Antennen für das Besondere entwickeln

Perspektiven zur Eigenmotivation für Unterrichtende im Instrumental- und Vokalbereich


(nmz) -
Schülern das Instrumentalspiel beizubringen, ist im Prinzip eine schöne Aufgabe. Wenn allerdings der anfängliche musikalische Elan bei Schülern nachlässt, andere Freizeitbeschäftigungen attraktiver werden, Schüler immer wieder „ungeübt“ in den Unterricht kommen, das Üben zu Hause sogar immer häufiger „vergessen“ wird, weil auch die Eltern mehr und mehr überfordert sind, macht das Unterrichten irgendwann möglicherweise keinen Spaß mehr.
Ein Artikel von Nicolai Petrat

Doch für die Eigenmotivation zum Unterrichten können Instrumentallehrerinnen und -lehrer etwas tun.

Viele Lehrerinnen und Lehrer haben das Gefühl, die Schülerinnen und Schüler stets anschieben, sie bei der Stange halten und zum Durchhalten motivieren zu müssen.

Dies kostet bekanntlich viel Energie. Oft muss man sich als Lehrer tagtäglich mehr oder weniger plausible Ausreden anhören, warum es mit dem Üben wieder einmal nicht so geklappt hat. Häufig kämpfen Eltern und Lehrkräfte dabei gegen die übrigen Konkurrenten heutiger Freizeitbeschäftigung an, gegen Gameboy, Playstation oder andere Aktivitäten am Computer. Das geht irgendwann auch bei Lehrern zu Lasten der Eigenmotivation. Wie also lässt sich die Motivation zum Unterrichten wieder aktivieren? Hier können verhaltensbiologisch geprägte Komponenten der Motivation helfen, die wir quasi von Natur aus in uns tragen, mit denen wir prinzipiell motiviert durch das Leben gehen.
An sich ist unser Gehirn auf Motivation programmiert. Das Prinzip ist recht einfach: Hat unser Gehirn etwas Positives registriert, sorgen sogenannte Neuromodulatoren dafür, dass eine Belohnungsspirale aufgebaut wird und im besten Fall Glückshormone gebildet werden. Auf diese Weise treibt sich das Gehirn an, mehr Positives zu erfahren. Konkret sind wir vor allem dann motiviert, wenn wir in unserem Handeln Erfolgsperspektiven sehen und Erfolge erlangt haben, wenn wir durch entsprechendes Feedback Belohnung beziehungsweise Anerkennung von außen bekommen, wenn wir Ideen entwickeln und verwirklichen können, wenn wir Abwechslung haben und Neues erleben. In bestimmten Fällen kommt es dabei sogar zu speziellen Hochgefühlen, auch „Flow“ genannt. Es entsteht ein positives Feedback zur Leistung. Der Energielevel ist hoch, unsere Motivation dementsprechend groß. Dieses Prinzip funktioniert auch beim Unterrichten.

Ein gutes Gefühl, eine Art „Flow“, stellt sich beim Unterrichten immer dann ein, wenn es uns gelingt, die Schüler wirklich dort abzuholen, wo sie sich gerade befinden: in ihrer musikalischen Disposition, ihren Fähigkeiten, ihrer momentanen Stimmung, ihren persönlichen Zielen, ihren musikalischen Ambitionen. Gelingt es, hier genau anzudocken, entwickelt sich ausgehend davon im Unterricht zumeist eine Dynamik, die auch für uns Pädagoginnen und Pädagogen sehr motivierend sein kann. Wenn man auf einmal miterlebt, wie die Ohren eines Schülers geradezu anfangen zu glühen und er beim Musikmachen kaum zu bremsen ist, ist es häufig nicht mehr weit zum Flow-Erleben beim Unterrichten.

Voraussetzung dafür ist, sich ein möglichst genaues Bild vom Schüler zu verschaffen. Wer seine Schüler mit Czerny quält, während diese von Pop träumen, unterrichtet an ihren Grundmotiven vorbei. Vielmehr sollte man sich als Lehrer mehr mit den Wünschen der Schüler auseinandersetzen, mit ihrer Person, ihren wirklichen Fähigkeiten, ihren Träumen. Schauen Sie also genauer hin, wer da vor Ihnen sitzt.

