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Laila Mahmoud und Jochen Keller vom Ensemble Colourage. Foto: JM Koch

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Der schwierige Weg aus den Echokammern heraus

Untertitel
Zur DMR-Tagung „Musikalische Bildung im Ökosystem Musik“ in Berlin
Vorspann / Teaser

Ende März lud der Deutsche Musikrat (DMR) Vertreter:innen von Musikschulen, allgemeinbildenden Schulen, privaten Bildungsprojekten, Wissenschaft und Wirtschaft zur großen Konferenz und Gesprächsrunde nach Berlin ein. In den Räumlichkeiten der Universität der Künste diskutierten rund 200 Teilnehmer:innen und 60 Mitwirkende unter dem verheißungsvollen, wenngleich rätselhaften Konferenztitel „Musikalische Bildung im Ökosystem Musik“ über den (besorgniserregenden) Zustand der musikalischen Bildung, mit der Zielsetzung, aus verschiedenen thematisch fokussierten Diskussionspanels gemeinsam Anreize und Anstöße für positive Entwicklungsrichtungen zu erarbeiten. Bereits in den Wochen und Monaten vor der großen Konferenz waren in mehreren digitalen „Pre-Events“ zentrale Themen und Diskursmaterial angeteasert, vorgeglüht und angeheizt worden, von denen einige auch ihren Weg auf die Konferenzbühne im UdK-Konzertsaal fanden.

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Gleich zu Beginn der zweitägigen Konferenz betonte DMR-Sekretärin Antje Valentin ohne große Umschweife den über der Veranstaltung schwebenden Ernst der Sache, indem sie mit Verweis auf die MiKADO- und MULEM-EX-Studien konstatierte: „Wir befinden uns in einer Krise der musikalischen Bildung.“ Das Beschreiben der defizitären Ausgangslage – fehlende Musiklehrkräfte an Musik- und Regelschulen, fehlender Nachwuchs in musikpädagogischen Studiengängen, mangelnde Finanzierung musik- und kulturpädagogischer Initiativen, schlechte öffentliche Sichtbarkeit der Relevanz von musikalischer Bildung – rahmte zugleich die Zielsetzung der Konferenz: ein gemeinsames Problembewusstsein zu entwickeln, den Schulterschluss und das Networking der verschiedenen Akteur:innen und Institutionen zu fördern, gemeinsame Handlungsmöglichkeiten zu erörtern und schließlich erste Impulse für Lösungsstrategien zu erarbeiten. Langfristig solle nichts Geringeres das Ziel sein, als die negativen Entwicklungstendenzen der Musikbildung gesamtgesellschaftlich umzukehren und so den erhofften „Musical Turn“ zu vollziehen.

Bereits die ersten Panels offenbarten eine große, fast überwältigende Fülle an Diskursen, Appellen und Perspektiven, große Worte wie „Diversität“, „Transkulturalität“, „Klassismus“ oder „Aufbruch“ fielen im Überfluss; leider zeichnete sich bei den Plenumsgesprächen gleichwohl recht früh ein gewisser Hang zur Vagheit ab.

Survival of the nettest 

Für viel Gesprächsstoff bis in den zweiten Konferenztag hinein sorgte der vor Metaphern und Analogien nur so triefende Vortrag des Physikers Dirk Brockmann. In einem weit ausholenden Vergleich zu Darwins Evolutionstheorie zitierte er mit Verweis auf die gesamtgesellschaftliche Rolle der Kulturellen Bildung die Evolutionsforscherin Lynn Margulis: „Life did not take over the planet by combat, but by networking“. Er appellierte unter dem Motto „Survival of the nettest“ an die Musikbildungsinstitutionen, man müsse einen gemeinsamen Schulterschluss suchen um schließlich die unbedingte Systemrelevanz des musikalisch-kulturellen Lebens im Herzen unserer Gesellschaft öffentlich sichtbar und wirksam machen zu können.

