Chancengleichheit auf dem Prüfstand

Ein Kommentar von Martin Gellrich zur Situation an deutschen Hochschulen


(nmz) -

Doch ist dies nicht der eigentliche Grund für die hohe Zahl von Ausländern und speziell von Studenten und Studentinnen aus dem asiatischen Raum in den Instrumentalausbildungsklassen an Musikhochschulen. Nach meiner Meinung haben einheimische junge Musiker, die sich während der Schulzeit auf eine Hauptfach-Aufnahmeprüfung vorbereiten, kaum eine Chance, in der Aufnahmeprüfung gegen die Übermacht der Studienbewerber/-innen aus Fernost zu bestehen, und zwar selbst dann, wenn sie hoch begabt sind und ihr Instrument dem Alter entsprechend hervorragend beherrschen.

Ein Artikel von Martin Gellrich

Wenn man derzeit die Ausbildungsklassen für das Studium von Instrumenten im Hauptfach an Musikhochschulen in Deutschland oder anderen Ländern Mitteleuropas betrachtet, so fällt auf, dass vor allem im Bereich der Klavierausbildung ein Großteil der Studenten asiatischer Herkunft ist. Ferner stammen einige andere ausländische Studenten aus anderen Teilen der Erde. Nur noch ein verhältnismäßig kleiner Prozentsatz von Studenten kommt aus dem eigenen Land. Was bedeuten diese Zahlen? Sicherlich sind junge Musiker in Deutschland, bevor sie an Musikhochschulen kommen, nicht so gut ausgebildet wie in anderen Ländern. In Ostblockländern und asiatischen Ländern ist fast durchweg der Stellenwert der spieltechnischen Ausbildung wesentlich höher und der Übefleiß größer als in Deutschland, sodass Aufnahmeprüflinge aus diesen Ländern größere Chancen haben als angehende Studenten, die im deutschen Musikausbildungssystem großgeworden sind.
Doch ist dies nicht der eigentliche Grund für die hohe Zahl von Ausländern und speziell von Studenten und Studentinnen aus dem asiatischen Raum in den Instrumentalausbildungsklassen an Musikhochschulen. Nach meiner Meinung haben einheimische junge Musiker, die sich während der Schulzeit auf eine Hauptfach-Aufnahmeprüfung vorbereiten, kaum eine Chance, in der Aufnahmeprüfung gegen die Übermacht der Studienbewerber/-innen aus Fernost zu bestehen, und zwar selbst dann, wenn sie hoch begabt sind und ihr Instrument dem Alter entsprechend hervorragend beherrschen. Was ist der Grund? Die Ursache ist darin zu suchen, dass die Studenten aus Asien und anderen Erdteilen bereits in ihren Heimatländern entweder ein ganzes oder ein teilweises Studium auf ihrem Instrument absolviert haben.

Sie treten in den Aufnahmeprüfungen an Musikhochschulen dann mit einem Riesenvorsprung gegenüber den einheimischen Musikern an, die frisch von der Schulbank kommen. Diese haben in Hauptfachaufnahmeprüfungen in der Regel erst dann eine Chance, wenn sie vorher Schulmusik und Diplom-Instrumentallehrer studiert haben.

Dazu kommt, dass die Anzahl asiatischer Instrumentalisten, die sich alljährlich bei den Aufnahmeprüfungen an deutschen Musikhochschulen vorstellen, sehr hoch ist, weil in diesen Ländern eines der vorrangigen Ziele von jungen Musikern ist, eine gewisse Zeit in den Ländern zu studieren, aus deren Kulturkreisen die Musik stammt, die sie spielen.

Es ist eine blanke Ungerechtigkeit, wenn wirkliche Studienanfänger und fortgeschrittene Studenten nach den gleichen Maßstäben beurteilt werden. Leider wird in Aufnahmeprüfungsjurys nur selten Rücksicht darauf genommen, ob ein Prüfling schon studiert hat oder gar ein Studium abgeschlossen hat oder nicht. Es werden einfach die fortgeschritteneren Schüler genommen.

