Der Jazz und das Kino: eine Liebesgeschichte

Zur Jazz-Film-Retrospektive im Filmmuseum München


(nmz) -
Im Juni startet in Deutschland ein schönes Biopic über Chet Baker mit Ethan Hawke in der Rolle des enigmatischen Jazztrompeters: „Born To Be Blue“. Im Filmmuseum München hat man das zum Anlass genommen, im Juli eine große „Jazz im Film“-Reihe zu zeigen. Das Programm reicht von den frühen „Soundies“ bis zu Clint Eastwoods „Bird“.
Ein Artikel von Viktor Rotthaler

Schon der allererste Tonfilm trug 1927 den Jazz im Titel: „The Jazz Singer“. Wobei der Titel aus heutiger Sicht komplett in die Irre führt. Mit „Jazz“ hatte der Film nun gar nichts zu tun, sondern mit dem Gegensatz von geistlicher und weltlicher Musik. Aber bald darauf sollten die ersten Synkopenklänge im Kino ertönen, in frühen Musicals wie „The King of Jazz“ (Paul Whiteman dirigiert darin Gershwins „Rhapsody in Blue“) oder Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“ mit den Weintraub Syncopators. Und vor allem in den kurzen „Soundies“ mit Bessie Smith („St. Louis Blues“), ­Louis Armstrong („A Rhapsody in Black and Blue“) oder Cab Calloway („Minnie the Moocher“).

Meistens waren Jazznummern nur Zutaten zu Musicals oder Film Noirs. Zu den Höhepunkten des Jazz-Films der Vierzigerjahre gehört der großartig in Szene gesetzte Kurzfilm „Jammin’ the Blues“ mit Lester Young. In dem Melodram „New Orleans“ dagegen tauchen Billie Holiday und Louis Armstrong nur am Rande auf. Billie Holiday klimpert als Dienstmädchen ein bisschen auf dem Klavier herum und fängt dann zufällig auch zu singen an. Satchmo ist zur selben Zeit auch in Howard Hawks’ „A Song Is Born“ dabei. Ein Danny-Kaye-Vehikel, das wie eine knallbunte Jukebox funktioniert und in dem Benny Goodman oder Lionel Hampton ihre großen Hits anstimmen.

In den frühen Fifties begannen Filmkomponisten wie Alex North oder Elmer Bernstein, mit „Jazz“ hitzig die „Halbwelt“ zu orchestrieren. Gleichzeitig entstanden die ersten großen Biopics über Jazzmusiker. Herausragend: „Young Man with a Horn“, die Bix-Beiderbecke-Story mit Lauren Bacall und Doris Day an der Seite von Kirk Douglas, der im Film von Harry James gedubbed wird. Ein wunderbares Melodram von „Casablanca“-Regisseur Michael Curtiz, das zum bes­ten des Genres gehört.

Ende der 50er-Jahre kam schließlich auch die erste abendfüllende Dokumentation ins Kino: Bert Sterns „Jazz on a Summer’s Day“ über das Newport-Festival 1958. Wie schrieb darüber Martin Woltersdorf so schön: „Da hüpft der Saxophonist Jimmy Giuffre wie eine Sprungfeder auf und ab, neben sich die Stoiker Jim Hall und Bob Brookmeyer, die Kamera schweift über die in der Sonne glitzernde Oberfläche des Meeres, Segelboote im Visier. Die Hektik der Töne kontrastiert mit der Ruhe und Weite des Wassers, die Kühle des Jazz mit der flirrenden Hitze. Perfekt.“

Als 1959 der „Newport“-Film im Kino lief, hatte in Europa gerade die fiebrige Liaison des Jazz mit dem Kino angefangen. Es war Miles Davis, der im September 1957 in einem Pariser Studio vor der Leinwand den Soundtrack zum Debütfilm von Louis Malle eingespielt hat: „Fahrstuhl zum Schafott“.

A perfect match: Jeanne Moreaus einlullende Off-Stimme und Miles Davis’ coole Musik verlieren sich in der Dunkelheit der Pariser Nacht. Plötzlich war Jazz im französischen Kino en vogue. Amerikanische Musiker wie Art Blakey, Stan Getz, Thelonious Monk, Lee Morgan oder John Lewis gaben sich Ende der 50er-Jahre in den Pariser Filmstudios die Klinke in die Hand.

Mit Martial Solals Musik zu Jean-Luc Godards „Außer Atem“ erreichte die Entwicklung 1959, am Anfang der Nouvelle Vague ihren ersten Höhepunkt. Martin Ritts „Paris Blues“ mit Paul Newman und Sidney Poitier kann man da eher als Fußnote sehen, trotz eines Scores von Duke Ellington, der gerade Otto Premingers „Anatomy of a Murder“ veredelt hatte, und eines Gastauftritts von Louis Armstrong.

In das Paris von 1959 ist dann Bertrand Tavernier 1986 mit „Round Midnight“ noch einmal zurückgekehrt. Dale Turner (Dexter Gordon) ist im „Blue Note“ eingetroffen, das große Idol von Francis, Taverniers Alter Ego. Jede Nacht hockt Francis vor der Kellerluke des Clubs und lauscht den Klängen des Tenorsaxophonisten. Dale Turner und „Lady Francis“, wie ihn Gordon liebevoll nennt, das ist ein besonderes Liebespaar des Kinos: ihre Liebe geht durch die Ohren.

Mehr noch als Dexter Gordons wunderbares Saxophonspiel bleibt hier freilich die dunkle melancholische Stimme dieses Amerikaners in Paris hängen. In seiner Stimme klingt die Sehnsucht nach seiner amerikanischen Heimat durch. Am Ende stirbt Dale und Francis bleiben nur die alten Filmstreifen, die er sich immer und immer wieder ansieht.

Einige seiner besten Platten hat Dexter Gordon Anfang der 60er-Jahre für das legendäre Blue-Note-Label eingespielt. Ende der 90er-Jahre hat Julian Benedikt dem Jazzplattenlabel einen eigenen Film gewidmet, den man zusammen mit „Round Midnight“ oder „Thelonious Monk: Straight No Chaser“ sehen sollte. Weitere Höhepunkte: Bruce Webers Chet-Baker-Dokumentation „Let’s Get Lost“, Clint Eastwoods Biopic über Charlie „Bird“ Parker, Woody Allens Django-Reinhardt-Hommage „Sweet and Lowdown“ oder „Miles Ahead“. Wer will, kann auch noch Abschied nehmen vom gerade verstorbenen Fassbinder- und Scorsese-Kameramann Michael Ballhaus, denn in den „Fabulous Baker Boys“ hat er mit seiner Kamera die Jazzchanteuse Michelle Pfeiffer liebkost. Natürlich mit seinem berühmten Ballhaus-Kreisel.

Alle Filme und Termine
www.muenchner-stadtmuseum.de/film

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