Christoph Schlüren: Von Belohlávek über Nordgren zu Merrick

Tonträger-Bilanz 2018 – der persönliche Jahresrückblick der nmz-Phonokritiker


(nmz) -
Das vergangene Jahr war so ertragreich, dass diese ‚Best of‘-Auswahl dem nicht gerecht werden kann. Für alle, die sie noch nicht haben, gibt es jetzt sämtliche bei EMI erschienenen Aufnahmen der Münchner Philharmoniker unter Sergiu Celibidache in einer 49-CD-Box (Warner Classics) – wobei leider wieder Tschaikowskys „Romeo und Julia“ vergessen wurde. Ein Muss sind auch die gesammelten furiosen Mozart-Aufnahmen Hans Rosbauds bei SWR Classic, die Anthologie des großen Schweizer Pianisten Walter Rehberg (1900–57) bei APR und die wunderbare Recollection in Erinnerung an den großen tschechischen Maestro Jirí Belohlávek (Supraphon, 8 CDs) mit der unschlagbaren frühen Brünner Aufnahme von Janáceks Sinfonietta als CD-Premiere.
Ein Artikel von Christoph Schlüren

An Neuaufnahmen seien genannt: Belohláveks Janácek-Vermächtnis mit der Glagolitischen Messe und den wichtigsten Orchesterwerken (Tschechische Philharmonie, Decca); Jakub Hruša mit den Bamberger Symphonikern in klassisch balancierten Aufnahmen von Brahms’ 4. und Dvoráks 9. Symphonie (Tudor); François-Xavier Roth und Les Siècles mit höchst transparentem Debussy (Images, Jeux etc. bei Harmonia Mundi); fulminant arrangierte und gespielte Streicherfassungen von Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ und „Nacht auf dem kahlen Berge“ mit Ilya Ioff und dem Divertissement Kammerorchester (Melodiya); Florent Schmitts 2. Symphonie im durchsichtigen Dirigat Sakari Oramos (Chandos); Gustav Holsts „Cotswolds Symphony“ in intuitiv erfühlter Darbietung unter Andrew Davis (Chandos); Ernst von Dohnányis Klaviersextett in musikantischer Verfeinerung mit dem Nash Ensemble (Hyperion); brillant quecksilbrige Orches­terwerke des Belgiers Robert Groslot (Naxos) und ein kantabel sprachmächtiges Violinkonzert von Philip Sawyers (Nimbus Alliance); kraftvolle Symphonien der Schweden Torbjörn Iwan Lundquist (1920–2000; Sterling) und Anders Nilsson (geb. 1954; db produktion); die drei hochoriginell verwinkelten Streichquartette des ungarisch-stämmigen Österreichers Ivan Eröd (geb. 1936) mit dem idiomsicheren Accord Quartett (Gramola); und aparte Symphonik des Briten David Hackbridge-Johnson (Toccata Classics).

Besonders wertvoll sind zwei CDs bei Alba Records mit Werken von Pehr Henrik Nordgren: „Evocation“ stellt das überwältigende späte Streichquintett vor, und auf „Finnish Elegy“ steuert Juha Kangas sein Ostrobothnian Chamber in unübertrefflicher Weise durch das dunkel glühende 4. Violinkonzert.

Bleiben noch einige historische Perlen: das Végh Quartett live in Höchstform in den 1950er-Jahren mit Beethovens Op. 18/4, Barber, Bergs Lyrischer Suite, und den 2. Quartetten von Bloch, Honegger und Jelinek (Budapest Music Center BMC Records); Celibidache mit erlesenstem Ravel (Münchner Philharmoniker); Edmund Rubbra selbst dirigiert seine 4. Symphonie (Lyrita); und, für mich die ganz große Sensation 2018, eine „Recorded Legacy“ des britischen Pianisten und Komponisten Frank Merrick (1886–1981; Nimbus Alliance, 6 CDs). Einer der feinsten Musiker des 20. Jahrhunderts mit bekanntem Repertoire und Spezialitäten wie den vier Bax-Klaviersonaten, Regers Bach-Variationen oder der ersten Vollendung von Schuberts „Unvollendeter“ von 1928.

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