Die Provinz lebt, wenn sie schöne Nebenwege hat

20 Jahre Opening Festival Trier


(nmz) -
Trier ist anders. Wer von außen kommt, spürt das. Vorausgesetzt, er oder sie hat Distanz zu den Metropolen, die ihre Settings gern als Standards besprechen: So macht man das! – Was aber macht man, wenn man wie die beiden Opening-Kuratoren Bernd Bleffert und Thomas Rath nichts von dem in der Hand hat, worüber normale Veranstalter verfügen?
Ein Artikel von Georg Beck

Als da wären die Kommandogewalt über einen Festivaletat, der den Namen verdient, wenigstens eine radiophon streuende Großinstitution im Rücken, den einen und anderen Musikhochschul- oder Akademieprofessor zur Seite, der seine Schüler ins Programm hievt. Nichts von dem passiert in Trier. Der Ton ist leiser, die Farben sind gedämpfter, die Aktionen gemischter. TUFA Trier und Stadt ­Trier, die sich die Veranstalter-Rolle teilen, müssen es stemmen. Zum runden Jubiläum gab es Unterstützung aus der Landeshauptstadt in Gestalt des Ministers Konrad Wolf. Eine Fernbeziehung, die sicherlich noch Ausbaupotenzial hat.

Was die künstlerische Leitung angeht, ist klar: ein Opening-Kurator muss imstande sein, die Not als Tugend zu lesen, wobei Thomas Rath und Bernd Bleffert das Less is More-Prinzip bereits aus ihrer Zeit im Ensemble Tonwerke Trier vertraut ist. Von dort, der Assemblage Kunst/Musik/Öffentlicher Raum, zur Klangkunst, zu einem sich darum rankenden Festival, ist es ein logischer Weg, der jetzt in einer 20. Ausgabe mündete, zum neunten Mal unter der Kuratierung Bleffert/Rath. Was genau daran „anders“ ist? Gegenfrage: Wo gibt es ein Festival, das so entschieden mit der Stille arbeitet, aus der Stille wächst, Stille zu installieren versteht? – Was auch zur Jubiläumsausgabe gleich in Open-Expo passierte, der eröffnenden Klangkunstausstellung, die von den Opening-Gründern Katharina Bihler und Stefan Scheib gestaltet wurde. 

Bihler/Scheib kommen aus Saarbrücken, was ja noch ein wenig mehr am Rand liegt als Trier. Abgelegen eben. Wie das Gelände, das das Duo bestellt. Akustisch-optische Steillagen, könnte man sagen. Solche wie sie die Weinwirtschaft zur Genüge kennt an Ruwer und Mosel. Katharina Bihler und Stefan Scheib kultivieren und keltern auch, bieten sogar Verkostungen an. Bei Opening 20 gleich drei Mal. Für Open-Expo haben sie „Wer spricht?“ aufgebaut, sublime „Hörinstallationen“, die beim Behören leichte Verunsicherung hervorrufen. Man nimmt Platz, zieht Kopfhörer auf und schon nähern sich Schritte, man dreht sich um – niemand da. Unheimlich!

Im Festivalhauptprogramm zwei weitere Parcours. In „Zahlenspiele“ durfte das Publikum rechnen während Bihler/Scheib sich Zahlen an den Kopf warfen, Metronomfugen, Fibonacci-Harmonien exekutieren, sonderbare Tonerzeuger präsentieren. „Gras Wachsen Hören“ hatte als „Konzertperformance für jung und alt“ noch mehr den Schalk im Nacken. Es gab neueste Nachrichten aus dem „biolingua Institut“, das „pflanzlich-menschliche Beziehungsgeflechte“ erforscht. Beim Aufbau der Performance kam die erheiternde Nachricht, dass ein SWR-Journalist das „Institut2 im Internet nicht finden könne… Der Ges­tus unaufdringlicher Heiterkeit ist Opening überhaupt eingeschrieben. Im konzertierenden Teil dieses Festivals auf der Grenze von notierter, improvisierter, installativer Musik musizierte zum zweiten Mal das JugendEnsembleNeueMusik Rheinland Pfalz/Saar. Am Ende wurde der langjährige künstlerische Leiter Walter Reiter in den Ruhestand verabschiedet. Dem Ensemble ist zu wünschen, dass es Glück bei der Neubesetzung hat. Es gibt viel zu tun, viel zu lernen! Im nächsten Jahr sollte man mit neuer Lust, neuer Liebe, neuem Programm wieder dabei sein!

Zu den Opening-Stammgästen zählen Gerhard Stäbler, Kunsu Shim, Antoine Beuger. Letzterer ist ein Spezialist für Traumlandschaften. „KITAN“ nannte sich das von Joep Dorren (Schauspiel), Els van Riel (Licht, Video) und dem Gagaku-Ensemble Chitose Trio ausgeführte Musik/Tanz/Theaterprojekt über eine imaginäre Reise. Mit „Zwei Halbmonde“, einem Performancekonzert aus dem Geist von Dada und Fluxus inspirierten Stäbler/Shim ein deutsch-koreanisches Ensemble. Integriert waren auch klassische Teile wie Stäblers irrwitzig schwieriges Cello-Solostück „Krus­ten“, das in Katharina Gross eine wahrhaft großartige Meisterin fand. Nicht weniger exzellent die Auftritte des Baritons Martin Lindsay und der Musik-Fabrikler Hannah Weirich, Carl Rosman, Ulrich Löffler. Das Quartett präsentierte einen Kagel-Abend – mehr als Liebeserklärung denn Persiflage. War neu und heiter.

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