Auch wenn die Akkordeonisten noch immer auf der Suche nach „ihrem“ ureigensten Repertoire sind, das bisher aus vielen Bearbeitungen und Adaptierungen älterer Musik einerseits und einer langsam wachsenden Zahl an Originalkompositionen andererseits besteht, so hat das Akkordeon bereits von Anfang an gerade in der Folk-Musik einen klaren und festen Platz. Auf dem Schleswig-Holstein Musik Festival war das schwedische Duo Symbio mit einer hinreißenden und hochenergetischen Musik zu Gast.
Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 8): Duo Symbio
Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 8): Duo Symbio
Trance-ähnliche Klänge durchziehen die Gemäuer des „treibsAND“ in Lübeck. Fast weiß man nicht recht, woran man sich zuerst erfreuen soll: über die geniale Musik des „Duo Symbio“ oder die etwas abgedrehte Location des Konzertes. Oder muss man zuerst das Schleswig-Holstein Musikfestival (SHMF) erwähnen, das sich nicht zu schade dafür ist, neben dem hauptsächlich klassischen Musikprogramm und den klassischen Spielorten auch die Nischen, Kanten und Ecken der Welt auszuleuchten und mit Musik auszufüllen? Die besonderen Spielorte der Anfangszeit – hauptsächlich viele Herrenhäuser auf dem Lande – sind mittlerweile voll etabliert.
„Das treibsAND bietet“, so die Selbstauskunft auf dessen Homepage, „seit 1984 mit dem Veranstaltungsraum die größten Konzerte und Partys auf der Willy-Brandt-Allee (Walli) in Lübeck. Das treibsAND-Kollektiv versteht sich als linkspolitisches Kollektiv, bei dem Homophobie, Sexismus, Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus und jegliche Art von Diskriminierung keinen Platz finden. Alle Menschen, die sich auf der Walli (und im Solizentrum) engagieren, sind ehrenamtlich tätig. Die Mitglieder des Kollektivs sind leidenschaftlich musikinteressiert und geben den Veranstaltungen ihre besondere Atmosphäre.“ Wer das treibsAND besucht wird diese sehr spezielle und angenehme Stimmung schnell spüren: Hier ist ein Ort für besondere Konzerte.
Wir haben in dieser Serie bisher immer wieder versucht, dieses junge Instrument, das Akkordeon, gerade mal 100 Jahre alt, als ein Instrument der klassischen/ersten Musik darzustellen. Ein Instrument, für das es bislang nur wenig Originalliteratur gibt. Wir haben immer wieder erwähnt, wie Musiker sich „alte“ Musik (gemeint sind hier Kompositionen, die älter als das Akkordeon selbst sind) für ihr Akkordeon oder ihr Ensemble bearbeitet haben. Am Beispiel von Eva Zöllner und Ksenija Sidorova haben wir gesehen, wie Akkordeonistinnen Komponisten und Komponistinnen motiviert haben, für das Akkordeon zu komponieren.
Wir haben am „alten Seebären“ gesehen, wie das Akkordeon auf Reisen war und im weitesten Sinne Unterhaltungsmusik auf ihm gespielt wurde – aber auch Seemannslieder. Gerade im Bereich der Begleitung volkstümlicher Lieder hatten das Akkordeon und seine volkstümlicheren Varianten schon sehr bald nach ihrer Erfindung eine hohe Akzeptanz und weite Verbreitung.
Zwei Musiker mit Instrumenten, die in ihrer Entstehungszeit einige hundert Jahre auseinanderliegen und dennoch wunderbar zusammenklingen: das Duo Symbio mit LarsEmil Öjeberget (Akkordeon & Elektronik) und Johannes Geworkian Hellmann (Drehleier & Elektronik). © Christoffer Paavilainen
Akkordeon und Drehleier
Mit Hinblick auf den diesjährigen Schwerpunkt „Stockholm“ hat das SHMF ein einzigartiges schwedisches Künstlerduo aus Schweden verpflichten können, das zu den spannendsten und herausragendsten Stimmen der Nordic-Folk-Szene gehört. Zum Akkordeon, das von LarsEmil Öjeberget gespielt wird, gesellt sich hier eine Drehleier, die Johannes Geworkian Hellmann zum Klingen bringt. Diese Kombination vom Akkordeon mit teils sehr alten volkstümlichen Instrumenten (zum Beispiel auch Harfe oder Dudelsack) ist in der Folk-Musik, die oft sehr von improvisatorischen Elementen lebt, sehr verbreitet. Beim Duo Symbio gesellt sich noch die Elektronik dazu, die von beiden Spielern bedient wird und eine Tür in die Moderne öffnet.
Hypnotische Grooves
Einfachste, immer und immer wiederholte Spielfiguren und Tonleitern prägen über weite Strecken das musikalische Geschehen, werden aber durch die zwei sehr verschiedenartigen Instrumente in unterschiedliche Klagebenen gehoben und durch die Elektronik in neue Klangwelten gebettet – eine Musik, die gleichzeitig archaisch und futuristisch anmutet, eine Verschmelzung von Tradition und Moderne. Ihre Musik ist tief verwurzelt in der nordischen Folklore, doch pulsiert sie gleichzeitig quasi im Rhythmus der Gegenwart – hypnotische Grooves, warme Klangfarben und Melodien, die sich wie ein endloser Horizont öffnen.
„Als wir das erste Mal zusammen spielten, spürten wir sofort eine besondere Energie und eine musikalische Verbindung“, erinnern sich die beiden Musiker, wenn sie an die Gründung von Symbio denken. Ihre Stücke erzählen von weiten Landschaften, vom Licht des Nordens und von der urbanen Energie Stockholms. Voller Seele begegnet hier virtuoser Folk elektrischer Tanzmusik und wird für die Zuhörer zu einem klanggewaltigen Erlebnis, das im treibsAND die Beine zucken ließ. Hört man den beiden Musikern zu, taucht in ihre Klangwelt ein, kann man gar nicht glauben, dass der reiche und gelegentlich fast sinfonische Sound nur von eben zwei Musikern mit ihren Instrumenten herrührt.
Information:
- Homepage des Duo Symbio: https://symbiomusic.com
- Homepage des SHMF: https://www.shmf.de
- Homepage des treibsAND: https://treibsand.net
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