Noch keine 200 Jahre ist das Akkordeon alt, und doch hat es sich zum Weltenbummler in allerlei Genres entwickelt. Machte man sich über die Quetschkommode, das Proletenklavier oder die Schweineorgel lange Zeit lustig, so befindet es sich heute klanglich wie technisch auf dem allerneuesten Stand. Mehr noch: Gerade seine „neuen“ Klänge können süchtig machen – da gibt es kein Entrinnen!
Musikinstrument des Jahres: Teil 1
Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 1): Feine Töne, orchestrale Stärke und abgedrehte Klänge
„Jetzt reicht’s!“ – ein Gedanke, der sich an lauen Sommertagen schnell einstellen mag, wenn die Musik aus Nachbars Garten wieder einmal viel zu laut ist. Dabei mag der Nachbar wohl einfach nur vergessen haben, dass sich der Rechtsbegriff „Zimmerlautstärke“ letztlich nur auf geschlossene Räume beziehen kann. Wer glaubt, im Freien würde dieser Begriff die Möglichkeit der Beschallung des gesamten Weltalls eröffnen, der irrt und zieht sich schnell den Zorn des Nachbarn zu. Einen Nachbarn, wie er in Martin Perscheids Cartoon dargestellt wird, wünscht man seinem trotzdem als ärgsten Feind nicht! – Obwohl …
Gefahr in Verzug! © Perscheid/Distr.Bulls
Ein Klavier, ein Blasinstrument und einen Kontrabass gleichzeitig zu spielen, ist ganz sicher eine Kunst – noch dazu das Klavier mit dem rechten Fuß (Klavierwerke für linke Hand solo gibt es ja seit Paul Wittgenstein – aber für rechten Fuß?). Was aber kann man einem „dreistimmigen“ Music-Man entgegensetzen? Für die Nachbarin ist das klar: es kann nur das Akkordeon sein. „… und zeig’s ihm“, fordert sie ihren Mann auf, wohlwissend, was da für eine Bazooka in Anschlag gebracht wird. Ob Perscheid ahnte, wie nahe er hier der Wahrheit gekommen ist, bleibt offen – die Richtung, die er einschlägt, aber stimmt!
Das Akkordeon ist das Instrument des Jahres 2026 – dafür haben sich die Landesmusikräte im 19. Jahr dieser Aktion entschieden. Mit diesem Herausstellen eines Musikinstrumentes will man für dieses Werbung machen, ein Bewusstsein schaffen, was es kann und was nicht. Man will Vorurteile über dieses Instrument abbauen, die sich möglicherweise eingeschlichen haben. Last but not least will man neugierig auf das Instrument machen, im besten Fall neue Spieler für dieses Instrument gewinnen.
Vorurteile? Woran denkt man zuallererst bei einem Akkordeon? An Shanties vielleicht, an einen der volkstümlichen Namen des Akkordeons: das Schifferklavier. Dabei ist das Akkordeon aber kein klassisches Seemannns- oder Meermusikinstrument. Im Marinemusikkops der Bundeswehr in Kiel zum Beispiel gibt es wohl niemanden, der Akkordeon spielen kann. Der zweite Gedanke mag in Richtung der Volksmusik gehen, wo es etwa Schrammelharmonika (Österreich, benannt nach dem Ensemble „Die Schrammeln“, die versuchten der Volksmusik einen „klassischen Touch“ zu geben), Steirische Harmonika (Österreich, Südtirol, Tschechien, Slowenien Bayern), Schwyzerörgeli (Schweiz) oder Irisches Akkordeon (Irland) heißt. DAS typische Volksmusikinstrument ist das Akkordeon aber keineswegs.
Quetschkommode
Das Akkordeon kann deutlich mehr, auch wenn das anfangs nicht allgemein akzeptiert wurde und man sich über das Instrument gern lustig machte, was etwa in Spitznamen wie „Quetsche“ beziehungsweise „Quetschkommode“ offenbar wird. Obwohl: „Es hat den Anschein, daß die Erfindung des Akkordeons Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geradezu in der Luft lag. Neben Demian in Wien arbeiteten Friedrich Buschmann (Berlin) und Charles Wheatstone in England unabhängig von einander an einer ähnlichen Instrumentenkonstruktion mit Blasebalg und durchschlagenden Zungen“ (zitiert nach W. Maurer, 1983, S. 55). Das Patent für das neue Instrument erhielt am 23. Mai 1829 dessen Erfinder der Wiener Klavier- und Orgelbauer Zyrill Demian.
