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Musikinstrument des Jahres 2026: Die „Idee“ des Akkordeons

Musikinstrument des Jahres 2026: Die „Idee“ des Akkordeons

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Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 3): Die „Idee“ des Akkordeons

Vorspann / Teaser

Das Akkordeon ist ein Alleskönner! Es ist auf der einen Seite ein reines Melodieinstrument. Auf der anderen Seite kann es diese Melodie selbst begleiten. Ein Akkordeon ist also quasi so etwas wie ein kleines Einmannorchester. Deshalb kann man es neben solistischen Auftritten auch oft als Begleitinstrument etwa von Chören sehen oder als Instrument, das Gesänge in sangesfreudiger Runde – am Lagerfeuer oder anderswo – unterstützt. Wie funktioniert so ein Akkordeon eigentlich?

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Rob Hyman (The Hooters) bei einem Konzert in Trossingen mit seinem bunten Akkordeon. © HOHNER Musikinstrumente GmbH

Rob Hyman (The Hooters) bei einem Konzert in Trossingen mit seinem bunten Akkordeon. © HOHNER Musikinstrumente GmbH

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„Selbstklingendes Unterbrechungs-Aerophon“ – das klingt in den Ohren eines Laien möglicherweise ähnlich seltsam wie die volkstümliche „eierlegende Wollmilchsau“. Unser Instrument des Jahres 2026, das Akkordeon, ist ein solches selbstklingendes Unterbrechungs-Aerophon – und das, was hinter dieser Begrifflichkeit steht, ist auch das, was das Akkordeon letztlich ausmacht. Dabei geht es letzten Endes um die Art der Tonerzeugung. Überdies sind Akkordeons in der Vielfalt ihrer Erscheinungsform ausgesprochen unterschiedlich.

Der Marktführer für Akkordeons in Deutschland, die Firma Hohner in Trossingen, setzt heute auch auf äußerlich bunte und schrille Instrumente oder auf quasi bewegliche Bilder auf dem Balg des Instrumentes. – An den beiden beiden Bildern sieht man schon einige Unterschiede aus der Vielfalt der Akkordeons. Auf dem Bild oben ein relativ kleines Instrument mit (Klavier-)Tasten auf der rechten Seite und einem Tonumfang von 2 Oktaven. Auf dem Bild unten ein deutlich größeres Instrument, das auf der Diskantseite keine Tasten, sondern Knöpfe hat. Auf der rechten Seite des Instrumentes ist es – bei diesen beiden Bildern – genau anders herum: das obere Instrument hat dort viele, das untere nur 12 Knöpfe.

 

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Die Los Tigres haben ein Akkordeon mit einer besonderen Bildgestaltung des Balges. © HOHNER Musikinstrumente GmbH

Die Los Tigres haben ein Akkordeon mit einer besonderen Bildgestaltung des Balges. © HOHNER Musikinstrumente GmbH

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Äußerlich hat ein Akkordeon drei große Bauteile, Baugruppen: Auf der rechten Seite (vom Spieler aus gesehen) den leicht angewinkelten angebrachten zumeist chromatisch ausgebauten Diskantteil, also quasi das Melodieinstrument. Dieser kann eine Klaviatur haben, wie sie vom Klavier her bekannt ist, oder eine spezielle Knopfgrifftastatur, die extra für das Akkordeon entwickelt wurde. Dabei werden normalerweise fünf Tonreihen nebeneinandergelegt. Die inneren zwei Reihen sind dabei Wiederholungen zweier bereits vorhandener Reihen. Durch diese sehr spezielle Anordnung der Töne (die in ihrer Reihenfolge ganz anders ist als auf einer Klaviatur und auch im Sinne eines halbtönigen Denkens nicht chromatisch angeordnet ist) zueinander lassen sich anders als bei der Klaviatur viele Griffe schneller und einfacher handhaben. Es gibt ein C-Griff-System und ein B-Griff-System.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Akkordeons befindet sich – quasi als zweites Manual – die Bassseite. Auf den Knöpfen der Bassseite sind bereits Akkorde mechanisch „vorprogrammiert“, der Dur-Akkord, der Moll-Akkord, Septakkord und verminderter Septakkord zum jeweiligen Grundton der Reihe. Alle Akkorde sind normalerweise dreistimmig angelegt, dem Septakkord und dem verminderten Septakkord fehlt daher jeweils die Quinte. Die jeweiligen Grundtonreihen sind analog zum Quintenzirkel aufgebaut. Dieses Basssystem nennt man Stradella-Bass – nach der italienischen Stadt Stradella in der Lombardei, einem frühen Zentrum des Akkordeonbaus. Möglicherweise waren diese vorprogrammierten Akkorde auch (mit-)namensgebend für das ganze Instrument. Als zweite Bassseitenvariante gibt es auch Instrumente, die mittels Knöpfen bis zu fünf Oktaven an Einzeltönen anbieten. Diese Variante wird „Melodiebass“ genannt.

