Wer in eine neue Stadt oder ein neues Dorf zieht, der will sich zumeist irgendwie in die noch unbekannte Gemeinschaft einbringen und einfügen. Wo lernt man Leute kennen und wo kann man sich irgendwie nach getaner Arbeit „austoben“. Da bieten sich die zahlreichen Musikvereine vor Ort an, in Kontakt zu kommen und gleichzeitig noch in seiner Freizeit etwas Wohltuendes und doch von der eigenen Arbeit so grundsätzlich Verschiedenes zu unternehmen. Ein Besuch beim Akkordeonorchester „Hohnerklang“ in Oelde.
Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 9): Akkordeonorchester „Hohnerklang“ Oelde
Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 9): Akkordeonorchester „Hohnerklang“ Oelde
Das Akkordeon ist ein sehr selbständiges Instrument. Mit seiner Diskant- und seiner Bassseite kann es sich musikalisch quasi selbst begleiten. Auf der einen Seite des Instrumentes wird die Melodie gespielt, auf der anderen entweder mit Einzeltönen oder mit voreingestellten Akkorden durch das Drücken eines Knopfes die Begleitung. Wegen dieser Fähigkeit hat es sich gerade in der Volksmusik seinen Platz als (Solo)Instrument zur Liedbegleitung, aber auch als Musik für Tanzmusik gesichert.
Andererseits gibt es viel Originalliteratur für Akkordeon, die das Instrument auch als echtes Solo-Instrument etwa gegenüber einem Orchester mit allerhand Klangvollem oder aber auch Virtuosem präsentiert. Musik für zwei Akkordeons kann man sich noch gut vorstellen – aber ein Orchester, eine größere Ansammlung von solchen kraftvollen Instrumenten?
Tatsächlich gibt es aber schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine über die Jahre erheblich angewachsene Anzahl von Akkordeonorchestern in Deutschland. Im Jahr 1927 gründete Matthias Hohner in Trossingen mit dem Hohner-Handharmonika-Orchester unter der Leitung von Hermann Schittenhelm das erste Akkordeonorchester der Welt. Dieses Orchester war Vorbild für viele weitere Gründungen von Akkordeonorchestern weltweit. Im Jahr 2006 gab es in Deutschland etwa 1900 Akkordeonorchester.
Das Akkordeonorchester „Hohnerklang“ Oelde mit seinem langjährigen Leiter Olaf Wittelmann (letzte Reihe, Mitte, blaues Hemd). © Knut Reimann
Bereits 27 Jahre später entstand in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Oelde im südöstlichen Münsterland ein Akkordeonorchester, das sich nach dem Trossinger Akkordeonhersteller den Beinamen „Hohnerklang“ gab. Die Idee zu dieser Gründung hatte der Oelder Musikstudent Josef Röttger, der am Hohner-Konservatorium in Trossingen studierte. Er war es auch, der nach seiner Rückkehr aus Trossingen ab März 1955 die Leitung des Orchesters in Oelde übernahm.
Von Anfang an waren es zwei Dinge, die das Orchester und das Vereinsleben bestimmten: Es wurde sehr ernsthaft musiziert und es wurde die Geselligkeit gepflegt. Bereits im Juni 1955 belegte man bei einem Bezirkstreffen des „Deutschen Handharmonika Verbandes“ in Neuss am Rhein in der Unterstufe den 1. Platz und wurde Bezirksmeister. Es folgten über die Jahre zahlreiche weitere erfolgreiche Wettbewerbsteilnahmen; 1997 wurde man in der Kategorie „Oberstufe Erwachsene“ sogar Landesmeister. Das gespielte Repertoire umschließt fast alle gängigen Musikstile.
Gesellschaftliche Teilhabe
Auch wenn das Phänomen „Akkordeonorchester“ vielleicht ein wenig im Schatten der vielfältigen (Gesangs-)Chöre steht, so waren und sind diese doch ebenso ein zentraler sozialer Treffpunkt, ein Ort, wo man sich unter Gleichgesinnten befindet und etwas gemeinsam schafft – modern würde man vielleicht sagen, Orchester sind die musikalischen Abbilder einer Demokratie. Geselligkeit innerhalb des Orchesters ist wichtig – und sicher ist da auch das eine oder andere Bierchen getrunken worden. Gleichzeitig stand man für Auftritte bei (runden) Geburtstagen, Silber- und Goldhochzeiten und anderen Jubiläen zur Verfügung, um ein Ständchen zu bringen. Man trat aber auch im gemeindlichen Leben auf, etwa bei Maikundgebungen, und vernetzte den eigenen Ort mit der Welt, in Oelde mit einer mittlerweile 70-jährigen Freundschaft zum Akkordeonorchester „Accordeana“ im niederländischen Helmond.
