Berlin hat gewählt und auch die bisher in der Stadt kulturpolitisch Maßgeblichen abgewählt. Allein angesichts des fatalen Wirkens von, unter anderen, Chiallo und Wedl-Wilson (siehe die sogenannte „Fördergeldaffäre“) besteht also Anlass zur Hoffnung, wenn auch ein ganz leiser. Schlimmer kann es hinsichtlich Agendawillkür und profundem inhaltlichen Desinteresse jedenfalls nicht werden. Besser? Das wird davon abhängen, inwieweit echte kulturpolitische Kompetenz in den kommenden, wohl schwer umkämpften Koalitionsverhandlungen sich wird durchsetzen können – und ob sich geeignetes Personal findet und bereit ist, der notorisch überfordernden und vielfach tückischen Sache der Berliner Kultur sich zu widmen. Die Frontlinien sind jedenfalls schon zum Teil abgesteckt und folgen der legitimen wie gerissenen Logik „Vor der Wahl ist nach der Wahl“. Siehe Hauptstadtfinanzierungsvertrag.
„Berlin soll international leuchten“
Das hat die Staatsoper nicht verdient – Folgt auf den Berliner Wahlkampf ein Kulturkampf?
Fünf Milliarden für Sicherheit und Kultur in den kommenden 10 Jahren, das verkündeten vorweg Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers letzte Woche anlässlich der Unterzeichnung, was dem noch amtierenden „Regierenden“, Finanz- und Kultursenator im finalen Wahlkampf auch nicht geholfen haben wird. Er ist bald weg, der Vertrag bleibt aber. Auch wenn vorbehaltlich der Zustimmung eines eben erst gewählten Senats, denn so laufen halt demokratische Verfahren, so steckt drin, was drin steht und schon einmal Tatsachen schafft. Die erheblich gestiegenen hauptstadtbedingten Mehraufwendungen für Personen-, Institutionen- und überhaupt Demokratieschutz, für Islamismus-, Terrorismus- und womöglich Drohnenabwehr einmal hintangestellt, sind vor allem in der Kultur damit weitere Verteilungs- und Zuständigkeitskämpfe eingepreist und planmäßig in Kauf genommen.
So schien bereits am vergangenen Freitag die Stiftung Oper in Berlin, bisher ein eher unauffälliges juristisches Dach sowie administratorischer, finanzieller und technischer Dienstleister aller Opern der Stadt, genötigt, öffentlich klarzustellen, dass von dem Mittelaufwuchs an sie in Höhe von bis zu vier Millionen Euro p. a. in den kommenden zehn Jahren allein die Staatskapelle Berlin zweckgebunden profitieren wird (siehe nmz online v. 18.09.2026). Nicht die Deutsche Oper, nicht die Komische Oper, nicht das Staatsballett, schließlich auch nicht die Staatsoper Unter den Linden selber, deren Orchester die Staatskapelle ist. So administrativ knapp, so laut. Zwar noch keine „Remonstration“, also kein ausdrücklicher Widerspruch der Verwaltung, dafür aber laut genug. Laut genug auch, um gehört zu werden inmitten des Wohlklangs anderer mit eingepreister musikalischer Wohltaten? Etwa des Mittelaufwuchses für die Stiftung Berliner Philharmoniker von ebenfalls bis zu vier Millionen Euro, oder der Verpflichtung des Bundes, sich an der kommenden Sanierung der Philharmonie mit bis zu 225 Millionen Euro zu beteiligen… Divide et impera, zuteile und herrsche, zumal vermittels Angeboten, die man nicht ablehnen kann.
„Die Zweckbindung des höheren Zuschusses des Bundes an die Staatskapelle verschärft das Gerechtigkeitsproblem, das innerhalb der Stiftung Oper schon länger besteht“, so Daniel Wesener, der kulturpolitische Sprecher der Grünen im bisherigen Abgeordnetenhaus. „Die Deutsche und die Komische Oper drohen trotz ihrer künstlerischen Erfolge im wirtschaftlichen Wettbewerb den Anschluss zu verlieren.“ Was die Lage noch zurückhaltend beschreibt angesichts in den kommenden zehn Jahren zu erwartender „Herausforderungen“ wie Tarif- und Preissteigerungen oder anderen Imponderabilien – vom unabsehbaren Exil der Komischen Oper aus ihrem im Umbau befindlichen Haus einmal abgesehen. Und so strafen der BKM und der abgewählte Senat das Staatsballett, die Komische und die Deutsche Oper langfristig mit Missachtung, wobei gerade letztere gerade letzte Woche ihre enormen Qualitäten mit den jeweiligen Eröffnungspremieren von Reimanns „Lear“ und Stockhausens MITTWOCH mehr als deutlich bewiesen haben.
