Als ehemaliger Aufsichtsrat (2003 bis 2020/21) und davon 7 Jahre als Aufsichtsratsvorsitzender verwahre ich mich gegen das aktuelle GEMA-Bashing und das öffentliche Beschimpfen dieser Verwertungsgesellschaft und fühle mich persönlich verunglimpft!
Enjott Schneider. Foto: J.M. Koch
GEMA ist nur ein Spiegel der Gesellschaft und keine „Kultur“-Instanz – Gastbeitrag von Enjott Schneider
Die GEMA vermag nur in minimalstem Radius die Kultur (z.B. den Stellenwert von sog. „E“-Musik und Kunst-Musik) aktiv zu gestalten: Die GEMA kann nur reagieren, nicht agieren! Sie ist Spiegel der Gesellschaft … und widerspiegelt nur lediglich den gesellschaftlichen Umbruch. Die GEMA ist nicht verantwortlich für den Resonanzverlust der „E“-Musik im öffentlichen Leben. Dass die Gesellschaft nicht mehr „Kunst“ oder „E“-Musik mit Kunstanspruch sucht, sondern zunehmend „Unterhaltung“, Entertainment und Partyfreuden, ist ein Umbruch zur Armut von geistigem Leben, den nicht die GEMA zu verantworten hat.
Dieser Umbruch ist zweifellos eine Katastrophe für alle Kunst und die künstlerisch ambitionierte E-Musik… er ist im Übrigen auch eine Katastrophe für andere Genres wie den künstlerisch anspruchsvollen Film, das künstlerisch anspruchsvolle Hörspiel, das ambitionierte „E“-Theater, die ambitionierte Pop-/Rockmusik, den lyrisch-ambitionierten Song (poetische Liedermacher), den künstlerischen Jazz, Elektro-Music u.a. Bei all diesen Formaten steht der künstlerische Inhalt, die von Idealen getragene Ambition und eine avancierte Textur im Vordergrund. Diese Inhalte finden leider in einer Gesellschaft mit permanent fallendem Bildungsniveau und der Sucht nach dem schnellen Reiz keine Resonanz mehr. Hier aber die Schuld der GEMA zuzuweisen, ist absurd: Man prügelt mit dem GEMA-bashing das Pferd und meint den Reiter, man prügelt den Meteorologen und meint eigentlich die chaotisch gewordene Wetterlage.
KURZ: Nicht die GEMA schafft Kunst und „E“-Musik ab, sondern die Gesellschaft. Dies in vielen Instanzen:
- Zeitungen und Feuilletons besprechen (außer wenigen Leuchttürmen) keine „E“-Musikverstaltungen mehr.
- Konzertveranstalter verbieten mit Systematik den Ensembles, zeitgenössische Musik aufzuführen, und lassen lieber Mozart, Haydn, Brahms spielen, weil sie somit die Autorengelder für geschützte neue Musik umgehen können.
- Das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit Kulturauftrag nach §11 sendet schon lange keine Konzertveranstaltungen mit Neuer Musik oder neue Opern mehr, … allen voran das ZDF, das nur mainstream-entertainment-Kultur tradiert.
- Die öffentlich-rechtlichen Sender senden kaum mehr zeitgenössische Musik, - mit lobenswerten Nischen in BR / BR-Klassik oder anderen wenigen ARD-Sendern, wo die Programme längst ins spätabendliche Ghetto gewandert sind.
- Die Musikschulen lassen in ihren Schüler-Konzerten und Vorspielabenden fast nur noch Ragtimes, Popballaden, Filmmusik aus dem mainstream-Repertoire spielen, so dass der GEMA-Aufsichtsrat (noch unter meiner Leitung) beschließen musste, dass Musikschüler-Konzerte generell nach „U“ inkassiert werden und nicht mehr nach „E“, wie es vor etwa 2012 noch die generelle E-Vermutung war. Deswegen werden dann alle die wenige E-Werke (etwa von Helmut Lachenmann, der sich schon über eine U-Ausschüttung wunderte) auch nach U-Inkasso ausgeschüttet und als U-Werk verrechnet.
- Die Chorkonzerte (gerade im regionalen Raum und bei Sängerfesten) enthalten im Querschnitt so einen hohen Anteil an Gospels, Populärer Musik, Arrangements von Hitsongs und Rockballaden, Chormusik aus Filmen, internationale Ethnomusik, dass sie ebenfalls einer U-Musikvermutung unterliegen und nach U-Inkasso ausgeschüttet werden.
- Die gymnasialen Schulkonzerte, die früher immer Klassik- und „E“-orientiert waren, haben seit über 10 Jahren auch die absolute Tendenz, dass dort keine Neue Musik mehr aufgeführt wird, sondern Pop/Musical/Filmmusik extrem überwiegt.
