Die eigenen Urteile auf den Prüfstand stellen

Studierende als Jurorinnen und Juroren – Erfahrungen


(nmz) -
In vielen Regional- und Landeswettbewerben „Jugend musiziert“ wirken Studierende als Jurorinnen und Juroren mit. Wie bereichernd diese Erfahrungen sind und welchen Effekt auf die Popularität des Wettbewerbs die Mitarbeit hat, zeigt das Beispiel im niedersächsischen Landeswettbewerb, wo das Modell der Junior-Jury ihr fünfjähriges Jubiläum feiert.
Ein Artikel von N.N.

Er gehört vermutlich zu den sensibelsten Momenten im Wettbewerb: Der Augenblick, in dem man im Wertungsraum die Bühne betritt, um im Angesicht einer Jury das monatelang Geübte in bestmöglicher Form zu präsentieren. Die einen erwarten den Moment mit mulmigem Gefühl, die anderen sehnen ihn herbei, manch einem gelingt das Musikstück im heimischen Wohnzimmer jedes Mal besser als auf dieser Bühne in fremder, vergleichsweise strenger Umgebung. Wieder andere laufen hier erst zur Hochform auf. Dem Aufruf zu „Jugend musiziert“ folgen Jahr für Jahr nicht nur zehntausende von Kindern und Jugendlichen, grob geschätzt werden jährlich etwa 7.000 Personen für die Mitarbeit in einem der 160 Regionalwettbewerbe, der 16 Landeswettbewerbe oder dem Bundeswettbewerb in das Ehrenamt als Jurymitglied berufen.

Der Personenkreis aus den Bereichen Musikhochschule, Musikschule, Orchester, Schulmusik oder der freien Musikszene besteht aus Profis und da „Jugend musiziert“ auch diejenigen als Profi bezeichnet, die in einer musikalischen Vollausbildung stehen, gehören dazu im Prinzip auch Studierende der genannten Bereiche.

In vielen Fällen folgen vor allem diejenigen Musikprofis der Einladung, eine Jurytätigkeit zu übernehmen, die als Jugendliche selbst an „Jugend musiziert“ teilgenommen hatten und sich gerne und gut an diese Zeit erinnern. Ein gelungenes Wertungsspiel, eine positive Bewertung durch die Jury und ein konstruktives Gespräch auf Augenhöhe in der anschließenden Teilnehmerberatung waren und sind für viele immer wieder der entscheidende Impuls, die Musik in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen und ein Musikstudium zu beginnen.

Wer nun denkt, dass die Arbeit in einem Jurygremium abgeklärt oder routiniert ablaufe, der hat die Emotionen noch nicht erlebt, mit der Jurymitglieder hinter den Kulissen und in den Wertungspausen über die Leistungen der Teilnehmerinnen sprechen. Da ist Begeisterung über virtuos musizierte Stücke zu erleben, tiefe Bewunderung für eine Ensembleleistung, Anerkennung über das Wagnis, sich weltbekannten Stücken zu widmen und sich dem Vergleich mit hunderten von CD-Einspielungen auszusetzen – und manchmal die leise Melancholie der „alten Hasen“, wie schön es wäre, noch einmal so frisch und mutig an Werke heranzugehen, wie das nur die Jungen vermögen.

Das Modell Junior-Juror

Einen Brückenschlag zwischen Jung und Alt praktizieren seit einigen Jahren viele Landeswettbewerbe, indem sie die Jurygremien bewusst mit Studierenden des Fachs Musik besetzen. Die Sache wird nicht groß bekannt gemacht, nur durch Augenschein und vor Ort im Wertungsraum wird dann deutlich, dass dort Jurymitglieder bewerten, die dasselbe Alter haben oder kaum älter sind als die „Prüflinge“ auf der Bühne.