Wenn Daniel J. Levitin heute feststellt, dass „der evolutionäre Ursprung der Musik erwiesen (ist), weil sie bei allen Menschen vorkommt“ (Levitin, Daniel J.: Der Musik-Instinkt. Die Wissenschaft einer menschlichen Leidenschaft. Heidelberg 2009, S. 344), dann sollten wir Pädagogen uns auch auf die Suche nach den verborgenen Musikalitäten machen, die Schüler in den Unterricht mitbringen, aber nicht gleich herauslassen können. Selbst wenn es einem Schüler beispielsweise schwer fällt, im Takt zu spielen oder immer die richtigen Töne zu treffen, kann seine besondere musikalische Stärke darin liegen, kreativ mit musikalischem Material umzugehen, auf seinem Instrument zu improvisieren. Nicht selten entpuppen sich bei Schülern ganz besondere musikalische Fähigkeiten, wenn man sie breiter fördert oder auch einmal unkonventionelle Herangehensweisen an die Musik zulässt. Voraussetzung dafür ist, als Lehrer/-in grundsätzlich neugierig zu bleiben, auf das musikalische Potenzial der Schüler, auf neue Musikwerke und Musikrichtungen. Gerade darin liegt eine ganz entscheidende Komponente für die Eigenmotivation zum Unterrichten.

Neugierig bleiben

Setzen Sie sich also selbst mit ungewohnten Musikrichtungen auseinander, entdecken Sie dabei Neues. Gehen Sie bei der Interpretation einmal ganz neue Wege und lassen sich dabei überraschen. Spielen Sie beispielsweise eine in Dur notierte Passage einmal in einer Moll-Version und anschließend wieder die Originalversion. Es entstehen ganz neue musikalische Zusammenhänge. Überwinden Sie Routine. Bemühen Sie sich, Ihrer angeborenen Neugier stets neuen Stoff zu geben, indem Sie im Unterricht prinzipiell auf Innovation setzen. Bemühen Sie sich stets um Abwechslung. Gehen Sie bei Ihren Schülern jeder musikalischen Neigung nach. Lösen Sie sich von alt hergebrachten und seit Generationen vorgeprägten Schienen der Interpretation. Nutzen Sie ungewohnte Lernfelder. Seien Sie offen für musikalische Freiräume. Lassen Sie sich also vor allem musikalisch etwas einfallen.

Insbesondere Prämissen der Elementaren Musikpädagogik (EMP) können hier eine Anregung sein, können so inspirieren, dass sie wiederum die Eigenmotivation zum Unterrichten positiv beeinflussen. Als Ziele der Elementaren Musikpädagogik können unter anderem genannt werden:

• prinzipiell künstlerische Fertigkeiten zu wecken, also
• die Ausdrucksfähigkeit zu erweitern,
• sich über die Musik mitteilen zu können,
• Musik (auch) selber zu erfinden,
• mit Musik experimentieren beziehnungsweise improvisieren zu können,
• dabei auch einmal unkonventionelle Spieltechniken auszuprobieren.

Beim Blick in neuere Unterrichtswerke und Instrumentalschulen wird deutlich, dass inzwischen viele Prinzipien der Elementaren Musikpädagogik auch hier ihre Anwendung finden. Musik wird zu einem „Spiel-Raum“ für individuelles Gestalten: Da wird zum eigenen Erfinden von Klängen, Tönen und Musik animiert, es wird experimentiert und komponiert, es wird auch mal ohne Noten Musik gemacht, Instrumentalspiel wird mit Erfahrungen aus dem Alltag der Schüler verbunden, Musik wird mit vielseitigen Materialien und Medien gestaltet, es werden unterschiedliche Notationsformen entwickelt, musikalische Situationen werden in Geschichten eingebettet et cetera. Es kommen somit Lernfelder zum Einsatz, die dem Unterricht eine besondere musikalische Eigendynamik geben, die auch für uns Pädagogen sehr motivierend sein kann. Damit wird ganz entscheidende Energie frei, die sich schnell auch auf die Schüler überträgt. Das Unterrichten wird musikalisch lebendig, bekommt musikalischen Sinn und trifft den Nerv aller Beteiligten: den des Schülers und Ihren. Erst wenn Sie Ihr musikalisches Potenzial einbringen, kann sich die Musikalität Ihres Schülers entfalten. Machen Sie sich also zwischendurch einmal die Bandbreite der Ebenen bewusst, wo und wie Musik auf Sie wirkt, was Sie empfinden, wenn Sie an Ihrem Instrument sitzen und Musik machen. Rekapitulieren Sie, warum Sie selber gerne Musik machen, was für Sie persönlich an der Musik besonders ist. Bringen Sie das ins Spiel, was Sie ursprünglich bewegt hat, Instrumentalpädagogin oder Instrumentalpädagoge zu werden.

Visionen entwickeln

Entdecken Sie wieder Ihren „Musik-Instinkt“, folgen Sie ihm, setzen Sie ihn beim Unterrichten ein. Besinnen Sie sich auf das, bei dem Sie sich selbst musikalisch sicher fühlen, dann besteht die Chance, dass sich auch Ihre Schüler anstecken lassen. Entwickeln Sie musikalische Visionen und setzen Sie sie im Unterricht um. Gönnen Sie sich und Ihrem Schüler jede Unterrichtsstunde mindestens ein Erfolgserlebnis. Erfolgserlebnisse sind stark abhängig von den eigenen Ansprüchen, der inneren Einstellung insbesondere zur Leistung, zum heutigen Denken der Schüler und Eltern über die Freizeitgestaltung. Legen Sie Ihre Ziellatte aber nicht zu hoch.