- In der Musikausbildung von Schulmusiklehrern (für Gymnasien vor allem), die an deutschen Musikhochschulen erteilt wird, gibt es eine gewaltige – gesellschaftlich verursachte – Hinwendung zur Popmusik: war früher das Fach ‚Orchesterleitung‘ beispielsweise verpflichtend für alle, so genügt an vielen Hochschulen inzwischen auch „Pop-Band“ als Nachweis für den notwendigen Ensemble-Schein. Es werden Schulmusik-LehrerInnen für den gymnasialen Unterricht geschickt, die selbst keine Ahnung mehr von klassischem Orchester haben. Auch in der akademischen Kirchenmusik-Ausbildung gibt es den Trend, nicht mehr Orgel als Hauptfach vorzuschreiben, sondern Gitarre als Hauptfach zu studieren. Musik in der Kirche – einst die Geburtsstätte der abendländischen Notation und Kunstmusik – ist radikal von Einflüssen der Pop- und U-Musik geprägt.
- Und die „E“-Musik SELBST ist teilweise schuldig daran, dass die Resonanz der „E“-Musik gerade bei der jüngeren Generation an Resonanz verloren hat: „E“-Musik generiert inzwischen solch hochdifferenzierte, kopfgesteuerte Partituren in ausgeklügelter Notation, die ein Spezialensemble von Neuer Musik benötigen (New Complexity), wo rhythmisches Entziffern komplexer Schichtungen (17:4 oder Polymetrik) nur noch rationalem Hochleistungsdenken Erwachsener gelingt…. Das spielt kein Jugendlicher im Alter von 10–18 Jahren in seiner Anfängerphase mehr. Kein Wunder also, dass die Kinder in den Jugendmusikschulen bei ihrem Unterricht und ihren Konzerten lieber zu Pop, Rock, Film, Musical etc. übergehen und U-Musik spielen, wo sie einfache Melodien emotional fasslich interpretieren dürfen. Die KomponistInnen der Neuen Musik lassen die Kinder (wiederum von löblichen Ausnahmen abgesehen) völlig allein.
- GANZ GRAVIEREND: Das Konsum- und Hörverhalten bei Radio, Streaming und CD-Kauf ist längst von internationaler Popmusik geprägt, wo Neue Musik und „E“-Musik keinerlei Rolle mehr spielt. Jeder weiß, was am Radio zu hören oder in den streaming-lists auf Spotify & Co zu sehen ist: anglo-amerikanische Popmusik in englisch (seltener spanisch bei Latin-Pop, italienisch bei Italo-Pop usw.). Im Kaufhaus, zu den Nachrichten, in Sachsendungen oder als Intermezzo-Musik zwischen Sendeteilen ist niemals mehr „Neue Musik“ zu hören. Unsere Gesellschaft hört in der ungeheuren Mainstream-Masse „U“… was haarscharf den 97 % U‑Einnahmen der GEMA entspricht. DAS KANN DIE GEMA NICHT ÄNDERN ODER REGULIEREN, NUR SPIEGELN.
- GANZ GRAVIEREND IST FERNER: Das audiovisuelle Konsum- und Sehverhalten in Kino, Fernsehen und AV-Streaming: Es dominieren amerikanische Filme, Serien, Kanäle wie Netflix, Disney und, und, und und… Jeder kann einmal bei Jugendlichen nachfragen, ob sie deutsche TV-Serien oder Filme ansehen? Großes Kopfschütteln, ablehnend. Deutsche Serien, die früher boomten wie etwa Marienhof oder Sturm der Liebe, gehören vergangenen Zeiten an… es dominiert das amerikanische Repertoire…. Die Gesellschaft konsumiert in der ungeheuren Masse „U“… was den 97 % U‑Einnahmen der GEMA entspricht. DIE GEMA KANN DAS NICHT REGULIEREN, NUR SPIEGELN.
Aus diesen Gründen ist es absurd zu behaupten, die GEMA betreibe „Kulturvernichtung“ oder „Hinrichtung der E-Musik“, was ich bedauerlicherweise in den letzten Wochen so oft lesen musste.
Alle die Punkte (es wären noch viele mehr…) sind dem GEMA-Inkasso vorgelagert und die GEMA trägt keinerlei Verantwortung für diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Die GEMA ist per Vertrag ein wirtschaftlicher Verein, eine „collecting society“ und darf über das eingesammelte Geld nur in engen Grenzen verfügen. Gerade von ausländischen (vor allem businesserfahrenen amerikanischen) Rechtsanwaltkanzleien und legal departments bekommt die GEMA Rügen und Androhung, dass der sogenannte 10%-Abzug für nationale Förderung unrechtmäßig sei und eingestellt werden müsse. Seit 2003, als ich dazukam, bis heute ist es ein Dauerthema des Aufsichtsrates, für den Erhalt der kulturellen Förderung zu kämpfen. Im internationalen Rahmen des streaming hat die GEMA längst verloren … im digitalen Bereich gibt es schon länger keine Geldmittel mehr zu holen, die für die Wertung/Förderung ausgegeben werden können. Und jeder weiß: die Digitalwelt wächst in erschreckend rapidem Ausmaß … und genauso erschreckend sind durch den fehlenden 10%-Abzug die Fördersummen für den kulturellen Ausgleich gesunken.
