Clara und ihre zeitgenössischen Kolleginnen

Eindrücke vom vierten Klassik Festival Momentum in Stolberg


(nmz) -
Zum vierten Mal stand Stolberg, ein romantisch anmutendes Städtchen am Rande Aachens, eine Woche lang im Zeichen des „Klassik Festivals Momentum“. Ein kleines, aber feines Kammermusikfestival, das die deutsch-iranische Pianistin Patricia Buzari 2016 gründete und seitdem trotz schwieriger Bedingungen im malerischen Museum des Zinkhütter Hofs durchführt. Die junge Musikerin möchte damit nicht nur die außerhalb Aachens eher bescheidene Musikszene der Voreifel beleben, sondern mit ihren thematischen Schwerpunkten sowohl Zeichen für internationale Offenheit als auch für eine Stärkung der Frauenrolle im Musikleben setzen.
Ein Artikel von Pedro Obiera

Die sieben Konzerte dieses Jahres standen unter dem Motto „Clara Schumann und ihre Schwestern“, das nahezu alle Programme durchzog. Von komponierenden Zeitgenossinnen Mozarts über die bekannten Romantikerinnen Clara Schumann und Fanny Hensel bis zu lebenden Komponistinnen unserer Tage. Clara Schumanns zentrales Klavierkonzert stand im Mittelpunkt des Eröffnungskonzerts am 22. Juli, für das die Intendantin niemand Geringeren als Alexander Krichel gewinnen konnte, der mittlerweile zu den Stammgästen des Festivals zählt. Als renommierter Musiker setzt er einen interessanten Kontrapunkt zu vielen jungen, teilweise blutjungen Künstlern, denen Patricia Buzari mit gleichem Eifer eine Plattform bieten möchte.

Das Konzert der vor 200 Jahren geborenen Pianistin, Komponistin und berühmten Witwe war bei Alexander Krichel bestens aufgehoben, wobei er einfühlsam vom Essener Folkwang Orchester unter Leitung von Felix Mildenberger unterstützt wurde. Claras Konzert stellte Patricia Buzari mit der „Suite concertante für Violine, Klavier und Streicher“ der 1973 in Russland geborenen Komponistin Lera Auerbach ein nagelneues, erst vor kurzem von Gidon Kremer uraufgeführtes Werk gegenüber, das mit seinen sieben Sätzen eine reiche stilistische Vielfalt erkennen lässt, allerdings nicht unbedingt eine eigene Handschrift. Vieles klingt nach Stilkopien, die Patricia Buzari mit dem Geiger Yuri Revich spielfreudig zum Klingen brachten. Immerhin hört man dem Stück an, dass sich die Komponistin auf dem Klavier auskennt. Das kann man von der österreichischen Komponistin Johanna Doderer nicht unbedingt sagen, mit der ein ausschließlich komponierenden Frauen gewidmetes und ebenfalls von Patricia Buzari und Yury Revich gestaltetes Programm etwas matt endete. Ein Programm, dem freilich zuvor mit Werken der früh verstorbenen Lilly Boulanger kompositorische Glanzlichter aufgesetzt wurden. Mit viel Herzblut gestaltete Patricia Buzari Barbara Hellers „Laila – Schlaflied zum Wachwerden?“, das die Komponistin allen persischen Frauen und vor allem den vielen hingerichteten Frauen des Landes widmete.

Gerade einmal 30 Jahre alt ist Alexej Gorlatch, der mit einem anspruchsvollen Programm von Beethovens „Sturm“-Sonate über Robert Schumanns Fantasiestücke op. 12 bis zu einem Chopin-Recital konservativere, aber um nichts weniger inspirierte Töne anschlug. Und auch die ganz jungen Newcomer wie der gerade einmal 16-jährige norwegische Bariton Aksel Rykkvin und der 20-jährige Cellist Brendan Goh konnten das Publikum begeistern. Der Bariton mit einer frischen Interpretation von Schumanns „Dichterliebe“, der Cellist mit einem musikalisch und spieltechnisch homogenen Vortrag der 1. Cello-Sonate von Johannes Brahms.

Die heißen Außentemperaturen schienen manchen Musikfreund vom Besuch abgeschreckt zu haben. Schade, dass davon ausgerechnet das ambitionierte, mit viel improvisierter Fantasie gestaltete Kinderkonzert betroffen war, bei dem den etwa 40 Kindern Patricia Buzari mit Ausschnitten aus Mendelssohns „Sommernachtstraum“-Musik und von Dieter Jansen aus Shakespeares Komödie gespielten Szenen ein lebendiger Einblick in das populäre Werk vermittelt wurde. Den größten Publikumszuspruch erfuhr der Auftritt des peruanischen Gitarristen Alexander-Sergei Ramirez zum Abschluss des Festivals, der mit seinem bescheidenen, gleichwohl spieltechnisch perfekten, emotional intensiven und programmatisch reizvoll gestreuten Auftritt die Herzen des Publikums im Sturm eroberte.

Vom 27. Juli bis 2. August 2020 soll der fünfte Durchgang stattfinden. Dann unter dem Leitstern „Pilgerfahrt zu Bee­thoven: Alle Menschen werden Brüder!“ Dann auch wieder mit einem Klavierwettbewerb und einem Meisterkurs. Bis dahin hofft Patricia Buzari, dass sich die Stadt Stolberg unter ihrem neuen Bürgermeister stärker für das Festival einsetzen wird als es der Vorgänger getan hat. Das nordrhein-westfälische Ministerium für Kultur und Wissenschaft hat eine großzügige Unterstützung zugesagt, wenn die Stadt mitzieht.

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