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Schwarmintelligenz gefordert: Einstimmung aufs Brain-Storming. Foto: Juan Martin Koch

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Die Suche nach einem konkreten „Wie“ und „Wo“ zog sich durch den langen ersten Konferenztag weiter hindurch. Ausgehend von einem Aufschlag des anwesenden Techno-DJs und Loveparade-Mitbegründers Dr. Motte wurden mehrfach die strukturellen Vorgaben des Musiklehramtsstudiums an deutschen Hochschulen zum Thema. Neue Instrumentalhauptfächer wie DJing / elektronische Musikproduktion oder nicht-westliche Instrumentengruppen wie Oud, Baǧlama oder Kanun müssten her, um der stetig diverser werdenden Musikkultur in Deutschland gerecht zu werden. Gleichzeitig sollten die (teils noch hohen) Anforderungen der universitären Aufnahmeprüfungen kritisch hinterfragt werden – speziell die Musiktheorie- und Musikwissenschafts-Anteile sowie das eingeforderte Niveau im Haupt- und Nebenfachvorspiel. Ansonsten liefen die Hochschulen Gefahr, mit diesen Einstiegshürden ins Studium klassistische und westlich-hegemoniale Strukturen zu untermauern, wodurch weite Teile der Gesellschaft von einem Musikstudium abgeschreckt würden.

Die Plenumsdebatten rund um die Themen „Diversität“, „Transkulturalität“ und „Inklusion“ zogen sich bis in den späten Abend. Begleitende künstlerische Darbietungen wie die von Laila Mahmoud (Kanun) und Jochen Keller (Trompete) vom Ensemble Colourage demonstrierten dabei wirkungsvoll, wie transkulturelle Musikkultur in der Praxis aussehen und vor allem klingen kann. Die eigentliche Dringlichkeit und Relevanz dieser Streitthemen litt am späten Abend allerdings darunter, dass diejenigen, an die entsprechende Appelle eigentlich gerichtet gewesen wären – etwa Vertreter:innen der UdK, die am Vormittag noch persönlich die ersten Panels eröffneten –, gar nicht mehr anwesend waren und die Diskussionsräume daher immer wieder Gefahr liefen, sich in Selbstbeweihräucherung zu ergehen.

Fatales Signal an Weimer

Zu Beginn des zweiten Konferenztags allerdings kam ein besonderer Gast hinzu – jemand, der die Diskussionspunkte des Vorabends am dringendsten hätte mitbekommen müssen: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer gab sich die Ehre, als erster Redner des Tages ein Lob auf das Engagement des Musikrats und ein Versprechen der engen Zusammenarbeit auszusprechen, und blieb anschließend sogar für den Beginn des ersten Panels im Publikum sitzen. Doch anstatt an dieser Stelle vor den Ohren und Augen des Ministers noch einmal die strukturellen Probleme um Finanzierungskrisen, Inklusion und (bislang mangelnder) Transkulturalität zu öffnen, folgte unter dem Titel „Musikbildung in der Wirtschaft“ eine Lobby- und Werbeveranstaltung der Konzerne Otto, dm und KPMG, die unter gegenseitigen Lobpreisungen präsentierten, welch innovative privat geförderte Musikbildungsprogramme es durch das kulturbewusste Selbstverständnis der großzügigen Konzernchefs bereits in Deutschland gibt. So war wohl die einzige Botschaft, die der Kultusminister bei seinem Abgang von der Konferenz mitnahm, die, dass die deutsche Musikbildung alleine durch private Förderung schon über einen wunderbaren Nährboden zum prachtvollen Gedeihen verfügt – in Zeiten der staatlichen Kulturkürzungen ein fatales Signal.

Es folgte anschließend Panel auf Panel; zum geflügelten Motto jeder Diskussion wurde dabei der am Vortag in den Diskurs gebrachte Leitsatz „Survival of the nettest“. Immer wieder betonte man die Wichtigkeit der Vernetzung und des Zusammenwirkens aller an der Musikbildung beteiligter Institutionen – Schulen, Musikschulen, Hochschulen, Politik und Wirtschaft. Ansonsten blieb es gemäß der Bewegungsrichtung des Vortages leider an vielen Stellen vage und floskelreich. Konkret und dringlich wurde es wieder nur beim Thema Inklusion, dieses Mal begleitet durch die Erfahrungsberichte zweier Musikstudierender mit körperlicher Beeinträchtigung, anhand derer die sehr realen strukturellen Einschränkungen an den Hochschulen unmittelbar nachvollziehbar wurden.

