Der innere Zusammenhang

Klavierabend mit Sylvia Hewig-Tröscher


(nmz) -
Meisterhafte Kompositionen für Klavier gibt es durch alle Epochen hindurch. Eine raffinierte Auswahl davon bekam das Publikum des Solo-Klavierabends mit Sylvia Hewig-Tröscher in der Konzertreihe des Münchner Tonkünstlerverbandes „musica da camera“ in der Versicherungskammer Bayern zu hören.
Ein Artikel von Kristina Gerhard

Meisterhafte Kompositionen für Klavier gibt es durch alle Epochen hindurch. Eine raffinierte Auswahl davon bekam das Publikum des Solo-Klavierabends mit Sylvia Hewig-Tröscher in der Konzertreihe des Münchner Tonkünstlerverbandes „musica da camera“ in der Versicherungskammer Bayern zu hören.

Auf dem Programm Musik aus vier Epochen Musikgeschichte. Den Bogen von der Barockzeit in die Moderne spannte gleich das erste Werk, das aus zwei Teilen bestand: eine „Air mit Variationen in c-Moll“ von Bach, von der nur ein Fragment überliefert ist, und anschließend dasselbe Stück in der Neufassung von Ruth Zechlin: eine „Studie für Klavier“ aus dem Jahr 1974. Hewig-Tröscher ist eine gute Bach-Interpretin, die die Klarheit und Symmetrie der Musik deutlich und transparent herauszuarbeiten weiß. Ihr ein wenig spröder Habitus tut der Musik gut und verhindert, dass sie zu glatt und eingängig wird. Diese musikalische Haltung passte auch gut zu Zechlins „Studie“, die einerseits die Bachsche Mathematik weiterführt und sie gleichzeitig in die Umgebung von neuen – modernen – Klangwelten stellt – ein reizvoller Kontrast.

Klassisch ging es weiter, allerdings formal mit Reminiszenzen an die Epoche des Barock, mit Mozarts „Präludium (Fantasie) und Fuge in C“, um dann den verspielteren, leichteren Gestus der klassischen Musik weiterzutragen zur „Grande Polonaise“ von Conradin Kreutzer, einem heute weitgehend vergessenen frühromantischen Komponisten. Höhepunkt vor der Pause war sicher das „Tessiner Klavierbuch“ von Karl Höller mit seinen neun Stücken: die stimmungsgewaltige „Impression“, das leicht-spritzige „Scherzoso“, die „Elegie“, die virtuose „Etude“, das nachdenkliche „Notturno“, das „Capriccio“, „Die Glocken von Capriasca“ mit anschwellenden und verhallenden Glockenklänge, dem „Tanz“ und dem nachsinnenden „Epilog“.

Der Programmteil nach der Pause stand ganz im Zeichen der Romantik: zunächst das „Liebeslied“, das mit viel Sentiment romantische Sehnsüchte weckt, und das Virtuosen-Stück „Tanz – Caprice“ von Wilhelm Maria Puchtler. Dann das Finale: der Zyklus „Carnaval“ von Robert Schumann – ein Meisterwerk romantischer Programmmusik. In diesem Reigen der Masken taucht sowohl Schumann selbst auf – aufgespalten in „Florestan“ und „Eusebius“ –, wie auch seine (noch-)Verlobte Ernestine von Fricken – „Estrella“ –, seine zukünftige Ehefrau Clara Wieck – „Chiarina“ –, ferner die Freunde Chopin und Paganini. Die meisten der zwanzig Nummern sind charaktervolle, fröhliche Miniaturen, einge-rahmt vom kurzen, aber furiosen Anfangsteil „Préambule“, endend im Marsch der „Davidsbündler“ (ein u.a. von Schumann gegründeter Künstlerkreis) gegen die „Philister“ – die konservativen Spießbürger, die dem Fortschritt im Weg stehen. „Carnaval“ war für das frühe 19. Jahrhundert ein avantgardistisches Stück Musik, das zu Lebzeiten Schumanns kaum gespielt wurde, weil es als zu anspruchsvoll und schwierig für die Ohren des Publikums galt. Mit seinem gesellschaftskritischen Anspruch gegen die „Philister“ ist das Werk auch heute noch modern, erinnert aber mit den Stücken „Pierrot“, „Arlequin“ und „Pantalone et Columbine“ gleichzeitig an alte italienische Theaterfiguren und vereinigt so gleich mehrere Kunstepochen in sich, was repräsentativ für diesen ganzen, gelungenen Konzertabend steht, der die Zuhörer mit auf eine musikalische Zeitreise nahm – auf künstlerisch hohem Niveau. Begeisterter Applaus für die Künstlerin des Abends Sylvia Hewig-Tröscher!

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