der Mannschaftsmesse, wenn man nah an Land war und die Rundfunkwellen das Schiff erreichen konnten.

Der Alleinunterhalter

„Nach einem halben Jahr wechselte ich das Schiff und kam auf ein größeres Motorschiff auf großer Fahrt. Es hatte 22 Besatzungsmitglieder und war bestimmt für Fahrten an der Ostküste von Nordamerika, einschließlich der großen Seen. Zusätzlich zur Besatzung konnten auch noch Passagiere mitgenommen werden.“ Hier war die Stimmung anders als auf dem vorherigen Schiff: „Ich wurde von der Decksbesatzung mit Freuden empfangen und musste auch gleich meine musikalischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. In der Folgezeit (wir waren 21 Monate unterwegs) habe ich dann bei jeder Gelegenheit gespielt.“ Auch die Tatsache, dass Peter neben seinem üblichen Seesack den – im Verhältnis zudem sehr begrenzten Platz auf einem Schiff – großen Akkordeonkoffer dabei hatte, störte niemanden. Für das Akkordeon wurde immer ein sicherer Ort gefunden, versprach es doch auch eine gute Unterhaltung.

Die Mannschaft bestand – durch die Reederei bedingt – vorwiegend aus deutschen Seeleuten. Dennoch lernte Peter neue amerikanische Lieder, die er hier im Radio hören konnte. Diese „waren besonders bei den Passagieren beliebt.“ Oft spielte er auch für die Passagiere zum Tanz auf. Mit seinen musikalischen Fähigkeiten konnte sich Peter manches Trinkgeld dazuverdienen, was eine wesentliche Verbesserung für seine finanzielle Lage darstellte. Ein Teil der Heuer wurde immer nach Hause überwiesen, wo es für später für die Bezahlung der Steuermannsschule gespart wurde. Das normale Gehalt betrug damals 55 Mark.

Ein Mannschaftsmitglied aus dieser Zeit schrieb über Peter: „Peter Hiss war vor mir Moses, jetzt Jungmann. Er spielte Akkordeon. Sehr schön konnte er ‚In the Mood‘ spielen und wir klapperten mit irgendwelchen Bestecken den Rhythmus. Das ging manchmal hoch her. [Anm. von Peter Hiss: Es gab ja auch immer Freibier.] Aber es gab auch ruhigere Momente, in denen man sich traf und einfach nur zuhörte.“

Der Steuermann

Das Akkordeonspiel, bei dem die Lieder oft „mitgegrölt“ wurden, war bei der Mannschaft sehr beliebt und neben dem Kartenspiel auch ein wichtiger Zeitvertreib. Als Peter Jahre später von der Steuermannsschule zurückkam und damit in die „höhere Laufbahn“ auf dem Schiff aufgestiegen war, konnte er den Kontakt zu den einfachen Matrosen nicht mehr so gut herstellen. In Anwesenheit eines Vorgesetzten gaben sie sich nicht mehr so ausgelassen. Man könnte das Akkordeon, das Schifferklavier, daher auch als das Instrument der Matrosen bezeichnen.

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Peter Hiss mit seiner tropenfesten „Hohner Atlantic III“. © Ralf-Thomas Lindner

Peter Hiss mit seiner tropenfesten „Hohner Atlantic III“. © Ralf-Thomas Lindner

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Irgendwann ist die schönste Zeit im Leben vorbei – auch das jugendliche Abenteurertum. Viele der Seeleute zog es irgendwann an Land, um dort sesshaft zu werden. Frau und Kinder, ein kleines Häuschen. Als Seemann war man oft lange Zeiten (Monate, manchmal Jahre) auf See und von der Familie getrennt – das lag nicht jedem. Peter ging irgendwann auch an Land, wurde auf dem zweiten Bildungsweg Grundschullehrer und …. natürlich spielte er weiter Akkordeon – für sich selbst, auf Feiern und Festen.

Der Aufmerksame

Ein Letztes: Peters Reisen haben aber auch dem Hersteller seines Akkordeons sehr genutzt. An Hohner schrieb er zwischendurch sehr positive Berichte. In den feuchtwarmen Gebieten (Karibik, Venezuela, British Guyana), in denen sein Schiff unterwegs war, gab es für sein Akkordeon allerdings auch Problemen: „… lösten sich häufig die Gummibelege von den Luftklappen. Ich musste das Instrument auseinandernehmen und die Klappen wieder festkleben. Auch andere Teile konnten das südliche Klima nicht vertragen.“ Es waren erhebliche Mängel, die er auch mit Unterstützung seines Vaters mit Hohner in langen Briefen erörterte. Ergebnis war, das die Firma Hohner alle diese Mängel zum Beispiel durch andere Werkstoffe behob. Am Ende dieser Entwicklung stand eine neue tropenfeste Modellreihe. Peter bekam für seine Unterstützung und seine Meldungen im Austausch gegen sein altes Akkordeon ein neues der Marke „Atlantic III“, das er bis heute ohne weitere nennenswerte Probleme spielt.

Weitere Infomationen:

  • In dieser Woche gab das Schleswig-Holstein-Musikfestival ein jedes Jahr wieder gut gehütetes Geheimnis bekannt, das immer erst zum Beginn des offiziellen Vorverkaufs gelüftet wird: Die Profilkünstlerin des diesjährigen SHMF ist die lettische Akkordeonistin Ksenija Sidorova. [https://www.shmf.de/de/programm – dort unter „Konzertsuche“ den Namen Ksenija Sidorova eingeben.]