Den jungen Zuhörern Erfahrungsräume öffnen

„Zauber der Musik“ – ein konzertpädagogisches Modell der Hochschule für Musik und Theater Rostock


(nmz) -
Musikvermittlungs-Konzepte sind an den Konzert- und Opernhäusern mittlerweile gang und gäbe. Langsam aber sicher etablieren sich auch an den Musikhochschulen eigens entwickelte und den jeweiligen Profilen der Ausbildungsgänge entsprechende Projekte und Konzertreihen. Einerseits konzentrieren sich diese darauf, Heranwachsende für Musik zu interessieren, wie es etwa bei den Kinder-Uni-Veranstaltungen workshop- und vorlesungsartig geschieht, um ihnen damit einen Eindruck vom Lernen und Lehren an einer größeren Einrichtung zu geben. Zum anderen bieten einige Hochschulen zunehmend regelmäßig interaktive Programme zur Einbindung von Kindern oder auch deren Eltern in den Prozess der Musikdarbietung an, um sie mit den Bedingungen und Arbeitsweisen eines Konzertbetriebes näher vertraut zu machen. Ein wenig von beidem hat der „Zauber der Musik“, ein konzertpädagogisches Projekt, das sich an der Hochschule für Musik und Theater Rostock etabliert hat und im Folgenden näher vorgestellt werden soll.
Ein Artikel von Magnus Gaul

Nicht nur Erwachsene, sondern gerade Kinder als Adressaten von Konzertprojekten anzuerkennen und sie in die Musikvermittlung aktiv einzubeziehen, ist nach wie vor eine der Kernforderungen, die all den Konzert- und Projektkonzeptionen zugrunde liegen, die bundesweit auf den Markt strömen. Diesem Anspruch tragen mittlerweile zahlreiche Kinderkonzert-Modelle und -konzeptionen Rechnung und – wie an vielen Hochschulstandorten – nehmen sich auch die Rostocker Kinderkonzerte dieser Herausforderung an. Regelmäßig sind hierzu Künstler der HMT Rostock, aber auch (Überraschungs-)Gäste aus dem Konzertleben der Stadt eingeladen, um einem Nachwuchspublikum aus Grundschulen, bisweilen auch aus den Vorschulklassen der Kindergärten „ihr“ Instrument näher vorzustellen.

„Zauber der Musik“ ist der Titel der moderierten Kinderkonzerte, die an der Hochschule für Musik und Theater Rostock in jedem Semester einmalig stattfinden mit jeweils einem thematischen Schwerpunkt. Neben den etablierten Nachwuchskonzerten, die in Kooperation mit der Norddeutschen Philharmonie Rostock veranstaltet werden („Mendelssohn – Abenteuer eines Wunderkindes“, „Rund um die Ostsee“, „Dem Nussknacker auf der Spur“), geht gerade von diesem konzertpädagogischen Modell, das explizit der Instrumentenvorstellung dient, eine besondere Attraktivität aus. Werden die Konzerte andernorts häufig von Schauspielern und Dramaturgen begleitet, nutzt die Rostocker Initiative die Expertise der Künstler des eigenen Hauses. Die Moderation der Konzerte verbindet die Interessen der Kinder mit dem Anspruch der Interpreten, und so entsteht ein pädagogisch-künstlerisches Wechselspiel, das die Angebote der Instrumentalfächer der Hochschule mit den besonderen Interessen der Kindern im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren in Verbindung bringt. Dabei geht es nicht (nur) um den Zauber der Musik schlechthin oder den Zauber eines großen Orchesterklangs, sondern vorwiegend um den Zauber des Musikmachens. Von namhaften Künstlern wird auf diese Weise im Konzertbetrieb eine Brücke zu jungen Hörerinnen und Hörern geschlagen, um auf die musikbezogenen Interessen einzugehen und sich der Perspektive der Kinder anzunähern. Das Kinderkonzert, das in der Regel einen zeitlichen Rahmen von etwa 60 Minuten nicht übersteigt, beinhaltet die Vorstellung von drei unterschiedlichen Orchesterinstrumenten, die im Anschluss in einer eigens für das Konzert eingerichteten Adaption gemeinsam musizieren.