Im Landeswettbewerb Niedersachsen feiert die generationenübergreifende Jury inzwischen ihr fünftes Jubiläum. Man hat mit dem „Junior-Juror“, wie die jüngsten Jurymitglieder hier heißen, beste Erfahrungen gemacht. Ulrich Bernert, der Vorsitzende des Landesausschusses „Jugend musiziert“ Niedersachsen bilanziert: „Mit einer guten Portion Selbstbewusstsein haben  sich alle Junior-Juroren außerordentlich kompetent an den Wertungen und den Beratungsgesprächen beteiligt. Man kann alle Beteiligten für zukünftige Mitarbeit als „normale“ Jurorinnen und Juroren sehr empfehlen.“

Ulrich Bernert ist die Idee, junge Kolleginnen und Kollegen mit der Juryarbeit vertraut zu machen und sie für „Jugend musiziert“ zu interessieren, von Anbeginn systematisch angegangen, indem er, in enger Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater und Medien Hannover, eine Ausschreibung formuliert hat, die Dr. Andrea Welte, Professorin für Musikpädagogik, zielgruppengerecht streut: „Wir schreiben die Möglichkeit, als Junior-Juror/-in mitzuwirken, hochschulintern im Rahmen der Studiengänge Künstlerisch-pädagogische Ausbildung (Master und Bachelor) sowie Master of education (Lehramt) aus. Die Master-Studierenden bewerben sich selbstständig. Bewerbungen von Bachelor-Studierenden bedürfen einer besonderen Empfehlung der jeweiligen Fachdidaktik-Lehrkraft.“ Und sie ergänzt: „Bewerberinnen und Bewerber sollten mitbringen: Interesse an der Arbeit des Wettbewerbs; eigene Erfahrung im Erteilen von Instrumental- oder Gesangsunterricht; eigene Wettbewerbserfahrung bei ,Jugend musiziert‘ oder ähnlichen Jugendwettbewerben; die Fähigkeit zur realistischen Einschätzung von musikalischen Leistungen Jugendlicher.“

Benjamin Weis, Cellist und bereits als Musikpädagoge tätig, hat als Jugendlicher drei Mal bei „Jugend musiziert“ mitgemacht und ist von allen Junior-Juroren 2019 gewissermaßen der Senior. Er lobt den Wettbewerb „Jugend musiziert“ nicht uneingeschränkt: Der ihm bis dahin unbekannte Konkurrenzdruck im Wettbewerb, die unangenehme Situation auf der Bühne des Wettbewerbsraums sind ihm noch in lebhafter Erinnerung: „Als Teilnehmer dachte ich früher immer, dass die Juroren böse sein müssen, dass sie mich so schlecht bewerten oder dass sie mich fertig machen wollen. Jetzt weiß ich, dass es bei der Jurorenarbeit sehr menschlich zugeht. Mir ist aber inzwischen deutlich geworden, dass niemand musikalische Leistungen objektiv beurteilen kann.“

(Vor-)Urteile überprüfen

Luisa Piewak, die als Kind nur einmal auf Regionalebene bei „Jugend musiziert“ mitgemacht hatte, derzeit Querflöte studiert, und Nils Schäfer, der dreimaliger Bundespreisträger im Fach Klavier ist, wirkten das erste Mal in der Jury mit. Er studiert Klavier und bilanziert: „Die Teilnahme als Junior-Juror war für mich ein Anstoß, mir noch genauer über eigene Bewertungsansätze und deren Gewichtung Gedanken zu machen. Ich überprüfte immer wieder innerlich, wo eher objektive Kriterien enden und die eher subjektiven beginnen.“ Die Flötistin ergänzt: „Neu war für mich, dass bei ,Jugend musiziert‘ auch immer die einzelnen Ensembles in einer Altersgruppe miteinander verglichen werden. Am Ende eines Wertungsblockes sind wir in der Jury immer noch einmal alle Wertungsergebnisse durchgegangen und überprüften, ob die Punkte ausgeglichen sind.“

