Hauptbild
News Euro

Jan Vogler: «Wir müssen neu über Kulturfinanzierung nachdenken» 

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Jan Vogler: «Wir müssen neu über Kulturfinanzierung nachdenken»

Autor
Publikationsdatum
Body

Hat die klassische Kulturförderung in Deutschland ausgedient? Die Kassen der Kommunen und Länder sind stark beansprucht. Deshalb ist Kreativität vonnöten.

Der Dresdner Festspielintendant Jan Vogler hält angesichts leerer Kassen in Kommunen und Ländern ein Nachdenken über neue Wege der Kulturförderung für erforderlich. Dabei sieht sich der international erfolgreiche Cellist mit einem berühmten Kollegen aus der Bildenden Kunst im Bunde. «Joseph Beuys hat einmal gesagt, das Kreativität das eigentliche Kapital des Menschen ist. Das brauchen wir jetzt: Fantasie und Kreativität», sagte Vogler der Deutschen Presse-Agentur. Am Donnerstag beginnen die Musikfestspiele in Dresden, die Vogler seit 2008 zu einer in der Musikwelt bekannten Marke entwickelt hat.

Wirtschaft stärker für die Finanzierung der Kultur gewinnen

«Eine rein staatliche Kulturfinanzierung funktioniert nur, wenn der Staat auch genug Geld hat», beschreibt Vogler die einfache Gleichung. Deutschland sei immer noch ein sehr reiches Land und auch wirtschaftlich stark.

Eine gute Möglichkeit bestehe deshalb darin, mehr als bisher die Wirtschaft für die Finanzierung von Kunst und Kultur zu gewinnen. «Ich glaube, wir Musiker sind nicht die schlechtesten Botschafter, wenn es darum geht, Wirtschaftsvertreter zu motivieren, in Kultur zu investieren. Wir können begeistern, mit Begeisterung kann man sehr viele Menschen mitnehmen. Deutschland hat diese Ressourcen.»

Kreativität spielt nach Einschätzung von Vogler dabei eine große Rolle. «Gerade im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz ist dieser Wert noch einmal gestiegen. Wir sollten das gerade Wirtschaftszweigen vermitteln, die mit KI und High Tech erfolgreich sind. Eine Public-Private Partnership könnte zu einer nachhaltigen Kulturfinanzierung beitragen.» Vogler (62), der seinen ersten Wohnsitz in New York hat, blick dabei etwa auf das Silicon Valley, das bislang noch nicht als klassischer Sponsor für die Künste in Erscheinung trat.

Sponsoren können in die Geschichtsbücher eingehen

Jan Vogler verweis auf historische Parallelen. «Wenn man heute von Adligen aus der Mozart-Zeit spricht, dann nur, weil sie vielleicht ein Streichquartett bei ihm in Auftrag gaben und Mozart ihnen das Werk dann gewidmet hat. Wer wird in 100 Jahren noch wissen, wer im Jahr 2026 CEO von Apple war? Aber wenn der Geschäftsführer ein gutes Projekt in der Kunst und Kultur anstößt und mitfinanziert, kann er in die Geschichtsbücher eingehen.»

Vogler zufolge sind sich der Kulturbetrieb und die Wirtschaft in puncto Effizienz und Kreativität durchaus ähnlich. «Die Sponsoren können darauf bestehen, dass die Kultur ihr Geld dynamisch und wirkungsvoll einsetzt. Keiner möchte gern sein Geld für etwas ausgeben, was am Ende ohne kulturelle Wirkung versackt.» Mit einer großen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit werde Sponsoring auch für die Geldgeber attraktiv.

Festspiele konnten trotz sinkender Zuschüsse Etat stabilisieren

Vogler war es gelungen, trotz sinkender städtischer Zuschüsse für die Festspiele das Budget durch erhöhte Eigeneinnahmen konstant zu halten und in diesem Jahr sogar zu steigern. Für eine Aufführung von Richard Wagners «Götterdämmerung» auf historischen Instrumenten und im Sprach- und Gesangsstil der Entstehungszeit warb er eine Spende vom Packard Humanities Institute in Los Altos im US-Bundesstaat Kalifornien ein. Die Stiftung stellte rund 1,7 Millionen Euro bereit. Auch die anderen Teile vom «Ring des Nibelungen» waren bereits in Dresden und mehreren europäischen Städten aufgeführt worden und hatten in der Fachwelt für Aufsehen gesorgt.

Die besten Beziehungen zwischen Förderer und Festival würden sich aber mit langfristigen Partnern entwickeln, betonte Vogler. Paradebeispiel bei den Musikfestspielen sei die Beziehung zur Ostsächsischen Sparkasse und ihrem Vorstand Joachim Hoof. «Seine Idee war es, Uraufführungen zu fördern. Acht neue Werke sind so bereits entstanden, einige davon wurden auf CD eingespielt und schafften es schon bis in die Carnegie Hall.» Ein so großes gegenseitiges Verständnis mit einem Partner aus der Wirtschaft sei selten.

Öffentliche Hand nicht aus der Verantwortung entlassen

Trotz höherer Zuwendungen aus der Wirtschaft dürfe man die öffentliche Hand jedoch nicht aus ihrer Verantwortung für das kulturelle Leben entlassen, sagte Vogler. «Die Menschen bezahlen viel an Steuern. Davon sollte ein bedeutender Teil auch in jenen Bereich fließen, der ihnen Lebensqualität bringt. Ich gehe nicht davon aus, dass wir bei der Suche nach neuen Wegen der Kulturförderung sofort den Stein der Weisen finden. Doch die finanziellen Zwänge können einen kreativen Prozess auslösen, von dem am Ende alle profitieren.»

Ort
Autor