Vorbereitung

Die Vorbereitung der Kinderkonzerte ist ein nicht zu unterschätzender Prozess. So werden in Lehrerfortbildungen die teilnehmenden Lehrkräfte bereits im Vorfeld in die jeweilige Thematik eingeführt, damit diese auch im (Musik-)Unterricht das Interesse der Kinder wecken. Die Tatsache, dass viele Kinder äußerst selten mit (klassischer) Musik in Berührung kommen, weckt eine Erwartungshaltung auf die für sie neuen Lerninhalte. Eine „Vorschau“ auf das Konzert erscheint auch aus dem Blickwinkel sinnvoll, dass die Kinder einzuschätzen lernen, was sie in der Kinderveranstaltung erwartet. Dies lässt die Spannung im Vorfeld steigen. Eine Möglichkeit zur Vorbereitung hat sich in der Bereitstellung von Arbeitsblättern sowie von CD-Aufnahmen bewährt, die einzelne Klangbeispiele und Arbeitsaufträge zusammenfassen und den Lehrkräften zur Unterrichtsgestaltung an die Hand gegeben werden.

Eine der Grundbedingungen, der das Projekt an der HMT Rostock unter­liegt, ist die Musikdarbietung auf möglichst hohem künstlerischen Niveau, denn hier zeigt sich die Expertise der Hochschule. Das jüngste Konzertprojekt beinhaltete eine Instrumentenvorstellung durch die Rostocker Professoren Matthias Kirschnereit (Klavier), Edith Salmen (Vibraphon und Schlagwerk) und Silvio Dalla Torre (Kontrabass). Für die beteiligten Künstler war der instrumentale Vortrag verschiedener Klangmuster, Miniaturen und kleiner Vortragsstücke eine Herausforderung. Unter der Leitung eines Moderators, ebenfalls Mitglied der Hochschule, durften die Kinder im Anschluss Fragen stellen zur Funktionsweise und Spieltechnik, zu Person und Beruf und konnten – wie zu erwarten war – den Künstlern auch einige persönliche Bonmots entlocken. Diejenigen unter den kleinen Besuchern, die mutig waren, schickten sich an, die vorgestellten Instrumente auch selbst auszuprobieren. Den Abschluss des Konzertes bildete die Adaption einer Jazz-Komposition: Frank Protos Sonata „1963“ kam für den gemeainsamen Vortrag gerade recht und zeigte eine stilistische Offenheit und die professionelle Abstimmung der Interpreten. Da konzertante Darbietungen dieser Art ohne größere Bühnengestaltung  und die Einbeziehung aufwändiger Haustechnik umgesetzt werden können, sind sie Universitäten und Hochschulen in besonderer Weise zur Nachahmung empfohlen. Neben der Möglichkeit zur Interaktion innerhalb der Konzerte hat sich die Reflexion als bewährtes Mittel erwiesen, die primären Eindrücke der Kinder einzufangen und für eine Fortentwicklung des (konzert-)pädagogischen Konzepts nutzbar zu machen.

Projektionen von Konzertausschnitten

Eine Maßnahme, die sich als äußerst hilfreich erwiesen hat, ist die Projektion der jeweiligen Handlungsfelder auf eine Großbildleinwand. Diese spezielle Form des „public viewing“ im Konzertsaal ermöglicht es den kleinen Besuchern, den Verlauf des Konzertes weit besser zu verfolgen, als es üblicherweise von jedem Platz aus möglich wäre. Das Bühnengeschehen wird daher in Rostock auf eine Großbildleinwand projiziert, die sich frontal im Bühnenbereich befindet. Gerade für die Kinder auf den hinteren Plätzen im Saal ist es somit möglich, auch den notwendigen Blickkontakt zu halten und bei der Erklärung der Instrumente (spiel-)technische Details zu erkennen. Nach Möglichkeit sollten Aufführungen von mindestens zwei Kameras begleitet werden, um für den Beobachter eine Vielfalt unterschiedlicher Perspektiven vorzubereiten. Aus Kostengründen können aber auch einzelne (Stand-)Bilder einbezogen werden, die die Instrumentenvorstellungen in Form einer Power-point-Präsentation begleiten. Für die Kinder erweist sich die Projektion auf eine Großbildleinwand nicht nur als technische Zugabe, sondern als Notwendigkeit im Umgang mit dem Erlebnis „Konzertsaal“. Geeignete technische Maßnahmen sind durchaus hilfreich, um den Verlauf des Konzertes für alle Besucher  visuell und auditiv noch transparenter zu machen. Die ausgeweitete Bildführung eröffnet die Möglichkeit, unterschiedliche Moderatoren in das Konzert einzubeziehen und den akustischen Beispielen uneingeschränkt folgen zu können, auch wenn die Künstler zur Präsentation nicht die Bühne wählen, sondern zur besseren Demonstration eine andere Position im Saal einnehmen. Potenzielle Disziplinprobleme können auf diese Weise einer zusätzlichen visuellen Anregung minimiert werden, eine Tatsache, die es bei ausverkauften Konzertsälen zu bedenken lohnt.

