Die digitale Revolution und ihr virtuelles Orchester

Von der Klangdatenbank conTimbre sollen kreative kompositorische Impulse ausgehen


(nmz) -
Erlebt die Musik von heute gerade eine umfassende „digitale Revolution“? Ein jüngst erschienenes Buch von Harry Lehmann behauptet dies (H. Lehmann: Die digitale Revolution der Musik. Eine Musikphilosophie, Schott, Mainz: 2012). Als wesentlichen Anhaltspunkt seiner Thesen dient dem Berliner Philosophen und Physiker die Überzeugung, dass künftig auch die ungewöhnlichsten Klänge der Neuen Musik mittels Klangdatenbanken reproduzierbar sein werden. Zumindest dieser Teil der Zukunft hat, so kann man konstatieren, schon unmittelbar nach Drucklegung des Buches zur „digitalen Revolution“ begonnen. Denn Thomas Hummel, Komponist, Informatiker und seit langem einer der kreativen Köpfe im Freiburger Experimentalstudio des SWR, hat in sechsjähriger Entwicklungsarbeit mit Hilfe von 30 hochqualifizierten Musikerinnen und Musikern eine „conTimbre“ genannte Klangdatenbank mit Spieltechniken der Neuen Musik geschaffen, die alles bis dahin in diesem Bereich Verfügbare in den Schatten stellt.
Ein Artikel von Jörn Peter Hiekel

In der Anfangsversion umfasst das als „virtuelles Orchester der Neuen Musik“ bezeichnete Produkt, das konsequent zweisprachig (deutsch-englisch) gehalten ist und an jedem neueren Macintosh-Computer verwendet werden kann, mehr als 86.000 Klänge und mehr als 4.000 Spieltechniken, basierend auf der stattlichen Palette von zirka 150 Instrumenten. Es versteht sich als Impulsgeber für kreative Arbeit und zugleich für die Hochschulausbildung oder das Selbststudium.

Wie klingt ein Streichinstrument, wenn man es hinter dem Steg spielt? Welche Klangeffekte gibt es, wenn man bei Blasinstrumenten die Klappengeräusche nicht unterdrückt, sondern nutzbar machen möchte? Und welche Raffinessen halten die unterschiedlichsten Schlaginstrumente parat? Um Fragen wie diese beantworten zu können, kann sich jeder Komponist mit Interpreten treffen oder das Spielen der Instrumente selber lernen. Doch einen erheblichen Teil der Arbeit kann man heute, so die Grundidee des Ganzen, auch im Rückgriff auf eine Klangdatenbank erledigen. Und man kann die ungewöhnlichsten Spieltechniken auf solchem digitalen Wege auch bereits zum Klingen bringen, lange bevor der Probenprozess mit Musikern das Notierte zu einem Gesamtgefüge verbindet.
Schon die bisher geläufigen Klang-Bibliotheken – die größte von ihnen mit 1,2 Millionen Samples ist die Vienna Symphonic Library – waren manchmal verblüffend nah am CD-Klang. Aber sie konzentrierten sich, das war ein echtes Defizit, weithin auf traditionell übliche Klänge. Sie hörten also da auf, wo etwa Helmut Lachenmanns viel diskutierte und immer mehr zum Allgemeingut werdende „musique concrete instrumentale“ anfängt. Thomas Hummel hat mit der Hilfe seiner Interpreten einen Fundus erstellt, der in schier atemberaubender Weise gerade den immensen Möglichkeiten der Neuen Musik gerecht wird. Ein Massenprodukt wird (und will) sie zumindest vorerst wohl kaum werden. Aber sie ist eine längst überfällige Hilfe zur Verbreit(er)ung des klanglich Möglichen und dürfte für all jene, die mit der ganzen Vielfalt der mit Orchesterinstrumenten realisierbaren Klänge umgehen wollen, eine substanzielle Hilfestellung sein.

Schon bei der Vorstellung dieses Projekts am Rande der jüngsten Donaueschinger Musiktage wurde klar, dass diese einige hundert Euro kostende Klang-Sammlung keineswegs bloß auf Instrumentalisten zielt, denen man im Musikschul- oder Hochschulunterricht die neuesten Spieltechniken vorenthält, weil ihre Lehrer diese selber nicht beherrschen und sich eine konservative Instrumentalausbildung mit seltsamer Beharrlichkeit immer weiter fortschreibt.

Wichtigste Klientel dieses „virtuellen Orchesters“ dürften Komponisten oder Sounddesigner sein. Exzellent erscheint die Verwendbarkeit besonders im Hochschulfach Instrumentation – keines der bislang gängigen Handbücher zu diesem Bereich kommt an die Differenzierungsvielfalt von conTimbre heran. Die Darstellungen, die unter der etwas nüchtern gehaltenen Überschrift „conTimbre lernen“ aufzufinden sind, sind dabei von recht großer Anschaulichkeit. Sie zeigen Fotos der Instrumente, punktuell hätte man sich allerdings noch mehr Abbildungen von den konkreten Realisierungen ungewöhnlicher Klänge wünschen können.

Doch zielt ein Projekt wie dieses wohl kaum bloß auf die Verbesserung von Ausbildungsmöglichkeiten: Es will – und das ist ein bewusst hoher Anspruch – den kreativen Prozess des Komponierens begleiten und ausdifferenzieren. Hilfreich ist conTimbre wohl insbesondere für Komponistinnen und Komponisten, die mit der Software Pro Tools (die auch im Filmmusikbereich gängig ist) und möglichst zudem mit Max/MSP vertraut sind. Die können nun, unabhängig von ästhetischen Vorgaben der Musikindustrie, ihre Klangvorstellungen anhand einer immensen Klangbibliothek schulen. Fördert das ihre Kreativität oder lähmt es sie? Wer dieses „virtuelle Orchester“ nicht bloß als Effekt-Zauberkasten missversteht, wird von ihm und seinen Klängen mit maximalem Echtheitsgrad gewiss eher beflügelt werden – und kann sich vielleicht vermehrt auch auf andere Dimensionen des Komponierens konzentrieren.

