Bereicherung der künstlerischen Jazzausbildung

Der neue Masterstudiengang Bigband – Spielen, Schreiben, Leiten


(nmz) -
„Der neue Masterstudiengang Bigband wird die künstlerische Jazzausbildung in Deutschland durch sein einmaliges Profil bereichern“, freut sich Hochschulpräsident Prof. Elmar Fulda. „Wir mussten nicht in der Ferne suchen, sondern fanden in Frankfurt den perfekten Partner, um unser Studienangebot zu erweitern und die Jazzausbildung eng mit der Berufspraxis zu verbinden: die Bigband des Hessischen Rundfunks mit ihren fabelhaften Musikern.“
Ein Artikel von Axel Schlosser, Olaf Stötzler, Ralph Abelein

Der Studiengang fokussiert auf die Beschäftigung mit großformatigen Ensembles im zeitgenössischen Jazz und bildet Studierende in den Schwerpunkten Spielen, Komponieren, Arrangieren und Leiten aus. Highlights sind die Arbeitsphasen mit der Bigband, die in jedem Semester stattfinden. Studierende und Mitglieder der Bigband erarbeiten unter der Leitung von renommierten Bandleadern wie Jim McNeely Programme, spielen in Konzerten und produzieren im Studio.

Einzigartige Kooperation

Die HfMDK startet einen Masterstudiengang mit der Bigband des Hessischen Rundfunks: den MA Bigband – Spielen, Schreiben, Leiten. Er bringt Instrumentalist*innen, Komponist*innen, Arrangeur*innen und Dirigent*innen mit den Musiker*innen des renommierten Jazzensembles zusammen. Ralph Abelein spricht mit Olaf Stötzler, Manager der Band, und Solotrompeter Axel Schlosser über die Chancen dieser weltweit einzigartigen Kooperation.

Die hr-Bigband ist an der Hochschule keine Unbekannte, ihr seid seit vielen Jahren gern gesehener Gast beim HfMDK-Jazzfest. Jetzt, nach einer zweijährigen Konzeptionsphase, freuen wir uns darauf, gemeinsam mit euch einen neuen Jazzstudiengang zu starten. Freut sich die hr-Bigband auch?

Olaf Stötzler: Natürlich. Der Studiengang ist das Ergebnis eines langen Prozesses, ich empfand unsere Zusammenarbeit immer als sehr fruchtbar und zielgerichtet. Wir sind froh, dass Frankfurt wieder einen solchen Studiengang bekommt, zumal die Kooperation auch sehr gut zu unseren eigenen Zielen passt: Als Hessischer Rundfunk, als Träger der hr-Bigband und Veranstalter des Deutschen Jazzfestivals bekennen wir uns ja zu dieser Musik, zu diesem Kulturgut. Und wir sind als öffentlich-rechtliche Anstalt zugleich einem Bildungsauftrag verpflichtet. Natürlich hoffen wir, dass die Kooperation uns auch selbst weiterbringt – es geht ja um Nachwuchs, es geht um eine Professionalisierung in diesem Bereich. Wir freuen uns darauf, neue Talente zu entdecken und zu fördern, darauf, unser Wissen und unser Know-how weitergeben zu können. Von seiner Konzeption her ist der Studiengang wirklich einzigartig.

Masterstudiengänge für Jazz gibt es mehrere. Axel, was ist das Besondere an dem Masterstudiengang Bigband, so wie wir ihn konzipiert haben?

Axel Schlosser: Dass die Studierenden die Möglichkeit haben, mit uns zu arbeiten, und wir nicht nur im Kämmerlein unterrichten, sondern unser Wissen, unsere Erfahrung direkt an sie weitergeben. Das hat, im positiven Sinne, etwas von einer Lehre obendrauf – Lehre im handwerklichen Sinne. So eine Kooperation gibt es bisher einfach nicht, egal ob die Studierenden Instrumente spielen, schreiben oder leiten wollen. Wir wissen zwar noch nicht, wer letzten Endes Interesse haben wird, aber wir sind sehr gespannt und hoffen auf einen regelrechten Ansturm an guten Leuten. Das Interesse in der Band ist auf jeden Fall ziemlich groß, sprich: Es möchten alle gern mitmachen und auch unterrichten. Einmalig ist für Studierende auch, dass sie mit unseren Gästen in Berührung kommen können, mit internationalen Solistinnen, Solisten, Arrangeurinnen und Arrangeuren. Das ist ein großer Bonus.

Du hast gerade von einer Lehre gesprochen. Man ist Geselle, wird später Meister, macht den Master. Was lernt man in dieser Lehre – ganz musikalisch-konkret?

Schlosser: Was wir im Rundfunk mit der hr-Bigband machen, könnte man als Tätigkeit eines Studiomusikers beschreiben, der aber live spielt. Das heißt, es kann alles Mögliche auftauchen an Stilen, die wir natürlich auf höchstem Niveau abliefern müssen. Im Grunde können die Leute dabei Flexibiliät lernen. Man muss gut vom Blatt lesen, man muss eine erstklassige Ensemblespielerin oder ein erstklassiger Ensemblespieler sein und darüber hinaus auch erstklassig als Solistin oder Solist. Und die Anforderungen sind vielschichtig: Von ‚Wie spiele ich einen Popsong?‘ bis zu ‚Wie bewege ich mich in fast frei improvisierter großorchestraler Materie?‘

Stötzler: Damit entspricht der Studiengang genau dem, was einem im Berufsleben als Jazzmusikerin oder Jazzmusiker täglich widerfährt. Wenn man da schon im Studium nah dran ist, so wie bei uns, indem man wirklich mitmacht und in den organischen Körper auch eintaucht, dann ist das eine der besten Vorbereitungen auf den Beruf, die man kriegen kann. Wir nehmen auf, wir proben, wir spielen Konzerte, wir machen Was-weiß-ich-was. Das sind viele Facetten, so wie Axel es bereits erwähnt hat: in verschiedener Stilistik, in verschiedenen Situationen – mal rein Studio, mal Konzert, mal live im Radio, mal gestreamt.
 