Kommt man in eine der jeweils am Montagsabend stattfindenden Proben des Orchesters in die von-Ketteler-Schule in Oelde, so merkt man sehr schnell, wie stark der Zusammenhang und Zusammenhalt unter den Musikern und Musikerinnen ist. Auf der Homepage des Orchesters findet man in dessen Selbstdarstellung den Satz „Wir erwarten, dass die Spielerinnen und Spieler aus freien Stücken, jedoch mit der richtigen Einstellung und dem notwendigen Einsatz zu uns kommen …“. Das klingt im ersten Moment vielleicht wenig werbewirksam, aber man kann diesen Geist des Wollens spüren und – wenn sie dann gemeinsam Musik machen – auch hören! Das macht dann auch dem Publikum Spaß!
„Normales“ Akkordeon
Wie aber klingt eigentlich ein Akkordeonorchester? Man mag sich das im Klang ein wenig „fett“ vorstellen, wenn etwa 30 Akkordeonisten loslegen. Tatsächlich aber nutzen die Orchesterakkordeonisten nur das „halbe“ Akkordeon für ihre Musik. 30 Bassseiten, die dann auch noch mehrstimmig das Fundament spielen, da wäre wirklich zu viel und nicht nur zu fett, sondern annähernd unerträglich. Die „normalen“ Akkordeonspieler nutzen im Orchester nur die Diskantseite ihres Instrumentes. Das erfordert (gerade auch im Hinblick auf das Atmen mit dem Balg) ein gutes Hinhören auf die Mitspieler, gibt dann aber einen hellen, klaren und sogar durchsichtig linearen Sound.
In den meisten Akkordeonorchestern sind die Akkordeons auf drei bis vier Stimmen aufgeteilt. Die erste Stimme ist die höchste Lage, spielt quasi die Melodie, ist unter Umständen auch die virtuoseste und spieltechnisch schwerste Stimme. Die zweite Stimme ist tiefer als die erste Stimme, nicht so virtuos und spielt eine Art Gegenstimme. Die dritte Stimme liegt noch tiefer als die ersten beiden Stimmen. Sie hat eine insgesamt ruhigere Bewegung und spielt so etwas wie den Kontrapunkt, eine eigenständige Gegenstimme. Die vierte Stimme ist für den Rhythmus und die Harmonien zuständig. Sie spielt meist zusammen mit dem Bass und dem häufig ergänzten Schlagzeug.
Ein Bassakkordeon – mit den fehlenden Knöpfen für Einzeltöne und Akkorde auf der Bassseite. Auf der Diskantseite sieht man unten den Anschluss für die elektronische Verstärkung. © privat
Bassakkordeon
In der Bassstimme lernen wir einen neuen Akkordeontyp kennen: das Bassakordeon. Dieses wird fast ausschließlich in Akkordeonorchestern eingesetzt. Es sieht auf den ersten Blick wie ein normales Akkordeon aus. Die Tonlage im Diskantbereich ist allerdings deutlich tiefer als bei den normalen Akkordeons. Auf der Bassseite hat das Instrument gar keine Knöpfe – und folglich auch keine Töne. Alle Bassbegleitung für das ganze Orchester wird also auf der (tiefen) Diskantseite gespielt – sowohl Einzeltöne als auch Akkorde, die dann aber mit mehreren Fingern gegriffen werden müssen. Voreingestellte Tasten oder Knöpfe mit Akkorden gibt es auf dem Bassakkordeon nicht! Oft wird das Bassakkordeon elektronisch verstärkt.
Information:
- Homepage des Akkordeonorchesters „Hohnerklang“ Oelde: https://www.hohnerklang-oelde.de
- Orchesterproben sind in Oelde übrigens immer am Montagabend – neue Mitglieder werden gern aufgenommen. Das Akkordeonspielen muss man noch nicht können, das kann man im Verein lernen. Schmerzlich vermissen die Mitglieder junge Mitspieler, die in der Geschichte der Orchesters eine wichtige Rolle gespielt haben – da würde man gern wieder dran anknüpfen!
- Share by mail
Share on