Mit dem GEMA-Bashing prügelt man aktuell den falschen Verursacher! Wenn man die GEMA dabei massiv schwächt, so sägen die Urheberinnen und Urheber mit ihren Beschimpfungen sogar törichterweise am eigenen Ast – und schädigen sich selbst. Dank ihrer weltweit besten IT-Struktur und Marktdominanz hat die GEMA in allen Fragen der Urheberschutz-Politik (ob in Berlin, Brüssel EU oder international) ein starkes Gewicht. Bei extrem vielen Fragen des Urheberschutzes und der Autorenrechte (unabhängig ob U oder E) hat die GEMA unglaublich viele relevante hochteure Gerichtsverfahren zum Schutze des geistigen Eigentums durchsetzen können – was ebenfalls eine gewaltige Kulturförderung darstellt – zum Wohle aller, auch der E-KomponistInnen. Und gerade aktuell mit KI (Künstlicher Intelligenz) – was die totale Beraubung kreativer Menschen darstellen wird – konnte die GEMA mit politischem Nachdruck in Brüssel schon jetzt bemerkenswerte erste Teilerfolge erzielen. KI wird ein Tsunami der Kulturvernichtung werden und des Abschiebens künstlerisch Arbeitender ins Prekariat – was jetzt noch kaum dem Durchschnittsmenschen vorstellbar ist. Darum ist es wichtig, keine Spaltungstendenzen in der GEMA zu betreiben, nicht zu selbstvernichtenden Klageverfahren angeblichen Missbrauchs zu schreiten. Das verhärtet die Fronten, erzeugt Kampfstimmung und irrationalen Unmut. Wir brauchen – bitte – Konsens statt Dissenz und keine Polarisierung: Quantitativ kann die Ernste Musik bei einer Kampfabstimmung ohne den solidarischen Grundgedanken nur verlieren, denn die 3 % der nach „E“ abgerechneten Komponierenden stehen 97 % der nach „U“ abgerechneten Komponierenden gegenüber. „Der Friede ist höher als alle Vernunft“ war schon immer das nachhaltigere Prinzip. Statt Selbstzerfleischung wäre ein solidarisches Verbessern des Umfelds „pro Kunst“, „pro differenzierter Kultur“ in Sendern, Journalismus, Schulen, bei Konzertveranstaltern weit effizienter.
DESHALB: Nicht die GEMA vernichtet Kultur, sie spiegelt nur gesellschaftliche Prozesse wider.
DESHALB STATT DESSEN: eine Allianz aller verantwortlich fühlenden Kulturschaffenden zusammen mit der GEMA, um die oben in den Punkten 1–11 genannten Entwicklungen zu bremsen, um Kultur, musikalische Bildung wieder zu fördern. Der Aufsichtsrat – das weiß ich als Insider aus fast 20-jähriger Erfahrung – war stets bemüht, sich für Kunst und Kultur und domestic composers aller Couleur einzusetzen. Sie ist es auch heute noch. Die notwendige Reform und die Verabschiedung von der total asymmetrischen U‑E‑Balance ist notwendig, und sie fügt den E-KomponistInnen keinen neueren Schaden zu. Das Förderungsvolumen von jährlich 50 Millionen Euro bleibt erhalten, wird nicht gekürzt, 7 Millionen davon stehen ausdrücklich nur der bisherigen „E“-Musik zur Verfügung, - die E-Musik kann darüber hinaus an einem weiteren Drittel der 50 Millionen problemlos via Antrag partizipieren.
Das Neue an der geplanten Kulturförderung ist, dass ein Etikett „Kunst“ oder „kulturell förderungswürdig“ einem etwas größeren Bereich der Genres zuerkannt wird. Die Förderung wird also auf einen breiteren Sockel gestellt. Die ehemaligen Wertungspunkte im Bereich „E“ gehen nicht verloren, sondern werden ins neue System integriert.
Im Sommer 2025 hatte ich im Auftrag von Peter Hanser-Strecker (dem Motor des Schott Musikverlages) eine Sammlung von Statements für die NZfM (Neue Zeitschrift für Musik, von Robert Schumann gegründet). In diesen Statements erklären in plausibler Weise die AutorInnen aus Rock, Pop, Jazz, Film, Song, Bühne usw., warum auch sie „Kunst“ schaffen und „förderungswürdig“ sind. Es kann nicht sein, das „Hochkultur“ nur von 3% der „E“-Sektion, und die anderen 97% nur aus Gründen der „Unterhaltung“ oder des Profitgiers kreativ tätig sein.
Einen link zu dieser Essay-Sammlung GEDANKEN ZUR GEMA-REFORM gibt es mit: https://musikderzeit.de/Musik-zwischen-u-und-e-gedanken-zur-gema-reform/
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