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Musiktheorie als Medium der Verständigung

Untertitel
Anmerkungen anlässlich des Musikrats-Kongresses „Musikalische Bildung im Ökosystem Musik“
Vorspann / Teaser

Im März 2026 war ich erstmals Teilnehmer eines Kongresses des Deutschen Musikrates. Als Pädagoge, der einen großen Teil seiner beruflichen Praxis damit verbringt, Musiktheorie zu vermitteln, hat mich eine Beobachtung ­enorm verblüfft: dass mehrfach Stimmen zu hören waren, die für eine Abschaffung der Musiktheorie plädierten. Verspätet habe ich in der nmz Artikel von Nils Kubenka und Juan Martin Koch in Bezug zu dem Kongress gelesen und möchte hier in Reaktion sowohl auf diese Artikel als auch meine eigenen Beobachtungen beim Kongress einige Anmerkungen machen.

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Diese Anmerkungen kommen aus der Perspektive eines Praktikers, der etwas am Rande des musikpädagogischen Betriebes positioniert ist: Ich bin studierter Diplom-Pädagoge, Studien der Musikwissenschaften und Instrumentalpädagogik habe ich nicht abgeschlossen. Angebote zu Musiktheorie und -praxis biete ich vor allem an der VHS sowie verschiedenen Bibliotheken in Berlin an, also Institutionen, in denen Musik – so sie denn vorkommt – nicht die zentrale Position einnimmt. Damit bin ich vermutlich außerhalb der „sich selbst bejahenden Echokammer“, muss auch einräumen, dass ich nicht auf dem Laufenden bezüglich des akademischen Diskurses zu Musiktheorie und ihrer Vermittlung bin. Meine Überlegungen speisen sich aus meiner eigenen Unterrichtspraxis und setzen diese mit Stimmen vom Kongress in Beziehung.

Musiktheorie abschaffen?

So scharf die Forderung nach einer Abschaffung der Musiktheorie klingt, habe ich sie dennoch tatsächlich mehrfach wörtlich auf dem Kongress gehört. Fairerweise muss man sagen, der Kontext, in dem das zu hören war, waren Diskussionen zur Unzugänglichkeit musikalischer Bildungswege, ungefähr in diesem Sinne: junge Musiker:innen, die zum Beispiel einen Hintergrund in mündlich gelehrter Musik haben, oder die Musik ausschließlich mit Computern machen, sind durch Aufnahmeprüfungen, bei denen Notenkenntnisse, tonale Harmonik und Ähnliches geprüft werden, benachteiligt oder gleich ganz außen vor. Musikalische berufliche Bildung für einen weiteren Kreis an Interessent:innen öffnen – das finde ich gut, und das scheint angesichts sinkender Zahlen von Studienbewerber:innen ja auch dringend nötig zu sein.

Die Formulierung von der Abschaffung der Musiktheorie identifiziert diese aber komplett mit dem ausschließenden Charakter theoretischer Eignungsprüfungen und dem möchte ich entschieden widersprechen. Zu diesem Zweck möchte ich ein paar Beobachtungen und Überlegungen aus meiner Arbeit, Musiktheorie zu unterrichten, teilen.

Heterogene Zielgruppen

In Wochenendkursen unterrichte ich Musiktheorie an der VHS für ein Publikum, wie es sich sicher häufig an Volkshochschulen einfindet: in der großen Mehrheit berufstätige Erwachsene, die ihr Verständnis von Musik vertiefen wollen. Die Interessen, was sie damit machen wollen, sind ebenso vielfältig wie die Vorkenntnisse, die sie mitbringen. Techno-DJs, die mit Musiksoftware arbeiten, treffen auf Chorsänger:innen, die klassisches Repertoire singen. Improvisierende Blues-Gitarrist:innen sitzen in meinen Kursen neben passionierten Hörer:innen, die gar nicht vorhaben, ein Instrument zu erlernen. Ich könnte diese Liste sehr lange fortsetzen – der wesentliche Punkt ist: Für diese Kurse gibt es keine Auslese, alle mit Interesse an musiktheoretischen Themen können teilnehmen und die Zusammensetzung ist dementsprechend im Hinblick auf Vorkenntnisse und Interessen enorm vielfältig.

