Dreißig Personen brauchen keinen Dirigenten

Chöre in Bewegung: Eindrücke vom Festival Chor@Berlin


(nmz) -
Das diesjährige Festival Chor@Berlin eröffnete mit zwei sehr unterschiedlichen Produktionen, die nicht nur musikalisch, sondern auch in choreografischer Hinsicht beeindruckten Klirrend kalt ist es im späten Februar dieses Jahres, als in Berlin das alljährliche Chorfestival Chor@berlin beginnt. Dick verhüllt in Schals, Daunenjacken und gefüttertes Schuhwerk strebt das gesangsaffine Publikum eilig dem Radialsystem zu, in dessen schlauchförmig engem Foyer es einem allerdings schnell warm wird. Wie eine Schafherde im Schneesturm wärmen sich die Menschen gegenseitig.
Ein Artikel von Milena Zielke

Als drinnen im Saal die Eröffnungsveranstaltung beginnt, wirken die nackten Beine der beiden „Onair“-Sängerinnen – die Männer der sechsköpfigen Berliner Formation dürfen Hosen tragen – dann merkwürdig aus der Jahreszeit gefallen. Vielleicht auch aus dem Kontext. Das A-cappella-Pop-Ensemble Onair gibt den Einheizer für die eigentlichen Stargäste des Abends, den slowenischen Chor „Jazzile“, ein dreißigköpfiges Ensemble, das die Berliner nach Deutschland geholt haben, um zwei gemeinsame Konzerte zu absolvieren. Jazzile sind eine Formation, wie man sie hierzulande nicht allzu oft sieht und hört. Sie kommen ganz ohne Dirigent aus, beschäftigen dafür eine vokale Rhythmusmaschine: zwei Männer, sich dezent im Hintergrund haltend, beatboxen sich wacker durch das gesamte Programm, während ihre 28 Kolleginnen und Kollegen sich durch ein hübsches buntes Repertoire von Pop-, Swing- und verpopswingten Volksmusiknummern singen und ges­tikulieren. Denn zum Jazzile-Auftritt gehört nicht zuletzt eine ausgefeilte Choreografie. Ohne ihren Platz zu verlassen – und fast ohne jemals auch nur einen Fuß vom Boden zu heben –, nutzen die Sängerinnen und Sänger den Rest des Körpers weidlich zur expressiven Ausgestaltung ihrer musikalischen Performance. Da wird gewedelt, gerudert, gewinkt und gewackelt, dass es eine reine Freude ist, mal in kompletter Chorusline, dann in ausgefeilter Gruppenchoreografie.

Dabei wirken sie, als hätten sie wirklich viel Spaß an dem, was sie da tun, und auch musikalisch ist die Darbietung mitreißend. Irritierend allerdings, dass irgendjemand die Tontechniker gebeten haben muss, die Bässe ungefähr auf Rockkonzertniveau einzupegeln. (Der Abend wird nämlich komplett – außer einer einzigen Nummer von Onair – elektronisch verstärkt gesungen.) Der Gesamtklang leidet darunter enorm, und es ist ein merkwürdiges Gefühl, das ganze Konzert quasi mit dem Hintern mitzuerleben, weil die Sitzfläche des Stuhls permanent im Rhythmus der Bassbeats vibriert. Daher ist einerseits schade, aber in anderer Hinsicht auch eine Erleichterung, als man nach 75 Minuten schon wieder in die Kälte entlassen wird.

In der Abmoderation wird das Publikum gebeten, doch bitte am nächs­ten Abend in den Konzertsaal der Universität der Künste zu kommen. Dort werde man nämlich ein größeres Programm singen. Und dieser mehrfach gegebene Hinweis mutet mehr als nur ein bisschen merkwürdig an. Was wäre denn besser geeignet gewesen als der Eröffnungsabend eines Festivals, um ein richtig schönes großes Programm zu singen?

Noch merkwürdiger aber: Am folgenden Abend, dem zweiten des Festivals, bleibt das Programm sogar knapp unter einer Stunde, aber da fühlt es sich dennoch nicht so an, als hätte man zu wenig an Musik und sonstiger Inspiration mitgenommen. Die Konzertperformance, die die jungen Frauen vom Mädchenchor der Sing-Akademie zu Berlin zusammen mit den beiden Tänzern/Breakdancern Wilfried Ebongue und Marcio de Barros (alias Bboy Wilfried und Bboy Marcio) hinlegen, ist ein schlicht wunderschön gelungenes Gesamtkunstwerk. „Gravitation“ haben sie es genannt. Das „Stabat Mater“ von Pergolesi singen die Mädchen unter der Leitung von Friederike Stahmer, und die beiden Männer steuern tolle Moves und nicht zuletzt die Möglichkeit von allerlei schönen Hebefiguren bei, denn dieser Chor ist permanent in Bewegung. Die Choreografin Louise Wagner hat Pergolesis Frauenstück in den Raum gebracht. Der gesamte Bühnenraum des Radialsys­tems wird gebraucht für diese Performance, auch die Wendeltreppe im Hintergrund wird mit bespielt. An einer Seite hat das Kammerensemble capella vitalis Platz gefunden, das für den Instrumentalpart sorgt, und Dirigentin Friederike Stahmer hat sich platzsparend und unprätentiös in eine Ecke gestellt.

Pergolesis ursprünglich für Sopran und Alt in solistischer Besetzung geschriebenes Werk wird hier in überwiegender Mehrheit vom Chor ausgeführt. Doch einige Teile übernehmen nicht eigens dazu engagierte Solistinnen, sondern im Wechsel einzelne Chormitglieder. Und dass diese noch so jungen Frauen, größtenteils Teenager, bereits über Stimmen verfügen, die solistisch tragfähig sind, ist wirklich allerhand. Sehr berührend und auch immer wieder überraschend ist es, wenn aus dem klaren, sehr homogenen Chorklang immer wieder neue Stimmen heraustreten, die auf einmal in ihrer Individualität – und auch in ihrem unterschiedlichen Entwicklungsstand – hörbar werden. Louise Wagner hat dazu schöne, schlichte Bewegungsbilder gefunden, spielt mit den Gegensätzen Gruppe–Individuum, Distanz–Nähe, Bewegung–Ruhe. Die seitlich ausladenden schwarzen Kleider, die die Mädchen tragen (Kostümbildnerin: Marianne Akay), ermöglichen es ihnen ganz spielerisch, den gesamten Bühnenraum zu füllen. Und der nüchterne Saal des Radialsystems ist während dieser einen knappen Stunde ein kleines bisschen wie ein verzauberter Ort.

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