Technisch geht es bei dem Akkordeon um sogenannte durchschlagende Zungen bei denen ein jeweils unterschiedlicher Ton erzeugt wird, je nachdem, ob man den Balg aufzieht oder zudrückt. Dazu erklangen in der Anfangszeit – als das Instrument noch vertikal gespielt wurde – dauerhaft zwei mitschwingende Begleitakkorde. Erst in den 1850er Jahren begann sich eine waagerechte Spielweise durchzusetzen, bei der die rechte Hand den Diskant spielte und die linke Hand die Bassseite bediente. In dieser Zeit wurde das Instrument kontinuierlich weiterentwickelt, zum Beispiel wurde die Anzahl der Tasten erhöht und die Halbtöne ergänzt.
Weltreise
Schnell trat das Akkordeon eine musikalische Weltreise an: Ob im argentinischen Tango, der französischen Musette, in den osteuropäischen Volksweisen oder der deutschen Volksmusik – überall war das Akkordeon schnell zu Hause und bei Spielern wie Zuhörern gleichermaßen beliebt. Das Akkordeon prägt den Klang ganzer Kulturen, auf den Bühnen ebenso wie in intimen kammermusikalischen Momenten. Seine Stärke liegt sowohl im Klang der feinen Töne als auch in seiner Fähigkeit, große orchestrale Szenerien entstehen zu lassen.
Der Zugang zur sogenannten „ernsten Musik“ blieb dem Akkordeon lange verwehrt. Anton Bruckner soll dem Akkordeon vorgeworfen haben, dass „kein sauberer Ton, und vor allem kein schöner“ mit ihm hervorgebracht werden könne. Das wohl erste Stück des „ernsten“ Genres, das ein Akkordeon in der Partitur vorsieht, ist Paul Hindemiths Kammermusik Nr. 1, op. 24 Nr. 1. Allerdings findet hier nur die Diskantseite des Instrumentes Verwendung. In der Neuen Musik in Deutschland wird es seit etwa 1970 einbezogen, in Skandinavien bereits 10 Jahre eher. Ab den 1990er Jahren verwenden auch etablierte Komponisten wie John Cage oder Mauricio Kagel das Akkordeon in ihren Werken.
Instrument des Jahres
Im Laufe der Aktion „Instrument des Jahres“ hat sich unmerklich der Blick auf die einzelnen Instrumente gewandelt. Die ersten Instrumente waren alles Orchesterinstrumente, hinter denen auch instrumentenbautechnisch eine etablierte Handwerkskunst gestanden hat. Auch stand nur das jeweilige Instrument selbst im Mittelpunkt. In einem persönlichen Gespräch erläuterte der Geschäftsführer des schleswig-holsteinischen Landesmusikrates, Hartmut Schröder, dass das Instrument des Jahres 2026 aus historischen Gründen eigentlich „Harmonika“ heißen müsste. Aber: „Wer kennt schon eine Harmonika?“ Deshalb habe man das deutlich bekanntere Instrument aus derselben Familie als Protagonisten für dieses Jahr benannt. Gemeint sei aber die ganze Instrumentenfamilie.
Auch wolle man gern die Weite und Vielfältigkeit dieser Instrumentenfamilie erkunden und nicht nur singulär bei einem in einem klassischen Handwerksbetrieb gebauten Akkordeon verharren. Der Blick beginnt also bei der Mutter der Harmonika-Instrumente, der chinesischen Sheng, einer Mundorgel, über die Harmonika selbst bis zum Bandoneon des argentinischen Tangos. Selbst die Maultrommel könnte man im weitesten Sinne in diese Familie einbeziehen. Der Blick darf aber auch weiter in die Gegenwart und Zukunft gehen. Selbst elektronische Instrumente, die bautechnisch dem Akkordeon nahe stehen, werden in diesem Jahr in den Blickpunkt gerückt. Das ist neu.
Der Botschafter: Nenad Nikolić
Mit dem Akkordeonisten Nenad Nikolić hat der schleswig-holsteinische Landesmusikrat eine herausragende und leider singuläre Künstlerpersönlichkeit gewinnen können, als Botschafter für sein Instrument aufzustehen. Der gebürtige Serbe ist mit dem Instrument über Vater und Großvater verbunden, begann selbst schon als Kind Akkordeon zu spielen. In Deutschland studierte er Akkordeon, Dirigieren und Elementare Musikpädagogik. Heute ist er selbständiger Musiker und Musiklehrer. Sein Spiel zeichnet sich durch eine hohe Virtuosität und Experimentierfreudigkeit aus.