Auch Studierende mit dem Schwerpunkt Schreiben kommen direkt mit euch in Kontakt, können ihre Kompositionen und ihr Material in jedem Semester drei Studiotage lang mit euch umsetzen.

Auf einen Auftrag einstellen

Stötzler: Eine Idee, die wir zum Beispiel für die Studierenden in diesem Schwerpunkt haben, ist auch: Dass sie sich, wie im echten Leben, auf einen Auftrag einstellen. Wir beauftragen jemanden damit, zum Beispiel die Musik von Miles Davis oder Jelly Roll Morton oder Steely Dan zu bearbeiten. Wir sagen Studierenden also nicht nur, komm mit deiner Musik, sondern geben ihnen hier ein Sujet vor. Nur um die eigenen Kompositionen kann es nicht gehen, es muss auch geübt werden, solche Anforderungen zu erfüllen.

Mit dem Schwerpunkt Leiten gibt es noch eine dritte Facette. Hier gehen wir eher in die Breite, in die Nachwuchsarbeit. Die Bigband als Klangkörper hat ja einen festen Platz gefunden an Schulen, an Musikschulen, im semiprofessionellen Bereich, in der Jugendarbeit. Wie seht ihr da die Szene?

Schlosser: Ich denke, die Szene ist sowohl stabil als auch wachsend, allein aus faktischen Gründen – im Prinzip hat man ja eine feste Besetzung, man kommt gut an Notenmaterial ran und kann mit den jungen Leuten auch schon alles Erdenkliche üben: vom Blatt lesen, gutes Ensemblespiel, gutes Comping, gutes Solieren. Dass Bigbands so beliebt sind und auch immer beliebter an Schulen werden, hat also viele Gründe, und einige Schülerensembles, die wir erlebt haben, sind wirklich erstaunlich gut, weil sich an der Basis Leute dafür einsetzen und unheimlich rührig sind.

Die Sprache des Jazz lernen

Stötzler: Dazu noch ein anderer Aspekt: Nahezu alle großen Jazzsolisten haben in einer Bigband angefangen oder sind durch diese Schule gegangen. Miles Davis oder John Coltrane zum Beispiel, oder heute Till Brönner. Bigbands waren schon immer Institutionen, um die Sprache des Jazz zu lernen, sich mit anderen auszutauschen und in einen künstlerischen Dialog zu treten.  
 
Zu guter Letzt: Erwartet Ihr euch Impulse für die lokale Jazzszene durch die HfMDK und den Studiengang?
 
Stötzler: Ich würde es mir wünschen. Letztlich entstehen lebendige Musikszenen ja auch dort, wo Schulen sind – das ist bestimmt nicht der einzige Faktor, aber ein wichtiger. Wir sollten es schaffen, das Rhein-Main-Gebiet allgemein aufzuwerten und attraktiver zu machen. Es gibt eine lebendige Szene, es gibt auch gerade hier in Frankfurt neue Clubs, die eine tolle Arbeit machen. Jazz Montez beispielsweise mit all den vielen Veranstaltungen, ob im Atelierfrankfurt oder in der Milchsackfabrik. Wenn wir da noch den Schulterschluss mit Mainz suchen und das aufs ganze Rhein-Main-Gebiet, auch auf Wiesbaden, Darmstadt bezogen denken, kann das eigentlich nur gut werden.
 
Schlosser: Davon bin ich auch überzeugt. Rhein-Main hat als Metropolregion schon ziemlich viel zu bieten, das Bild ist bisher nur ein wenig diffus. Aber wenn man aufs Ganze guckt, gibt es viele Möglichkeiten, um aufzutreten und neue Projekte auszuprobieren. Und ich denke, dass der Studiengang und die Leute, die durch ihn hierher kommen, dabei helfen können, die Szene aufzuwerten. Wie Olaf schon sagte: Wenn alles mehr zu einer Rhein-Main-Szene zusammenwächst, wäre das wirklich eine schöne Sache.

Auch der Freundeskreis der hr-Bigband möchte sich dafür engagieren, richtig?

Stötzler: Gut, dass du das ansprichst. Der Freundeskreis will Stipendien vergeben, etwa für besonders begabte Studierende – die Kriterien sind aber noch nicht fixiert. Er wird sich auch dahingehend engagieren, im Zusammenspiel mit der Hochschule noch weitere Geldgeber zu finden, um diesen Studiengang zusätzlich zu unterstützen. Der Freundeskreis ist also ein aktiver Mitspieler in dieser Kooperation.

Ralph Abelein ist Professor für Schulpraktisches Instrumentalspiel an der HfMDK und zukünftig einer der drei Co-Leiter*innen des neuen Studiengangs. Axel Schlosser ist Solotrompeter der hr-Bigband. Olaf Stötzler ist Manager der hr-Bigband.

 

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