[…] Nach dem oben Gesagten ist es zu verstehen, dass sich Stimmen erheben, welche die Wiedergabe der Musik durch den Radio überhaupt ganz ablehnen, ja es des wahren Künstlers für unwürdig erklären, sich im Senderaum zu „produzieren“. Zwar ist die Zahl dieser Stimmen eine verhältnismäßig kleine, aber die Besten unserer geistig Schaffenden sind darunter, welche sich nicht allein gegen den Einzelfall der Musik im Radio, sondern gegen die „Mechanisierung des Geistigen“ überhaupt wenden. …
Neue Musik-Zeitung – Vor 100 Jahren
Vor 100 Jahren: Rundfunk, Musik und Musiker
Nun soll auf der andern Seite in keiner Weise verkannt werden, daß dem Radio in seiner Eigenschaft als Erfindung und großartig technischer Neuerung ebenfalls ein großes Maß an geistiger Arbeit zugrunde liegt, aber es prallen in diesem Fall eben doch „Maschine“ und Geist hart aufeinander. Denn wir stehen ohnedies in einem Zeitalter des alles beherrschenden Amerikanismus, der auch die Kunst von seinen Einflüssen nicht verschont hat. Auswüchse des gesamten Konzertwesens sind ihm zum großen Teile zuzuschreiben, namentlich in bezug auf das Agentenwesen und hinsichtlich eines sensationshungrigen und nur auf „Kanonen“ reagierenden Publikums. Ausdrücklich muß aber gesagt sein, daß solche Auswüchse nur in der Minderheit an vereinzelten Plätzen sich breit machten, noch dazu angetrieben von allgemein wirtschaftlichen Verhältnissen und daß es keineswegs an Gegenmaßnahmen gefehlt hat. Zu diesen kann aber der Rundfunk nicht gerechnet werden. Denn er kann sehr wohl zu einer weiteren Verflachung des gesamten Musizierens beitragen, insofern er als eine echt amerikanische Einrichtung der Bequemlichkeit des Publikums nur zu weit entgegenkommt. […]
Neue Musik-Zeitung, 47. Jg., 1. März-Heft 1926
So bleibt nur noch übrig, auf die Wichtigkeit und Verantwortung der musikalischen Leiter einer Sendestation hinzuweisen. In ihrer Macht liegt es, den Rundfunk zu einer kulturbildenden und -fördernden Einrichtung auszubauen eben auf dem Gebiete der Musik, unbekümmert um Wünsche und Forderungen, die sich mit einem einwandfreien künstlerischen Ziel nicht vertragen. Daß es nicht leicht ist, das Programm einer Sendegesellschaft zusammenzustellen, ist sehr wohl bekannt, und die Schwierigkeiten, den vielseitigsten und mannigfachsten Anforderungen gerecht zu werden, sollen keinesfalls unterschätzt werden. Aber es ist verhältnismäßig leicht, von einer gewissen Höhe herabzusteigen, und unendlich schwer, eine solche nachträglich zu erreichen, wenn von Anfang an die Vorbedingungen hierfür nicht erfüllt werden. Und wenn die Höhe einer musikalischen Kultur auch ein Produkt aus vielerlei Einzelfaktoren darstellt, wenn die Quelle einer solchen musikalischen Kultur vor allen Dingen in einer planmäßigen und einwandfreien Jugendmusikpflege zu suchen ist, so wollen wir doch hoffen, daß alle diejenigen, welche an berufener Stelle im Radio wirken, von dem besten Willen beseelt sind, in ihrem Teile das Beste zur Verwirklichung eines hohen kulturellen Zieles zu tun.
Richard Greß, Neue Musik-Zeitung, 47. Jg., 1. März-Heft 1926
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