Wenn ich auf die ungarische Kultur, insbesondere auf das Musikleben der vergangenen 16 Jahre zurückblicke, sehe ich eine Kulturlandschaft mit reichen Traditionen und international herausragenden Leistungen, deren Rahmenbedingungen sich zunehmend verschlechtert haben und die dadurch auch in eine Krise geraten ist. Die Ursachen dafür liegen sowohl in wirtschaftlichen Entwicklungen als auch in politischen Entscheidungen und weiteren Faktoren.
Ungarn
Musikkultur in Ungarn – eine Bestandsaufnahme nach Viktor Orbán
Die Situation der Akteure im ungarischen Musikleben wurde durch mehrere aufeinanderfolgende Regierungsentscheidungen erschwert. Die Abschaffung der sogenannten Kultur-TAO-Förderung im Jahr 2019 veränderte die Finanzierung der darstellenden Künste grundlegend. Für zahlreiche Ensembles und Bühnenorganisationen wurde der Fortbestand ihrer Arbeit dadurch unmöglich oder zumindest unsicher. Die Existenz von ExperiDance geriet ins Wanken, und auch die Finanzierung traditionsreicher Orchester wie des Concerto Budapest und des Budapester Festivalorchesters war gefährdet.
Die Änderung der KATA-Steuerregelung im Jahr 2022 zwang viele freischaffende Künstler dazu, auf andere Besteuerungsmodelle umzusteigen oder ihre Tätigkeit ganz einzustellen. Nach der Corona-Pandemie stellten die Inflation und die Energiekrise Konzertveranstalter und Kulturinstitutionen vor zusätzliche finanzielle Herausforderungen. Gleichzeitig wurden Musikunterricht und Konzertbesuche auch für Familien zunehmend zu Ausgaben, die sie sich nur schwer leisten konnten.
Die Auswirkungen der Pandemie waren zwiespältig: Das Konzertleben und der Präsenzunterricht im Musikbereich kamen für kürzere oder längere Zeit weitgehend zum Erliegen. Besonders schwierig war die Situation für Orchester, freischaffende Musiker und Lehrkräfte, die auf den persönlichen Unterricht angewiesen waren.
Gleichzeitig gewannen Online-Übertragungen und digitale Formen des Austauschs an Bedeutung. Sie halfen dabei, die Verbindung zwischen Künstlern und Publikum aufrechtzuerhalten. Während der Zeit des Lockdowns waren Musik, Literatur, bildende Kunst und kreatives Schaffen für viele Menschen wichtige Mittel, um ihr seelisches Gleichgewicht zu bewahren.
Nach dem Ende der Einschränkungen kehrte das Konzertleben nicht unmittelbar zur Normalität zurück. Die Veranstalter mussten das Vertrauen des Publikums ebenso neu aufbauen wie die Gewohnheit, wieder regelmäßig Konzerte zu besuchen.
Die Fördermöglichkeiten für freischaffende Künstler, zivilgesellschaftliche Kulturorganisationen und Institutionen sind in den vergangenen Jahren zunehmend unberechenbar geworden.
Bei den Ausschreibungen des Fachkollegiums für Musik des Nationalen Kulturfonds (NKA) wurden 2023 lediglich 39,8 Prozent und 2024 nur 35,1 Prozent der beantragten Fördersummen bewilligt. Für die Organisation von Konzerten standen 2024 sogar nur 21,7 Prozent der beantragten Mittel zur Verfügung. Gleichzeitig halbierte sich die Zahl der verfügbaren Förderausschreibungen im Vergleich zu früheren Jahren.
Meinen eigenen Erfahrungen und den Beispielen aus meinem Kollegenkreis zufolge war es keine Seltenheit, dass erfolgreiche Antragsteller nur einen Bruchteil der beantragten Summe erhielten. Dies machte es notwendig, geplante Programme einzuschränken oder grundlegend neu zu konzipieren.
Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels laufen die Vorbereitungen für den ungarischen Staatshaushalt 2027. Die Akteure des Kulturlebens warten darauf, in welchem Umfang die Haushaltsplanung künftig Unterstützung vorsieht und welche Prioritäten sie erkennen lässt.
Es gibt zwar ermutigende Anzeichen dafür, dass die Regierung einen verantwortungsvolleren und empathischeren Umgang mit Kunst und Kultur anstreben könnte. Die langfristigen Perspektiven werden sich jedoch letztlich an den konkreten Maßnahmen und den tatsächlich bereitgestellten Mitteln messen lassen.
Persönlich stimmen mich sowohl das künstlerische Niveau der bei staatlichen Veranstaltungen präsentierten Produktionen als auch die Haltung der Regierungsmitglieder und des Ministerpräsidenten gegenüber Kunst und kulturellen Werten zuversichtlich. Es ist besonders bedeutend für mich, dass Sir András Schiff nach 16 Jahren wieder nach Ungarn gekommen ist und am 3. und 4. September an der Liszt-Ferenc-Musikakademie in Budapest Konzerte gespielt hat.
Zuvor hatte er erklärt, dass er nicht in Ungarn auftreten wolle, solange die von Viktor Orbán geführte Regierung an der Macht sei. Das hatte ich persönlich sehr bedauert: Als Studentin der Musikakademie hatte ich ihn zuletzt live anhören können. Seitdem ist eine ganze Generation meiner Schüler herangewachsen, ohne die Gelegenheit gehabt zu haben, ihn in Ungarn persönlich auf der Bühne zu erleben.
Neben den Gründen zur Zuversicht gibt es allerdings auch Anlass zur Sorge. Die kürzlich öffentlich gewordene Finanzierungskrise der Pannonischen Philharmonie zeigt, dass selbst traditionsreiche Ensembles mit bedeutendem künstlerischem Profil in ihrer Existenz gefährdet sein können.
Ein weiteres wichtiges Signal ist, dass die Aufklärung mutmaßlicher Missstände bei der Verwendung von Kulturfördermitteln sowie die im Zusammenhang mit dem NKA eingeleiteten Ermittlungen öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Der wirkliche Maßstab für einen Wandel wird jedoch sein, ob die Akteure des Kulturlebens dessen Auswirkungen auch im Alltag spüren: in Form einer verlässlicheren Finanzierung, einer stärkeren Berücksichtigung fachlicher Kriterien und eines transparenten Fördersystems.
- TAO steht im Ungarischen für Társasági Adó (Körperschaftssteuer)
- Die ungarische KATA-Regelung (Kisadózó Vállalkozások Tételes Adója) ist eine vereinfachte Pauschalsteuer für Kleinunternehmer und Selbstständige.
- Share by mail
Share on