Hierfür gibt es mehrere Gründe, die selten öffentlich thematisiert werden. Häufig werden bereits in der Ausbildung fortgeschrittene Prüflinge von Hochschulprofessoren ausgewählt, weil die Arbeit mit fast fertigen Schülern vergleichsweise einfach ist. In weniger fortgeschrittene Schüler müsste zu zeitintensive und aufwendige Arbeit investiert werden. Zudem sind auch die Ausdauer, der Übefleiß, die Nachahmungsgabe und der Gehorsam asiatischer Student/-innen Musikhochschulprofessoren wohlbekannt, wodurch das Unterrichten wesentlich erleichtert wird und sich fast automatisch Erfolg einstellt. Auf diese Weise gelingt es auch einem mittelmäßigen Instrumentalprofessor ohne große Mühe, recht gute Schüler in der Hochschulöffentlichkeit zu präsentieren und damit sein Ansehen als Lehrer zu steigern.

Ruf nach der Quote

Die Situation ist insofern als problematisch zu bewerten, weil Musikhochschulen ja eigentlich dazu bestimmt sind, den einheimischen Musikernachwuchs auszubilden. Weiterhin besteht auch ein Problem bezüglich der Finanzierung des Studiums. In allen anderen Studienfächern gibt es Quoten für Ausländer, damit ausreichend Studienplätze für deutsche Studenten und auch Ausländer vorhanden sind.

Nur in den Hauptfachausbildungen an Musikhochschulen gilt diese Regel wer weiß aus welchen Gründen nicht. Hinzu kommt noch, dass es bei den Sparmaßnahmen, die im Bildungsbereich derzeit speziell auch die instrumentalen Ausbildungsklassen tangieren und zu einer Reduzierung der Ausbildungsplätze führen, für junge deutsche Musiker in den letzten Jahren noch schwerer geworden ist, direkt von der Schulbank weg einen Hauptfach-Studienplatz zu erlangen. Schließlich ist auch von der Seite der Finanzierung her zu überlegen, ob für einheimische Studenten, die eine solis-tische Karriere auf ihren Instrumenten anstreben, wie es in der Regel üblich ist, zwei Studiengänge bezahlt werden müssen, nämlich ein vorbereitendes Schulmusik- oder Diplomstudium und das eigentliche Studium des Hauptfachs. Die Auswirkungen für junge und begabte Instrumentalisten aus eigenen Landen sind weitreichend. Viele von ihnen durchlaufen erfolglos mehrere Aufnahmeprüfungen in verschiedenen Städten für das Hauptfachstudium auf ihrem Instrument, bevor sie sich entscheiden, stattdessen die Aufnahmeprüfung für Schulmusik oder Diplom-Musiklehrer zu machen und diesen Studienplatz dann auch erhalten. Die Misserfolge und Umwege beim Einstieg in die Berufsausbildung führen zu Frustration, beeinträchtigen das Selbstwertgefühl und wirken sich negativ auf die Übemotivation aus.

Wenn die jungen Instrumentalisten dank der niedrigeren Anforderungen in den Aufnahmeprüfungen einen Studienplatz in Schulmusik oder im Diplomstudiengang erhalten haben, bekommen sie zumeist bei den weniger guten und angesehenen Instrumentallehrern der jeweiligen Musikhochschule Unterricht und werden so in einer Altersphase, die für das Lernen noch recht günstig ist, nicht optimal gefördert. Außerdem lässt speziell das an vielen Musikhochschulen überverschulte Schulmusikstudium zu wenig Zeit zum Üben. Wirklich guten Unterricht und genügend Übezeit haben Studenten oft erst viel später, wenn sie ein Zweitstudium im Hauptfach ihres Instruments beginnen. Besonders bei männlichen Studenten, die zusätzlich noch ihren Wehrdienst absolvieren müssen, ergeben sich optimale Lernbedingungen somit erst in einem Alter (zwischen 25 und 30 Jahren), das für die Ausbildung von Berufsmusikern wesentlich zu hoch ist.

Es scheint mir dringend notwendig geworden zu sein, dass dieses Thema in der musikalischen Öffentlichkeit, Kulturpolitik und den Stellen, die für die Finanzierung der Ausbildung an Musikhochschulen zuständig sind, diskutiert und problematisiert wird.

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