Berühmt und berüchtigt, vergessen und wiederentdeckt

Musik im kolonialen Kontext: Joseph de Boulogne, Chevalier de Saint-Georges · Ein Porträt von Daniele G. Daude


(nmz) -
Er war Musketier, General, Komponist, Dirigent und Violinvortuose: Joseph de Boulogne, Chevalier de Saint-Georges wurde am 25. Dezember, vermutlich des Jahres 1745 auf der karibischen Insel Guadeloupe, einer französischen Kolonie, geboren. Seine versklavte Mutter Anne Nanon dürfte zur Geburtszeit von Joseph etwa 15 Jahre alt gewesen sein. Wer war dieser einst sehr berühmte französische Musiker? Warum ist er in Vergessenheit geraten und wie wurde seine Musik wieder lebendig? Ja, der Komponist war Schwarz [1], aber ist diese Information relevant für das Verständnis und die Analyse seiner Musik? Welche Bedeutung hatte Saint-Georges für die aufblühende bürgerliche Konzert- und Salonkultur in Frankreich?
Ein Artikel von Daniele G. Daude

Saint-Georges komponierte Sinfonien, Violinkonzerte, Opern, und Kammermusik, pflegte neue Gattungen für Streicher wie die Symphonie Concertante oder das Streichquartett nach Haydns Vorbild. Er beauftragte und dirigierte Haydns sechs Pariser Sinfonien. Als Violinsolist widmeten ihm Komponist*innen wie Antonio Lolli, François Gossec oder Carl Stamitz Konzert, Trios und Quartette. Doch als Napoleon Bonaparte die während der bürgerlichen Revolution 1789-1794 abgeschaffte Sklaverei 1802 wieder etablierte, passte Saint-Georges nicht mehr ins Bild des nationalen Narrativs. Seine Werke verschwanden zunächst aus dem Repertoire, dann aus Lexika und schließlich aus der aufkommenden nationalen Musikgeschichtsschreibung. Saint-Georges geriet, wie viele andere auch, in Vergessenheit. Doch fand er Eingang in die französische Literatur durch Schrift­steller*innen wie Alexandre Dumas und Honoré de Balzac („Le Bal de Sceaux“, 1830), die von dem „fameux Saint-Georges“, dem „berüchtigten Saint-Georges“ berichten.

Musik erhöht den „Kaufwert“

Um das musikalische Umfeld Saint-Georges’ zu erfassen, ist zunächst an einige historische Grundlagen zu erinnern: Seit Anfang des 18. Jahrhunderts waren Schwarze Musiker*innen in den weißen aristokratischen Plantagen und Hofgesellschaften Frankreichs keine Seltenheit. In den Kolonien lernten versklavte Menschen, die als Hausdiener „arbeiteten“, oft Streichinstrumente sowie Klavier und Klarinette spielen. Die musikalische Ausbildung diente zum einen dazu, weiße Plantagenbesitzer*innen, die sich Hofmusik nach Pariser Modell wünschten, zu unterhalten und zum anderen wurde dadurch deren „Kaufwert“ erhöht. In den Höfen Europas stellte die Präsenz von Schwarzen Geiger*innen und Cellist*innen ein „lebendiges Zeugnis“ des hohen Werts bzw. der Macht und Ausstrahlung des Hofes ins Ausland dar [2]. In der Mitte des 18. Jarhhunderts, mit dem Aufstieg des Bürgertums wurden Schwarze Musiker*innen zunehmend als Ergebnis des „Geistes der Aufklärung“ betrachtet. In diesem Kontext war der Geigenvirtuose Saint-Georges also bei weitem nicht der einzige Schwarze Interpret und Virtuose, doch setzte sich Saint-Georges auch als Komponist und Dirigent durch.

Für „freie“ Schwarze Menschen im Frankreich des 18. Jahrhunderts galt nach dem „Code Noir“ von 1685 ein Berufsverbot. Um ihren Lebensunterhalt in der Stadt zu verdienen, waren neben der Prostitution lediglich zwei Bereiche gestattet: die Unterhaltung (zunächst durch Musik, dann erweitert auf darstellende Künste bzw. „szenisches Amüsement“) und das Militär, also „servir la mère patrie“. Da Frankreich stets „Nachwuchs“ für seine Armee brauchte, wurden dort vielversprechende soziale Aufstiegsmöglichkeiten in Aussicht gestellt. Aus diesem Grund traten zahlreiche Menschen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hoffnungsvoll in die französische Armee ein. Auch dadurch, dass Frankreich die Sklaverei in den Kolonien fleißig betrieb, sie im „Mutterland“ aber verbot, flohen immer mehr Schwarze Menschen nach Frankreich.