Man spürt, dass der Seitenwechsel vom Teilnehmer zum Juror durchaus von inneren Kämpfen begleitet wird. Im Laufe der Teilnahmen an „Jugend musiziert“ entsteht in den Köpfen der Jugendlichen naturgemäß eine Vorstellung davon, wie der Wettbewerb eben so ist und wie der Hase läuft. Diese (Vor-)Urteile müssen nun plötzlich auf den Prüfstand gestellt oder revidiert werden, denn neue Einblicke erzeugen eine neue Bewertung. Das gilt auch für den Umgang der „Junioren“ mit den erfahrenen Jurymitgliedern.
„Formal ist ein Junior-Juror absolut gleichberechtigt gegenüber den übrigen Juroren“, sagt Benjamin Weis, „aber als Junior-Juror war ich etwas schüchtern. Die Begegnung mit den ,alten Hasen‘ war immer auf Augenhöhe. Dies habe ich als sehr wertschätzend empfunden.“ Das Gefühl von wertschätzendem Austausch und gleichberechtigter Mitwirkung äußern auch die übrigen Junior-Juroren. Gesa Behrens, die gerade ihren Master of Music beendet hat und nun als Klavierpädagogin und Pianistin arbeitet, geht noch einen Schritt weiter, indem sie sicher ist, dass alle, die „Alten“ und die „Jungen“, voneinander profitieren. „Die ,alten Hasen‘ haben sehr viel Erfahrung, die sie an uns weitergeben können. Auf der anderen Seite sind wir altersmäßig näher an den Teilnehmer/-innen dran und können uns somit vielleicht besser in ihre Lage versetzen.“ Und wer ein bisschen länger brauchte, um sich in die neue Rolle einzufinden, dem wurde auch zugestanden, zunächst zuzuhören und nicht sofort Urteile abzugeben, wie Luisa Piewak dankbar anmerkt.

Lehrende von morgen

Das wirft nun doch nochmal die Frage an Andrea Welte auf, inwieweit die Studierenden, die sich für die Arbeit als Junior-Juror bewerben, auf diese Aufgabe auch vorbereitet sind oder ob sie eine spezielle Unterweisung erfahren. Sie verneint und verweist auf die optimale Vorbereitung durch das Studium und deren vielfältige Praxiserfahrungen selbst: „Das künstlerisch-pädagogische Studium und nicht zuletzt die musikpädagogischen und instrumentaldidaktischen Seminare sind eine hervorragende Hinführung auf die Tätigkeit in der Jury. Zu den Themen, die an der Hochschule regelmäßig behandelt werden, gehören: Begabung, Begabtenförderung, lern- und entwicklungspsychologische Aspekte, Kriterien für die Beurteilung künstlerischer Leistungen, Interpretation und Improvisation, Aufführungspraxis, Literaturkunde, Feedback geben und nehmen, Kommunikation, Lampenfieber. Eine individuelle Vorbereitung erfolgt zudem bedarfsgerecht in den jeweiligen Seminaren im Bereich der Didaktik des instrumentalen Hauptfachs.“ Und in einigen Fällen schlagen sich die Erlebnisse und Erfahrungen mit der Juryarbeit auch in Seminararbeiten nieder.

Fünf Jahre nach dem ersten Versuch steht das Projekt Junior-Juror in Niedersachsen auf festeren Fundamenten als zuvor. Organisatoren und Mitwirkende sind ausnahmslos begeistert, alle, die ihre Jurorenlaufbahn bei „Jugend musiziert“ als Junior begonnen haben, wollen sie gerne fortsetzen. Ulrich Bernert berichtet von jährlich steigenden Bewerberzahlen und setzt viele Nachwuchsjurorinnen und -juroren nach ihrem ersten Jahr anschließend als „reguläre“ Jurymitglieder ein. Nützlich sind dem Jurynachwuchs nicht nur die Erfahrung in der Gremienarbeit, sondern auch die Kontakte, die geknüpft werden und so das eigene berufliche Netzwerk erweitern. Und Andrea Welte resümiert: „Eine Innenperspektive und Jury-Erfahrung sind enorm wertvoll, denn unsere Studierenden sind die Lehrenden von morgen, die ihre Schülerinnen und Schüler für ,Jugend musiziert‘ begeistern.“ 

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