Was aber heißt es für die Ästhetik der Neuen Musik, wenn mit Hilfe einer Klang-Datenbank wie dieser auch die ungewöhnlichsten Klänge vollends verfügbar und damit zum Repertoire werden? Im Kern, so wird auch beim Blick auf das erwähnte Buch zur „digitalen Revolution“ deutlich, geht es bei vielen Diskussionen zur Neuen Musik immer noch um deren Gestus der Überschreitung des bislang Möglichen. Dahinter mag beim Umgang mit Klängen die Frage stehen, inwieweit dieser sogar eine „subversive“ Dimension besitzen kann. An dieser Stelle der Diskussion lauert allerdings die Gefahr, dass man die Diskussion auf die längst in die Jahre gekommene Frage nach dem unbedingt Neuen in der Neuen Musik verengt.

Der Bezug zu Lehmanns interessantem, wenn auch nicht unumstrittenem Buch ist für die Einordnung dieser neuen Klang-Datenbank hilfreich. Lehmann weist in seinen Darlegungen bereits ausdrücklich auf Hummels exemplarisches Projekt hin. Und conTimbre rekurriert nun seinerseits auf den von Lehmann vorgeschlagenen Begriff des ePlayers. Dieser steht für das Bewusstsein, dass die Samples eine zentrale Aufgabe in der Realisierung von Partituren haben. Und gemeinsam mit einem (nicht mitgelieferten) Keyboard kann diese Datenbank sogar zum Mitspieler in Konzerten werden: entweder als fest vorgesehener Bestandteil – oder aber, indem conTimbre den Part von gerade nicht verfügbaren Musikern übernimmt. So kann diese „virtuelle Orchester“ womöglich sogar, wenn Einzelne ihren Part nicht selber meistern, als Retter von Uraufführungen fungieren …

Ein wesentlicher Teilaspekt dieser Datenbank, der mit solchen Überlegungen unmittelbar zu tun hat, ist die Verknüpfbarkeit mit gängigen Notenschreibprogrammen wie Finale oder vor allem Sibelius. Hier sind, wie ausführliche Erprobungen im technisch hochgerüsteten Elektronischen Studio der Dresdner Hochschule für Musik zeigen, in der Tat Dinge möglich, die wohl zuvor keine andere Datenbank hinbekommen hätte. Als Glanzstück von conTimbre erweisen sich die Multiphonics der Bläser, bei denen zum Teil die Versionen unterschiedlicher Interpreten miteinander verglichen werden können, aber auch die durch einen speziellen Akkordmodus mögliche direkte Vergegenwärtigung von Klängen.

Der Aufwand ist für all jene, die mit diesem „virtuellen Orchester“ komponieren wollen, gewiss nicht gering. Dies gilt namentlich für die Notwendigkeit, im Noteneditor die Spielanweisungen alle manuell Stück für Stück den Klängen in conTimbre zuzuweisen, was vor allem für das Komponieren großformatiger Werke einen Zeitfaktor darstellen dürfte. Nennenswerte Erleichterungen dieser aufwendigen Arbeit hat Hummel nicht mitgeliefert. Denkbar wären hier vordefinierte Verbindungen von Notationen mit den entsprechenden Samples gewesen. Doch gab es eine (verständliche) Scheu vor ästhetischen Vorprägungen. Praktikabiltät und ästhetische Offenheit sind, wie sich an Punkten wie diesen zeigt, nicht immer leicht miteinander vereinbar. Und zum Alltag des Komponierens gehört eben auch die enorme Vielfalt an Notationen. Trotzdem wäre hier zumindest mittelfristig ein Nachrüsten erwartbar – bis zum Ziel einer Handhabbarkeit, die das Komponieren anhand von conTimbre zur Selbstverständlichkeit macht, ist wohl noch ein Stück Wegstrecke zu absolvieren. Ausdrücklich lädt Thomas Hummel alle Benutzer zum kritischen Feedback ein, Updates liefert er ohnehin regelmäßig. Zudem kann man auf Unterstützung durch die Nutzer hoffen, sofern diese ihre vordefinierten Arbeitsumgebungen veröffentlichen.

Noch ein weiterer Kontext ist für die Auseinandersetzung mit conTimbre und den Perspektiven dieses Produkts bedenkenswert: In den letzten Jahren ist das Phänomen Klang in einem deutlich gewachsenen Maße in den Brennpunkt wissenschaftlichen Interesses gerückt, und zwar nicht allein von den musikalischen Disziplinen ausgehend, sondern ebenso von den Geschichts-, Medien- und Kulturwissenschaften im Zeichen eines acoustic turn. Welche Wirksamkeit Klänge entfalten, wird sich in der Regel erst anhand ihrer Einbindung in umfassendere Konzeptionen erschließen.

Und doch nährt diese neue Klangdatenbank mit all ihren Verknüpfungsmöglichkeiten und Potenzialen die Hoffnung, dass in absehbarer Zeit im Reden über die klanglichen Dimensionen der Neuen Musik jenseits vieler gängiger Klischees ein neues Maß an Differenzierung erreicht werden kann – und damit letztlich auch in diesem Bereich ein erheblicher Qualitätssprung.

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