In welchem Maße der BKM für die anderen Betriebe der Stiftung Oper in Berlin völliges Desinteresse hegt, das zeigt sich auch an der Gegengabe, die er von Berlin für den erhöhten Zuschuss verbindlich einfordert: per Gesetzesänderung dem Bund einen Sitz im Stiftungsrat einzuräumen sowie „ausschließlich ein Stimm-, Informations- und Mitwirkungsrecht bei der Berufung des Generalmusikdirektors/der Generalmusikdirektorin und der Ausstattung der Staatskapelle“. Ausschließlich!? … Was nichts anderes heißt, dass alle anderen Rechte, die ihm qua Sitz zustünden bei der Bestallung von Intendanten und GMDs der anderen, ja selbst der Staatsoper, dem Staatsminister Weimer schlichtweg egal sind. „Ein solches Konstrukt dürfte nicht nur dysfunktional, sondern auch spaltend wirken“, findet Wesener. Älteren dagegen kommen finstere Zeiten in den Sinn, als hierorts ein Reichspropagandaminister und ein Preußischer Ministerpräsident um die Oberherrschaft über Musikinstitutionen stritten. Das hat die Staatsoper genauso wenig wie die anderen Berliner Opern verdient. Und trotzdem scheint der Kulturstaatsminister polarisierend die bestehenden Strukturen planmäßig zerlegen zu wollen zugunsten der Staatskapelle. Zu welchem Zweck bloß? Wozu eine „Lex Thielemann“?
Die Zweckbindungen verraten nur so viel, als dass zunächst zwei, dann drei Millionen Euro jährlich vorgesehen sind für ein nicht näher spezifiziertes Kooperationsvorhaben mit der Barenboim-Said-Akademie, einem Quasi-Bundesbetrieb, und jeweils eine Million Euro pro Jahr „für die Exzellenzstärkung und zur Steigerung der Sichtbarkeit der Staatskapelle Berlin in der Bundeshauptstadt“. Wandern bei ersterem Zweck die Mittel offensichtlich von einer BKM-Tasche in die andere, so wüsste man beim zweiten gern, was dieses derart pompös umschriebene Mehr bewirken soll. Oder steigt etwa BMW als Hauptsponsor konjunkturbedingt aus und BYD nicht ein? Dass die Staatskapelle exzellent ist, in dieser Stadt, in diesem Land, in Europa, das steht außer Frage. Auch, dass sie tatsächlich einmalig ist in ihrer Klangkultur, Flexibilität und anderem mehr. Aber, noch ist nichts Näheres dazu bekannt, wie und womit man die musikalische Exzellenz noch weiter steigern möchte. Und warum? Im Gegensatz zu seiner Vorgängerin im Amt, Monika Grütters, fällt der gegenwärtige Amtsinhaber auch nicht als besonders musikaffin auf. Eher medienaffin.
Er indes, der neuerdings mit dem Vorschlag brillierte, das ZDF zu privatisieren, dürfte daher genau hingehört haben, als die BILD-Chefredakteurin Marion Horn zum Anlass der exklusiven Übertragung der Staatsopernproduktion von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ durch BILDplus am 8. Juli. schrieb: „Oper und BILD haben viel gemeinsam.“ Daran stimmt gar nichts und somit genauso viel, wie an den wohlklingenden Fanfarenstößen, mit denen die B.Z., der hauptstädtische BILD-Ableger, am 16. September die „4 Millionen Euro mehr vom Bund“ als schon fix feierte, unter anderem mit den Worten: „Davon profitieren alle Häuser der Opernstiftung,“ denn, es hätte alles auch schlimmer kommen können, die bisherige Aufteilung des Bundeszuschusses bliebe immerhin gleich. Da blieb der Stiftung Oper in Berlin also nichts über, als dezent die auf die Fakten zu verweisen.
Administratives Durchregieren, Schleifung staatsferner Entscheidungsstrukturen, kulturpolitische Instrumentalisierung, Privatisierung und dergleichen indessen gehören zum Arsenal, mit dem der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer andauernd ins Feld zieht, egal ob es um öffentliche Kulturförderung oder Medienpolitik geht. Der Gedanke an eine Springer-Repräsentanz Unter den Linden könnte ihm dabei, woher auch immer, durchaus untergekommen sein. Das hat die Staatsoper zuallerletzt verdient, und auch nicht die Staatskapelle eine wie auch immer geartete Dienstverpflichtung beim Bund.
Christian Thielemann schließlich, dem es „Ehre und Herzensangelegenheit zugleich“ sei, die von Daniel Barenboim gegründete Akademie weiterzuführen, war schon mal Urheber, Gegenstand und Opfer kulturpolitischen Unfriedens: in Nürnberg, in Berlin, in München, in Dresden. Nun abermals in Berlin sowie angesichts seiner, mit der Staatskapelle die Perfektion streifender und zugleich tiefenentspannter Interpretationen von Wagner, Strauss, Berg und zuletzt Bruckner, scheint der Dirigent wie heimgekehrt und zur Ruhe gekommen, strahlt echte musikalische Exzellenz aus, die Ränke, Agenden, Machtkämpfe, Übervorteilung nicht verdient hat. Ein künstlerisch ebenbürtiges hauptstädtisches Umfeld aber umso mehr. Und dieses leuchtet in Berlin eben, siehe auch die Opernstiftung, aufgrund von Vielfalt, und nicht aus machtgesteuerter Repräsentation. Das lehrt mitunter die Geschichte der Stadt.
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