Das letztlich wichtigste Teil eines Akkordeons ist das Teil zwischen Diskant- und Bassseite, der Balg, der die Luft liefert, die für die Tonerzeugung wichtig ist. Diesem wichtigen Bauteil wollen wir uns in dieser Serie im April in einem eigenen Beitrag nähern.

Platon – die Idee

Diskant, Balg, Bass – diese drei Grundelemente machen ein Akkordeon aus, sind quasi im platonischen Sinne die „Idee“ eines Akkordeons. Zu der Idee hinzu kommt im Inneren des Akkordeons die Tonerzeugung selbst. Das Aerophon ist ein „Luftklinger“, ein Instrument, in dem der Ton dadurch erzeugt wird, dass durch Luft etwas in Schwingung versetzt wird. Alle Blasinstrumente von der Piccoloflöte bis zum Sousaphon sind Aerophone. Aber auch die Orgel ist ein Aerophon, da ihre klingenden Teile, die Pfeifen, durch Luft „aktiviert“ werden.

Durchschlagende Zunge

Im Akkordeon wird der Ton mittel sogenannter durchschlagender Zungen erzeugt. Dabei wird ein Metallstreifen (= die Zunge) an einer Seite in einem Rahmen befestigt, so dass die andere Seite des Streifens frei durch den Rahmen hindurchschwingen kann.

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Bass-Stimmplatte eines Akkordeons mit zwei durchschlagenden Zungen, jeweils eine pro Seite. © Wikimedia Commons, JPasche

Bass-Stimmplatte eines Akkordeons mit zwei durchschlagenden Zungen, jeweils eine pro Seite. © Wikimedia Commons, JPasche

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Die Zunge ist relativ eng in den Rahmen eingepasst. Sie überdeckt im Ruhezustand mittig die Öffnung des Rahmens. Wird die Zunge durch den hindurchströmenden Wind bewegt bzw. angeregt entsteht dadurch der Ton. Wobei nur ein Teil des Schalls tatsächlich durch die Zunge selbst entsteht, der größere Teil des Schalls entsteht durch die umgebende Luft. Da der Luftstrom immer dann unterbrochen wird, wenn die Zunge während des Schwingungsvorganges den Rahmen durchschlägt, spricht man hier von „Unterbrechungs-Aerophonen“. Der gesamte akustische Prozess bei dieser Art der Tonerzeugung ist hochkomplex. Hier soll es ausreichen, mittels einer Hochgeschwindigkeitsaufnahme zu zeigen, wie dieser Durchschlagprozess der Zunge, der zum Beispiel auch in der Mundharmonika genauso funktioniert, aussieht:

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Hochgeschwindigkeitsaufnahme einer Stimmplatte mit durchschlagender Zunge. © Wikimedia Commons, JPascher

Hochgeschwindigkeitsaufnahme einer Stimmplatte mit durchschlagender Zunge. © Wikimedia Commons, JPascher

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Ausblick

Im Akkordeonbau gibt es vielfältige andere Ideen – bis hin zu Spezialanfertigung, die nach den eigenen Wünschen eines Interpreten gebaut werden. Wir werden in den nächsten Monaten immer wieder solchen Varianten der Grundidee (zum Beispiel, dass sich die Tonhöhe verändert, je nachdem, ob man mit dem Balg zieht oder drückt) des Akkordeons begegnen, wenn wir die Familie der Harmonika-Instrumente betrachten, zu der das Akkordeon als nur ein Instrument dazugehört.