Um 1750 reisen Joseph und seine Mutter als versklavte Menschen in Begleitung des biologischen Vaters Georges Saint-Georges, seiner Frau und deren Kindern nach Paris. Joseph entscheidet sich schnell für die Militärkarriere und besucht im Jahr 1756 die Eliteschule von Nicolas Texier de La Böessière (Paris). Er steigt zu den bes­ten Fechtern seiner Generation auf, was La Böessière die stolzen Worte aussprechen lässt: „Racine fit Phèdre, moi j’ai fait Saint-Georges“ (Racine hat Phèdre erschaffen, ich habe Saint-Georges erschaffen).

1761 bis ’64 gehörte Joseph als „Gendarme de la garde du Roi“ (Musketier) zur Eliteeinheit des Königs von Frank­reich und wurde zum Chevalier gekrönt. Als eine der wenigen erfolgreichen Schwarzen Persönlichkeiten seiner Schule und dann der Armee – eine weitere war vor ihm General Thomas Dumas gewesen, Vater von Alexandre d.Ä. – wurde er regelmäßig zum Duell herausgefordert. Da er immer wieder gewann, machte er sich einen Namen in der „Fechtszene“ und in den Salons wurde er zu  zum „berüchtigten“ Saint-Georges. 1787 organisierte Georg August von Hannover, der zukünftige George IV. von England, ein Duell zwischen Saint-Georges und „La d’Eon“ im Carlton House. Wie der Kampf ausging, ist unklar, da die Berichte widersprüchlich sind. Doch sicher ist, dass das Treffen dieser zwei talentierten Außenseiter*innen (d’Eon erschien in einem seiner schwarzen Kleider) die englische und französische Aristokratie für Jahrzehnte in Erregung versetze. 1792 wurde das „13 Régiment de chasseurs à cheval“, heute „Legion des Americains“, besser bekannt als „Legion Saint-Georges“, unter dem General Chevalier de Saint-Georges erschaffen. 

Schon zu seinen Lebzeiten kursierten Intrigen und Gerüchte über Saint-Georges. Biograf*innen behaupten, er habe Marie-Antoinette Klavierunterricht gegeben, doch ist dies schwer nachzuweisen. Sicher ist, dass beide sich kannten und in der Öffentlichkeit zusammen auftraten. Um die Französische Revolution herum „verschwindet“ Saint-Georges aus Frankreich. Zeitungen behaupteten, er sei militärisch in die Haitianische Revolution gegen Frankreich involviert gewesen. Möglicherweise tauchte er, als Adliger in einer bürgerlichen Revolution, in der Karibik unter.  Wer sich also für Saint-Georges’ Musik interessiert, muss neben Kompositions- und Rezeptionsgeschichte, Musique galante, Bogentechnik, Geigenvirtuosität sowie der aufsteigenden Konzert- und Salonkultur auch den kolonialen Kontext Frankreichs im Blick haben.

Der Geiger und Komponist

Saint-Georges komponierte über zehn Bühnenwerke, vierzehn Streichquartette, fünfzehn Violinkonzerte, zehn Sinfonien und zwanzig Sonaten für Cembalo, Violine und Klavier. Er lernte Geige und Cembalo erst nach seiner Militärkarriere und somit verhältnismäßig „spät“ (mit etwa 17 Jahren), dafür aber mit rascher Geschwindigkeit. Saint-Georges wurde Schüler der grossen Vertreter der französischen Musique Galante, unter anderem von Pierre Gaviniès und Antonio Lolli. Von 1769 bis 1773 war Saint-Georges Konzertmeister des Orchesters „Concert des Amateurs“ unter der Leitung von François-Joseph Gossec und beauftragte einen gewissen Joseph Haydn, sechs Sinfonien für Paris zu schreiben. Die Uraufführung dirigierte er selbst mit großem Erfolg. Als er 1774 zum Direktor der renommierten Opéra Garnier ernannt wurde, weigerten sich drei einflussreiche Sängerinnen (Sophie Arnould, Rosalie Levasseur und Marie-Madeleine Guimard) unter seiner Leitung zu arbeiten; Saint-Georges wurde abgesetzt und die Opéra Garnier blieb ohne Leitung.