Bleiben Sie mit Ihren Ansprüchen und Herausforderungen immer eine Nasenlänge vor der der Schüler, nicht mehr. Gehen Sie mit realistischen Erwartungen an das Unterrichten heran. Konkret gesagt: Wenn man mit der Einstellung in den Unterricht geht, in jeder Stunde bei seinem Schüler wenigstens ein Aha-Erlebnis hinzubekommen, führt dies zu einem entscheidenden Motivationsschub. Wichtig für diese Sichtweise ist, dass Sie lernen, Positives an den Leistungen des Schülers zu erkennen und entsprechend zu kommentieren, das heißt der Schülerin oder dem Schüler hierüber eine positive Rückmeldung zu geben. Entwickeln Sie Antennen für Besonderes und reduzieren Sie unter Umständen Ihre Ansprüche. Seien Sie zufrieden, wenn Ihr Schüler auf seinem Instrument etwas Neues entdeckt hat, selbst merkt, dass er vorangekommen ist und mit einem positiven Gefühl wieder nach Hause fährt.

Authentisch unterrichten

Reflektieren, überdenken und modifizieren Sie gegebenenfalls immer wieder Ihr Unterrichtskonzept. Reflektieren Sie Ihre besonderen Stärken beim Unterrichten, die besonderen Stärken Ihres Unterrichtskonzepts. Prüfen Sie aber auch, inwieweit es wirklich schüler- und erfolgsorientiert ist. Stellen Sie fest, welche Leistungsansprüche Sie selbst haben und inwieweit diese wirklich zum Schülerprofil passen. Dann sind Sie auf dem richtigen Weg, Ihren Schüler wirklich dort abzuholen, wo er sich befindet. Dann wird Ihr Unterricht authentisch. Damit erhöht sich die Chance, dass der Schüler in der kommenden Woche wieder gern in den Unterricht kommt – und womöglich sogar geübt hat. Dann bekommen Sie das positive Feedback für Ihre Bemühungen, das auch Sie für Ihre Motivation brauchen. Der Kreis der Eigenmotivation schließt sich. Ihre Lust zum Unterrichten sollte nun wieder aktiviert sein.

Im Folgenden sind nochmals Perspektiven und Fragestellungen zur Eigenmotivation im Überblick dargestellt, die zum selbstständigen Rekapitulieren, aber auch zur Supervision oder Intervision genutzt werden können:

• Inwieweit kennen Sie die musikalischen Hörerfahrungen, Vorlieben und Interessen Ihrer Schüler?
• Wie schätzen Sie die musikalischen Ambitionen Ihrer Schüler ein?
• Wie würden Sie das musikalische Potenzial Ihres Schülers beschreiben?
• Was ist aus Ihrer Sicht ein zeitgemäßer Unterricht?
• Was unternehmen Sie, um Ihren Unterricht abwechslungsreich zu gestalten?
• Inwiefern haben Sie zuletzt neue interpretatorische Wege ausprobiert?
• Inwieweit haben Sie sich mit Musik-richtungen auseinandergesetzt, die Ihnen weniger vertraut sind?
• Informieren Sie sich regelmäßig über neu erschienene Unterrichtsliteratur oder neue Musikwerke?
• Worin sehen Sie den Sinn des Musikmachens?
• Warum unterrichten Sie Instrumentalschüler?
• Was motiviert Sie selbst, Musik zu machen?
• Warum sollen Ihre Schüler ein Musikinstrument spielen?
• Welche Vision(en) haben Sie bezüglich Ihrer Schüler?
• Was unternehmen Sie, um Ihre Schüler musikalisch anzustecken?
• Was ist Ihnen heute Positives an Ihrem Schüler im Unterricht aufgefallen?
• Inwiefern hat Ihr Schüler in der heutigen Stunde ein Erfolgserlebnis gehabt?
• Inwieweit passen Ihre Leistungsansprüche zum Schülerprofil?
• Welche Leistungsansprüche haben Sie an sich selbst?
• Worin sehen Sie die besondere Stärke Ihres Unterrichtskonzepts?
• Von welchen Leitideen wird Ihr Unterricht getragen?
• Worin bestehen die inhaltlichen und methodischen Schwerpunkte Ihres Unterrichts?
• Worin liegen Ihre persönlichen Stärken?

Die Klärung dieser Fragen bei sich selbst oder im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen kann dazu animieren, neue Wege auszuprobieren und so entscheidend dazu beizutragen, dass Sie mit Freude und Energie unterrichten und sich dieser Zustand auch auf Ihre Schülerinnen und Schüler überträgt.

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