Gegen Ende des Panels „Musik und Teilhabe“ wurden nach langem Plenumsgespräch zwei Fragen aus dem Plenum zugelassen. Nachdem der erste Publikumsbeitrag richtigerweise kritisch hinterfragte, wie es nach nun anderthalb Tagen intensivster Plenumsdebatten zu so viel Einhelligkeit und so wenig produktivem Streit kommen konnte, nutzte die zweite Meldung aus dem Publikum die Gelegenheit, über die eigene musikpädagogische Basisarbeit zu reden. Als diese Teilnehmerin dann ein ehrenamtliches Orchesterprojekt von Senior:innen und Geflüchteten im ländlichen Raum schilderte, wurde sie allerdings brüsk abgewürgt. Es stellt sich also die Frage, welches Ziel die Konferenz eigentlich verfolgte, wenn die geschlossenen und zumeist auffällig reibungsarmen Plenumsgespräche ausgewählter Expert:innen so klar gegenüber einem tatsächlich offenen Austausch mit den Konferenzteilnehmer:innen priorisiert wurden. Ob für diese Art des Konferenzformats wirklich eine zweitägige Versammlung vor Ort nötig war (anstatt wie schon bei den Pre-Events eine Video-Präsentation), ist zumindest fraglich. Erst gegen Ende der Konferenz wurden schließlich alle dazu eingeladen, an einem aktiven einstündigen Pinboard-Workshop teilzunehmen, bei dem zu den wichtigsten Themen und Thesen notiert werden durfte, welchen Aufträgen sich der DMR in diesen Bereichen verschreiben soll und welche Appelle an die Politik gerichtet werden müssen. (Eine erste gute Chance dafür hatte man am Morgen gegenüber Wolfram Weimer leider bereits verpasst.) Die hierbei festgehaltenen Vorschläge sollen laut DMR-Vorstand in ein künftiges Forderungspapier wandern, zudem soll eine ausführliche ­Konferenzschrift folgen.

Außendarstellung verbessern

Zum Abschluss der Tagung wurde als außenstehender Beobachter und Kommentator der Journalist Ullrich Fichtner auf die Bühne gebeten, der – nebst Werbung für sein Buch „Die Macht der Musik“– eine abschließende Einordnung aus eigener Perspektive vornahm. Er diagnostizierte, dass die nun zu Ende gehende Konferenz inhaltlich oft den Anstrich einer sich selbst bejahenden Echokammer hatte. Es gehe nun darum, reale und handfeste Strategien zu finden, das auf der Konferenz einhellig zur relevanten Sache Erklärte wirksam und treffsicher in Richtung Politik und Allgemeinheit zu kommunizieren. Dem DMR und den Anwesenden gab er die Hausaufgabe mit, vermehrt das Gespräch mit Akteur:innen außerhalb der eigenen Bubble zu suchen und vehementer die Missstände und den Ernst der Lage zu betonen. In Richtung der Presse erteilte Fichtner schließlich den Auftrag, eine kontinuierliche Sichtbarkeit für die Vielfalt der deutschen Musiklandschaft einerseits und für die Probleme bei Bildung und Finanzierung andererseits herzustellen und damit mehr öffentliche Wahrnehmung auch außerhalb der eigenen Kulturkreise zu generieren– ein Anliegen, dem zumindest die nmz gerne weiterhin nachkommt.

Im Nachgang der Konferenz bleibt nun zu hoffen, dass erstens Kulturstaatsminister Weimer sein Versprechen, einen runden Tisch mit wichtigen Vertreter:innen aus der Bundespolitik zu initiieren, nachkommt und es zweitens dem Musikrat gelingt, die teils sehr weit gestreuten Appelle der Konferenz in ein verständliches, eindringliches Forderungspapier zu transferieren, welches die nötige Basis für eine gemeinschaftliche, aber auch energischere Kommunikation der Musikszene darstellen könnte.

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