Die Musiktheorie, die ich in diesen Kursen mit den Teilnehmenden betreibe, ist gerade aufgrund dieser Vielfalt ein Rahmen für Begegnung und Austausch. Meine ganz praktische Erfahrung sagt mir also: Musiktheorie muss kein Medium des Ausschlusses sein. Ich glaube, eine wesentliche Rolle spielt das Verständnis davon, was das eigentlich ist, Musiktheorie, ebenso wie die Rahmenbedingungen des Unterrichts, die sich aus diesem Verständnis ergeben.

Keine endgültigen Antworten

So verschieden meine Teilnehmer auch sind, haben sie doch auch im Wesentlichen etwas gemeinsam: das Bedürfnis nach Information und Orientierung. Wie kann ich die Tonart eines Stückes bestimmen? Wie kann ich ansetzen, selbst etwas zu komponieren? Solche und viele weitere Fragen harren auf Antworten. Um diese zu liefern, beziehe ich mich auf meine Kenntnisse gängiger Musikpraxis, weise aber auch auf die Bedingtheit meiner Antworten hin, denn: Für klassisches Chorrepertoire ergeben sich nicht nur andere Antworten als für häufig modalen oder atonalen Techno, auch die Fragen ändern sich. Bezüglich Blues, in dem selbstverständlich Tongeschlechter gemischt werden, bezieht sich die Frage, ob wir es bei einer Improvisation mit Dur oder Moll zu tun haben, auf andere Klangkonstellationen als in den vorgenannten Fällen.

Ich kann also in diesem Setting keine eindeutigen Regeln anbieten, sondern ich und auch die Teilnehmenden kommen nicht darum herum, Kontexte zu berücksichtigen, Gültigkeiten zu differenzieren und auch Uneindeutigkeiten und unbeantwortete Fragen hinzunehmen. Denn natürlich kann ich kein Experte für alle Musikpraktiken und -traditionen sein, die den Hintergrund der Anwesenden ausmachen und die nunmal nicht alle den gleichen Regeln folgen. Die richtige Mischung, klare Antworten zu geben, aber auch stets zu vermitteln, dass diese Klarheit Grenzen hat, ist ein Balanceakt, die entsprechende Schwerpunktsetzung hängt immer eng mit der Zusammensetzung und den Interessen der Teilnehmenden zusammen.

Dieser Balanceakt ist aber ungeheuer lohnend, denn gerade die Erfahrung, dass es auch einen weiteren Horizont jenseits gängiger Praxis, jenseits der eigenen Vorstellungen von Musik gibt, konturiert diese Praxis, diese Vorstellungen umso klarer.

Alternativen denken können

Musiktheorie wird so zu einem Medium der (Selbst-)Verständigung. Ein Nachdenken über die Formen und Funktionsweisen von Musik ermöglicht Erkenntnisse über die Bedeutungen und die Werte, die wir im Machen und Hören von Musik bekräftigen. Eine so verstandene Musiktheorie ähnelt philosophischer Praxis, einer prinzipiell immer wieder ergebnisoffenen Befragung der kulturellen Formen unserer Musikpraktiken mit der Ausrichtung, über das Verstehen solcher Formen auch mehr Klarheit über unser Menschsein zu gewinnen.

Wenn die Stoßrichtung der Abbau von Zugangshürden und eine größere Inklusivität musikalischer Bildung sein soll, dann ist es nicht zielführend, eine so verstandene Musiktheorie abschaffen zu wollen. Ich bin mir sicher, so waren diese Rufe nach Abschaffung auch nicht gemeint. Meine Interpretation dieser Rufe ist: Von Musiktheorie, wie sie aktuell betrieben wird, erwarten wir so wenig, dass sie einer Hürde gleichkommt.

Ich muss gestehen, das hat für mich etwas Bedrückendes. Wenn die Vorstellungskraft fehlt, dass Musiktheorie nicht ausschließend sein muss, sondern ganz im Gegenteil enorm integrativ sein kann, dann verengen sich die Spielräume, eine Musikpädagogik zu gestalten, die musikalische Praxis angemessen begleitet.

Darum mein Plädoyer: Musiktheorie nicht abschaffen, sondern nach den Bedürfnissen umgestalten. Meine Unterrichtserfahrung sagt mir, dass das möglich ist und dass es sich lohnt. Natürlich gibt es an Musikhochschulen und Musikschulen andere Rahmenbedingungen und andere Zielsetzungen als in in meiner spezifischen Nische. Aus meiner Sicht wäre es aber sinnvoller, diese Rahmenbedingungen und Zielsetzungen in Frage zu stellen, als die Potentiale von Musiktheorie.

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