14 Jahre hat Köln seine Oper von 1957 saniert. Bemerkenswert ist: Obwohl letztlich nur ein bestehendes Gebäude-Ensemble wiederhergestellt wurde, könnte seine Botschaft nicht aktueller sein.
«Eine Milliarde hat's gekostet - dafür hätte man sich eine Elbphilharmonie leisten können. Aber stattdessen haben wir jetzt nur wieder diesen Betonklotz!» So oder ähnlich hat man es in den letzten Jahren in Köln immer und immer wieder gehört. Gemeint war die seit 2012 dauernde Sanierung von Oper und Schauspielhaus aus der Nachkriegszeit.
Nun steht am 24. September die offizielle Wiedereröffnung an. Deutlich wird: Die Entscheidung, das Gebäude-Ensemble zu erhalten, war richtig. «Bewahrt und neu zum Strahlen gebracht wurde etwas Einzigartiges, dessen Bedeutung weit über Köln hinausweist», sagt Stadtkonservator Thomas Werner.
Die Kölner Oper war 1957 einer der ersten Kultur-Neubauten der jungen Bundesrepublik. Frühe Schwarzweiß-Fotos zeigen ein Gebäude, das sich wie die Vision einer besseren Gesellschaft nüchtern, klar und hell aus dem Kölner Trümmerfeld erhebt.
Es war radikal neu gedacht, ein «Bau in menschlichen Maßen, ohne falsche Repräsentation und im Geiste unserer Zeit», wie es der Architekt Wilhelm Riphahn (1889-1963) bei der Eröffnung formulierte.
Riphahn wollte eine Oper der Demokratie schaffen. Die Zeitgenossen betrachteten sie als Symbol des Neuanfangs, was auch dadurch zum Ausdruck kam, dass Bundeskanzler Konrad Adenauer der Eröffnung beiwohnte.
Der Architekt wollte gleich gute Sicht von allen Plätzen
Schon von außen fällt auf: Dies ist kein Opernhaus, wie man es kennt. Es fehlen Treppen, die zum Tempel der Hochkultur hinaufführen, es fehlt ein repräsentativer Haupteingang.
Stattdessen betritt man das Haus über einen großen Vorplatz durch einen von fünf gleichwertigen ebenerdigen Eingängen. Im Zuschauerraum gibt es keine besseren und schlechteren Plätze, keine Ehrenloge. Riphahn wollte, dass man von jedem Sitz aus gleich gut hört und sehen kann. Es ist ein Gebäude ohne Hierarchien.
Auf Schmuck und Verzierungen verzichtete Riphahn. Stattdessen besitzt seine Oper riesige Fenster - der Schauplatz der Hochkultur öffnet sich nach außen. Transparenz und intensiver Kontakt mit der Gesellschaft waren die angestrebten Ideale, Herrschaftsarchitektur und Elitendenken sollten der Vergangenheit angehören. 1962 wurden als Gesamtensemble direkt neben der Oper auch noch das ebenfalls von Riphahn entworfene Schauspielhaus und die Opernterrassen eröffnet.
Doch schon in jenem Jahr wurden an der Oper erste Veränderungen vorgenommen. So erhielten die hinter dem Zuschauerraum aufragenden Werkstatt-Türme aus Sichtbeton - als «Grabmal des unbekannten Intendanten» verspottet - einen weißen Anstrich, ebenso wie später der gesamte Innenbereich.
Riphahns Farbkonzept mit 131 aufeinander abgestimmten Farbtönen ging dadurch komplett verloren - im Zuge der Sanierung ist nun aber alles wiederhergestellt worden. Man fühlt sich in die Zeit der Radiotruhen und Nierentische zurückversetzt. Allein die Garderobe mit ihren silbernen Haken vor dunkelgrauer Wand wirkt wie eine Kunstinstallation.
Insgesamt ist die Innenarchitektur ein Musterbeispiel dafür, wie man mit denkbar wenigen Mitteln den größtmöglichen Effekt erzielen kann. Der einzige Luxus sind die Leuchter aus Murano-Glas im Foyer, die aufgrund glücklicher Zufälle im Original erhalten geblieben sind.
Klare Linien, makellose Oberflächen, feine Abstufungen - auch diese Ästhetik atmet den Geist der jungen Bundesrepublik, vermittelt etwas von der Aufbruchsstimmung, die damals geherrscht haben muss. So gesehen eröffnet das Gebäude in diesem Herbst genau zum richtigen Zeitpunkt: Ein Symbol der Demokratie wurde wiederhergestellt - während die freiheitliche Grundordnung wie noch nie unter Druck steht.
Ein Oldtimer mit der Technik von heute
Warum ist die Sanierung nun so unglaublich teuer geworden - 800 Millionen Euro allein an reinen Baukosten? Einer der Hauptgründe dafür ist die Schwierigkeit, ein Gebäude-Ensemble aus den 50er Jahren den heutigen baurechtlichen Bestimmungen zu Brandschutz, Energie-Effizienz und Barrierefreiheit anzupassen, ohne dabei die Architektur zu stark in Mitleidenschaft zu ziehen. Man musste gleichsam einer Oldtimer-Limousine die neueste Technik unter der Motorhaube einbauen. Dem gerecht zu werden, erforderte zahllose Kunstgriffe.
Wer die durchkomponierten Räume heute besichtigt, wird kaum glauben können, dass der Abriss des Schauspielhauses noch vor weniger als 20 Jahren beschlossene Sache war. An seiner Stelle sollte ein glitzernder Kubus mit Stahl-Glas-Fassade entstehen. Aber dann forderten 50.000 Kölner Bürger die Erhaltung des Gebäudes - und der Stadtrat änderte die Pläne. Jetzt, nach der Sanierung, steht fest: Ein Neubau wäre eine Amputation gewesen - so als hätte man den Flügel eines Barockschlosses durch einen Betonbau ersetzt.
Zwei weitere Spielstätten sind im Rahmen der Sanierung dazugekommen: das sogenannte Kleine Haus, ein behutsamer Neubau aus Glas, und eine unter der Erde liegende Kinderoper - nach Angaben der Stadt die weltweit einzige. Mit einer schuppigen goldenen Außenhaut wie eine in ihrer Höhle schlafende Drachendame wartet sie auf die jungen Besucher, die durch ein lichtes Treppenhaus zu ihr hinabsteigen werden.
Auch von daher ist jeder Vergleich mit der Elbphilharmonie verfehlt: Dies ist kein Konzertsaal wie in Hamburg, dies sind eine Oper, ein Theater, eine weitere Spielstätte und eine Kinderoper.
Köln, das im Laufe seiner 2000-jährigen Geschichte so viel Unersetzliches verloren hat, sowohl durch Krieg als auch durch Abriss, hat es diesmal verstanden, etwas Besonderes zu bewahren. «Ein Neubau», sagt Stadtkonservator Werner, «hätte für die Stadt Köln niemals die Identität erreicht, die dieses Zeitzeugnis besitzt und ausstrahlt.»