Bei allem Graus waren wir glücklich

Die Kinderoper „Brundibár“ als musikschulisches Partnerprojekt Pilsen-Regensburg


(nmz) -
1938 hat der tschechisch-deutsche Komponist Hans Krása seine Kinderoper „Brundibár“ geschrieben. Zweimal wurde sie im Prager Waisenhaus aufgeführt, dann kam der Komponist nach Theresienstadt. Dort rekonstruierte er Text und Partitur; die Kinder im Lager probten und spielten die Oper für ihre Mithäftlinge mehr als 50 Mal.
Ein Artikel von Barbara Haack

Zu den traurigen Fakten der Geschichte dieses Werks gehört, dass sie im Lager immer wieder umbesetzt werden musste, weil die Akteure regelmäßig in den Osten deportiert wurden. Allerdings brachte das Werk den Menschen in Theresienstadt auch einen Funken Hoffnung in ihr grausames Lagerleben. Die Geschichte der Kinder, die vereint und mit Hilfe der Tiere den bösen Leierkastenmann Brundibár überwinden, galt als Symbol für den Sieg des Guten über das Böse.

Nach ersten Aufführungen Anfang der 70er-Jahre wurde Hans Krásas Oper in den 90er-Jahren für die Bühne wiederentdeckt. Die Jeunesses Musicales sorgte nicht nur für eine bewegende Einstudierung mit hochkarätigen Kinderchören aus Polen, Tschechien und Deutschland, sondern produzierte auch pädagogisches Begleitmaterial zur Oper, das sich natürlich mit der besonderen Rezeptionsgeschichte beschäftigte. Seither wird das Werk auf zahlreichen Bühnen gespielt.

Nun hat die Sing- und Musikschule Regensburg mit ihrem Cantemus-Chor unter der Leitung von Matthias Schlier in Kooperation mit der Partnermusikschule im tschechischen Pilsen „Brundibár“ in beiden Städten auf die Bühne gebracht. Ein beachtenswertes Projekt, das vom Begegnungscharakter der Kinder geprägt war. Gesungen und gesprochen wurde die Oper teils auf Deutsch, teils auf Tschechisch und an manchen Stellen auch in beiden Sprachen gleichzeitig. Das Besondere an der Pilsener Aufführung: Die Veranstalter luden Zeitzeugen aus Theresienstadt ein, die seinerzeit mitgesungen oder zugehört hatten. Wer an der Wirkung des auf den ersten Blick harmlos wirkenden Stücks auf die damaligen Kinder, an seiner Bedeutung für das tägliche Leben im Lager noch Zweifel hatte, wurde spätestens im Gespräch mit diesen Zeitzeugen eines besseren belehrt. „Bei allem Graus waren wir glücklich in den Momenten, wo wir proben und singen konnten“, erzählt Ewa Hermanns – und wirkt in der Erinnerung an die damaligen Erlebnisse fast glücklich. „Ich habe dort gelernt, was es heißt, sich mit Musik zu befassen und was sie bewirken kann. Ich wurde verrückt, wenn ich krank war und nicht zur Chorprobe gehen konnte.“ Als so genannter Mischling (die Mutter war „Arierin“, der Vater Jude) kam sie 14-jährig ganz allein nach Theresienstadt und lebte dort bis zum Ende des Krieges.

Tommy Karas war erst 13, als der Krieg zu Ende ging. Auch er überlebte ihn in Theresienstadt, gemeinsam mit der Mutter, die auf Anraten des Vaters in einer kriegswichtigen Fabrik arbeitete, die Bombenabwehrgeschütze für die Deutschen herstellte. Vater und Bruder von Karas kamen im KZ um. Als kleiner Junge hat Tommy im „Brundibár“-Chor gesungen, bereits bei der Prager Uraufführung und später im Lager. Die Aufführung der deutschen und tschechischen Kinder in Pilsen hat ihm gut gefallen. Die Stellen, die auf Deutsch gesungen wurden, konnte er allerdings kaum verstehen. Als Kind wuchs er mit der Überzeugung auf, dass die deutsche Sprache böse sei und man sie nicht lernen müsse. Heute bedauert er das; seine vier Kinder haben nach dem Krieg alle Deutsch gelernt. Immerhin haben die Zeitzeugen aus Theresienstadt an diesem Tag die Oper erstmals in deutscher Sprache gehört.

Kritischer hat Evelina Merová die Pilsener Aufführung erlebt. Sie gehörte in Theresienstadt zum „dankbaren Publikum“, wie sie erzählt. Merová, die das Ende des Krieges in Auschwitz-Birkenau, später in einem Arbeitslager überlebte, hätte eine rein tschechische Aufführung vorgezogen. Nicht etwa, weil sie die deutsche Sprache nicht mag – das Gespräch mit ihr findet auf Deutsch statt –, sondern weil sie meint, der deutschen Fassung fehle der Humor, der der tschechischen Variante durchaus innewohne. Mit dem Ende der Regensburg-Pilsener Aufführung ist sie sichtbar unzufrieden. In der Inszenierung der Münchner Regisseurin Christine Neuberger erscheint Brundibár, nachdem er schon besiegt ist, noch einmal in der Theaterloge und erklärt in bester Pink-Panther-Manier: „… ich komm wieder, keine Frage.“ Die Brundibár-Aufführungen in Theresienstadt gehören zu ihren „besten Erinnerungen an diese böse Zeit“, so Evelina Merová. „Dass Brundibár am Ende wiederkommt, ist doch nicht wahr. Er wurde besiegt. Die Idee des Brundibár ist, dass das Gute das Böse besiegt. Und hier kommt er wieder. Unerhört!“

Beide haben wohl aus ihrer Perspektive recht: Merová mit ihrer Erinnerung an die optimistische Grundaussage der Oper, die Regisseurin mit ihrer Mahnung an die Nachgeborenen: Wenn Ihr nicht Acht gebt, kann das Böse wiederkommen, es lauert gewissermaßen auf seine Chance. Verständlich im Übrigen auch der Ärger Merovás über die Kostümwahl. „Auf der Bühne hatten drei Mädchen ein Dirndl an, das sollte nicht sein. Das haben wir so gehasst, diese Bekleidung, das waren doch deutsche, nazistische Kleider. Das halte ich auch für einen Fehler.“

Die Rezeption der ehemaligen Theresienstädter Kinder mit der heutigen Auslegung zu konfrontieren, ist sicher nicht die schlechteste Methode, die Oper „Brundibár“ weiter am Leben zu erhalten. Einig waren sich die Ehrengäste mit dem Publikum: Gesungen und gespielt haben die deutschen und tschechischen Kinder in Regensburg wie in Pilsen fabelhaft.

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