Nedan Nicolić: spielend, singend und tanzend – Techno vom Feinsten ! © Christoph Edelhoff, LMR SH
Und dann stellt er in der Pressekonferenz sein Instrument vor; schnell werden wir an die drei Ebenen – Nikolić nennt sie „Ebenen“ – Martin Perscheids denken. Da ist zum einen (er spielt ein Knopfakkordeon) in der rechten Hand die Melodie (1. Ebene), der Diskant, dann gibt es auf der Bassseite eine Knopfreihe mit Einzeltönen (2. Ebene) und die übrigen Knöpfe, die mit Akkorden belegt sind (3. Ebene). Nikolić spielt einige triviale Stücke, erzählt und erklärt – und dann könnte die Vorführung zu Ende sein.
Aber eigentlich fängt sie jetzt erst an! Für alle, die es bis dahin noch nicht gemerkt haben, erklärt Nikoli, dass er auf einem elektronischen Akkordeon spielt, das sich äußerlich – zumindest für den ungeübten Beobachter – nicht wesentlich von einem analogen Akkordeon unterscheidet. Er erklärt, was er auf die einzelnen Knöpfe für Funktionen und Klänge „drauflegen“ kann: hier den einen Schlagzeugeffekt, dort einen anderen. Jeder Knopf kann eine eigene Aufgabe (weit weg von seiner ursprünglichen Funktion und dem Grundgedanken, der Idee des Akkordeons) bekommen – und schon klingt alles vollständig anders.
Es ist klanglich auch ein bisschen wie ein Synthesizer, der letztlich aber nur zwischen lauter und leiser programmiert werden. Mit dem Balg – und dieses ist das absolut zentrale Merkmal eines Akkordeons – kann man die Luft und damit auch die Musik quasi zum Atmen bringen. Das ist besonders und im Klangerleben einzigartig. Für die Live-Auftritte von Nicolić gilt: Alle Musik ist von Hand gemacht. Es gibt keine (!) Voreinstellungen, Programmierungen oder Rhythmusmaschinen. Jeder Ton wird live und sichtbar gespielt!
Perscheid versus Nikolić
Da sind also die oben genannten drei Grundebenen (Melodie, Einzeltöne im Bass, Akkorde), die schon ein ganzes Orchester darstellen können – erst recht, wenn sie elektronisch verstärkt werden. Mit Perscheids Music-Man sind wir also im Wettbewerb mindestens ausgeglichen, möglicherweise mit einem leichten Vorteil ausgestattet. Bei bei den ganzen zusätzlichen Belegungen der Knöpfe wird schnell klar, dass ein elektronisches Akkordeon wohl fast keine klanglichen Grenzen kennt. Diese Extrabelegungen rechnet Nikolić aber gar nicht als Ebene. Seine Stärken (= Ebenen) sind die eigene Stimme, die er noch einbringen kann und seine Beweglichkeit (Beine). Damit macht er – und spätestens jetzt sind alle Vorurteile auf seiner Seite – eine einzigartige Techno-Performance. Da sollen mal die Nachbarn kommen – gegen seine musikalische Vielseitigkeit, professionelle Bühnenpräsenz und spürbare Spielfreude haben die keine Chance!
Weitere Infomationen:
- https://www.instrument-des-jahres.de
- Walter Maurer: Accordion. Handbuch eines Instruments, seiner historischen Entwicklung und seiner Literatur, Wien 1983
- Vom 1. Februar (Eröffnungsveranstaltung um 11 Uhr, Eintritt frei) bis zum 29. März wird im Kulturhistorischen Museum Haus Kemnade in Bochum eine Ausstellung zum Instrument des Jahres 2026, dem Akkordeon, gezeigt. (https://www.bochum.de/C125830C0042AB74/vwContentByKey/W2DQDFDG204BOCMDE/$File/Flyer_Ausstellung_Begleitprogramm_Akkordeon.pdf)
- Am 14.02.2026 um 2 Uhr morgens spielt Nenad Nicolić (https://www.nenad-nikolic-akkordeon.de/) in Hamburg im Fundbureau ein Akkordeonkonzert mit Technomusik. (Karten unter https://fundbureau.de/)
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