Altes Werk neu rekonstruiert

Verschollen geglaubtes Violinkonzert von Henri Marteau liegt wieder vor


(nmz) -
Lichtenberg. Fast 100 Jahre nach seiner Entstehung und Jahrzehnte nach seinem ominösen Verschwinden liegt das Violinkonzert des einst weltberühmten Geigenvirtuosen Henri Marteau (1874–1934) in neuer Orchestrierung wieder vor. Vertreter der Internationalen Musikbegegnungsstätte Haus Marteau, des Bezirks Oberfranken und des Steingräber-Musikverlages aus Offenbach haben eine Partitur des Werkes in Lichtenberg bei Hof an den berühmten Münchner Geiger Ingolf Turban überreicht. Turban sagte zu, sich in den kommenden Jahren dem Werk zu widmen und sowohl eine Aufführung als auch eine CD-Einspielung realisieren zu wollen.
Ein Artikel von Stephan Herbert Fuchs

Henri Marteau hatte sein Violinkonzert, das die Opus-Zahl 18 trägt, 1916 inmitten der Wirren des Ersten Weltkriegs und während einer persönlichen Lebenskrise geschrieben. Als Halbfranzose und zudem französischer Leutnant der Reserve hatte Marteau wegen des Krieges neben seiner Professur in Berlin alle Möglichkeiten des Konzertierens verloren und wurde in der Folge mehrmals inhaftiert.
Das Autograph der Partitur gilt heute als verschollen, ebenso die damals erschienenen Originalpartituren sowie sämtliche Einzelstimmen. Zuletzt gab es lediglich einen Klavierauszug und eine Tonaufnahme aus den 1970er Jahren. Die jetzt endlich wieder vorliegende Partitur hatte der in Würzburg geborene Dirigent Raoul Grüneis rekonstruiert. Grüneis ist in der Region kein Unbekannter, er leitete zwischen 2005 und 2012 das Jugendsymphonie-Orchester Oberfranken. Seit 2010 steht er an der Spitze der Türkischen Staatsoper in Istanbul. Das nicht vorhandene Aufführungsmaterial sieht Raoul Grüneis auch als den Hauptgrund dafür, dass „die spätromantisch-üppige Schöpfung“ bislang noch nicht den Weg ins Repertoire der großen Geiger gefunden hatte.

Das Violinkonzert hat eine Aufführungsdauer von gut 50 Minuten und wird von Musikwissenschaftlern in eine Reihe mit den Violinkonzerten des Marteau-Freundes Max Reger aus dem Jahr 1908 und des Violinkonzertes des Briten Edward Elgar aus dem Jahr 1910 gestellt. Es ist in drei Sätze (Allegro risoluto/Allegro energico – Adagio - Rondo) aufgegliedert und für ein Solokonzert in den Bläsern (Englischhorn, Bassklarinette, Kontrafagott) ungewöhnlich groß besetzt.

Die Komposition hebt zu Beginn bereits nach wenigen Orchestertakten mit zwei kurzen Kadenzen des Solisten an. Sprüht der erste Satz nur so vor Vitalität, verrät erst der zweite, in welch depressiver und aussichtsloser Lage Marteau sich in dieser Zeit befunden habe, so Raoul Grüneis. „In memoriam“ überschrieben, entfalte sich ein Adagio von großem Ernst. Die Fähigkeit Marteaus, rhythmisch prägnante, charakteristische Themen zu entwerfen, zeige auch der Beginn des Finales (Rondo): über ungestümen Orchestertriolen spannt sich ein sechstaktiger Gedanke, der sofort den Charakter des ganzen Satzes bestimmt. Erschienen ist das Notenmaterial in dem heute in Offenbach angesiedeltem Steingräber Musikverlag, dem Henri Marteau persönlich bereits zu Lebzeiten eng verbunden war. Neben zahlreichen Kompositionen Marteaus hatte der Verlag viele Werke der Violinliteratur herausgegeben, darunter auch die Ausgabe der Sonaten und Partiten für Solovioline von Johann Sebastian Bach, in der noch heute erhältlichen und gespielten Bearbeitung von Henri Marteau. Firmengründer des Verlages ist der 1830 geborene Theodor Leberecht Steingräber, ein Cousin von Eduard Steingraeber, dem Gründer der heute in Bayreuth ansässigen gleichnamigen Pianofabrik.

Von einem ganz besonderen Werk sprach Verwaltungsleiter Dr. Ulrich Wirz. Henri Marteau sei nicht nur ein sehr guter Interpret, sondern auch ein hervorragender Techniker gewesen. Dies sei auch im bislang verschollen geglaubten Opus 18 zu spüren. „Hier werde dem Solisten einiges abverlangt“, sagte Wirz und drückte seine Hoffnung aus, dass mit dem vorliegenden Violinkonzert Henri Marteau auch als Komponist wieder bekannter werde.

Geiger Ingolf Turban, der im Haus Marteau einen Meisterkurs gegeben hatte, bezeichnete es als große Ehre, dass er als Interpret für das wiederentdeckte Werk auserkoren worden sei. Die Komposition endlich wieder in Händen halten zu können, sei auch für ihn ein großer Moment. Turban gilt nicht nur als Kenner Henri Marteaus, sondern auch als Spezialist für verloren geglaubte Werke der Musikliteratur. Von seinen bislang rund 40 CD-Einspielungen sind etwa die Hälfte Ersteinspielungen.

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