Saint-Georges’ Schaffen kann in eine frühe Phase mit den ersten Streichquartetten (bis etwa 1766), eine sehr produktive mittlere Phase, in der seine konzertanten Sinfonien, Violinkonzerte und reifen Streichquartette entstanden (1766 bis 1774) und eine späte Phase unterteilt werden, wo er zunehmend Opern schrieb (ab 1775). Ein auffälliges Merkmal seiner Musik ist zunächst einmal die Tatsache, dass sie eine virtuose Technik, vor allem der Bogenhand verlangt. Neben abrupten Lagenwechseln oder ungemütlichen Zwischenlagen der linken Hand, gehören unter anderem schnelle Spiccato-Passagen und die Verwendung von, „Batteries“ und Bariolage dazu. Seine in allen Violinkonzerten und konzertanten Sinfonien eingebaute „Spezialität“ besteht darin, der Abfolge von schnellen aufwärtsgehenden Tonleitern auf der E-Saite, abrupte tiefe Töne auf der G-Saite folgen zu lassen. Der Musikwissenschaftler, Geiger und Saint-Georges-Biograf Gabriel Banat weist solche akrobatischen Stellen, die sowohl eine akkurate Bogentechnik als auch Geschmeidigkeit verlangen, in mehreren von Saint-Georges’ „Sinfonies Concertantes“, in seinen Violinkonzerten und den Streichquartetten nach. Banat sieht in dieser Eigenart keine verbreitete Spieltechnik der damaligen italienischen, französischen oder deutschen Violinschulen, sondern wertet sie als Ausdruck des Stils und der Virtuosität des Komponisten und Geigers Saint-Georges. Interessant daran ist, dass Mozart sich offenbar von genau solchen Stellen für seine Sinfonia Concertante inspirieren ließ, die 1779, im Jahr nach seinem Paris-Aufenthalt entstand.

Weitere Merkmale von Saint-Georges’ Personalstil sind unter anderem seine einfallsreiche Melodien mit synkopischen Begleitungen. Auch Einflüsse Vivaldis und der Mannheimer Schule (Franziska Lebrun, J. Stamitz, C. Cannabich, I. Holzbauer, F. X. Richter etc.) sind vor allem in der ersten Schaffensphase spürbar. Besondere Aufmerksamkeit schenkt Saint-Georges der Bratsche, ein zu dieser Zeit eher unbeliebtes Instrument, das noch kaum auf ein solistisches Repertoire zurückblicken konnte. Oft wird sie in den langsamen Sätzen seiner mittleren und späteren Streichquartette für lange Melodien eingesetzt.

Rezeptionsgeschichte

Die Musik Saint-Georges’ verschwand allmählich von den Spielplänen und aus den Salons und geriet im 19. Jahrhundert in Vergessenheit. In Erinnerung blieb Saint-Georges als ein „dekadenter“ Aristokrat, erfolgreicher Duellierender, Schwarzer Musketier und gutaussehender Mann in den Salons und Höfen, wie Honoré de Balzac es verärgert in „Le Bal de Sceaux“ beschreibt. Erst in den 1970er-Jahren, durch die zufällige Entdeckung eines Manuskripts in Kanada, begann die Rehabilitierung des Komponisten. Seitdem sind weitere Manuskripte „aufgetaucht“. Seine Opernwerke wie „La fille Garcon“ (1787), „Ernestine“ (1777) oder sein Ballett „L’Amant Anonyme“ (1780) haben indes bis heute keinen Eingang auf die Opernbühnen gefunden. Doch Saint-Georges’ Musik, insbesondere seine Violinkonzerte und Sinfonies Concertantes, werden zunehmend aufgeführt und aufgenommen. Langsam aber sicher findet sie wieder ihren Weg in die Konzertsäle und Musikgeschichtsbücher.

Anmerkungen:

[1] Zur Rechtschreibung der politischen Begriffe „Schwarz“ und „weiß“ siehe: Eggers, Maisha (Hg): Mythen, Masken, Subjekte, Münster 2005; Sow, Noah: Deutschland Schwarz weiß, München 2008; Obulor, Evein und RosaMag (Hsrg.): Schwarz wird großgeschrieben, München 2021

[2] Dorlin, Elsa: La matrice de la race, Paris 2006; Lauré al-Samarai, Nicola (Hrsg.): Grenzgänger*innen Teil I „Schwarze und osmanische Präsenzen in der Metropol Berlin um 1700“ – Teil II „Schwarze und osmanische Männer in der preußischen Armee ab 1713“, Berlin 2019; El Tayeb, Fatima: Schwarze Deutsche, Frankfurt am Main 2001

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