Nachbereitung und Auswertung

Um die Möglichkeiten aufzuzeigen, die eine zusätzliche Befragung der Kinder als Konzertnachbereitung bereithält, sei an dieser Stelle in Auszügen auf die Ergebnisse einer Evaluationsstudie hingewiesen, die im Anschluss an eines der Kinderkonzerte „Zauber der Musik“ durchgeführt wurde. Alle Kinder wurden nach dem Konzert noch einmal an den Schulen besucht, um deren Erlebnisse und Ansichten per Fragebogen zu ermitteln (N=400). Die Auswertung zeigte den Erfolg des Rostocker Konzepts und bestätigte, dass die zu Grunde gelegten Prämissen aufgegangen waren. Der Altersdurchschnitt unter den Konzertbesuchern lag bei etwa acht Jahren, der Anteil an Mädchen und Jungen hielt sich die Waage. 29 Prozent waren noch niemals vorher in einem Konzert. 89,3 Prozent gaben an, in der Schule gerne zu singen. Obwohl aber nur bei etwa 40 Prozent Musik auch das Lieblingsfach war, fanden über 90 Prozent den Besuch in der HMT so „cool“, dass sie ihn gerne wiederholen würden. 83 Prozent spielten auch in der Schule gerne auf Instrumenten, 86 Prozent möchten dort noch öfter Musik machen. 11,5 Prozent der Kinder äußerten nach dem Konzert sogar den Wunsch, später einmal Musiker oder Musiklehrer zu werden, was sich auf die Begeisterung für bestimmte Instrumente zurückführen ließ.

Interessanterweise waren es gerade die leisen Töne, die die Kinder überzeugten. So schien sich auch in dem Rostocker Konzertprojekt wie an vielen anderen Orten zu bestätigen, dass Musik für Grundschulkinder zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört und dadurch eminent wichtige Erfahrungsräume geöffnet werden, zu denen sie in anderen schulischen Disziplinen weniger Zugang haben. Die Nutzung dieses motivierenden Erfahrungspotenzials, das auf der Begegnung mit verschiedenen Musikgattungen und deren künstlerischer Interpretation basiert, kann in den nachfolgenden (Musik-)Unterrichtsstunden an die Vorbereitung anknüpfen, die Primärerfahrungen ausweiten, um somit eine größtmögliche Nachhaltigkeit zu erzielen.

Perspektiven

Die Kinderkonzerte werden in Rostock eine Fortführung finden sowohl in Verbindung mit den Künstlern der HMT Rostock als auch in Kooperation mit anderen Einrichtungen der Stadt. Geplant ist, auf diesem Wege auch Kindergartenkindern eine erste Begegnung mit (klassischer) Musik zu ermöglichen und damit eine noch größere Breitenwirkung zu erzielen.

Wenn das Interesse, das sich in den faszinierenden Klangmöglichkeiten der Instrumente zeigt, auf die jungen Konzertbesucher übertragen werden kann, wird eine professionelle Arbeit auf Dauer Früchte tragen. In einem der nächsten Konzerte ist zusätzlich die Einbeziehung interkultureller musikalischer Erfahrungen durch entsprechende Instrumente und Interpreten geplant. In diesem Fall geht es explizit darum, kulturelle Werte zu transportieren und zur Stärkung und Pflege humanitärer Potenziale beizutragen. Diese Maxime stellt nicht nur hohe Anforderungen an den Konzertpädagogen, sondern gleichfalls an die ausführenden Künstler. „To be a performing artist in the next century, you have to be an educator, too“, so formulierte Sir Simon Rattle einmal diesen Anspruch. Von der Musikpädagogik ausgehend können konzertpädagogische Projekte in Hochschulkontexten zukünftig noch stärker als es bislang der Fall ist, eine Brücke zu anderen Bereichen der Musikausbildung schlagen. Kinderkonzerte sind damit nicht nur eine Herausforderung an die Musikpädagogik, sondern an alle Sparten der Musikausbildung.

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