Dunkle Wolken und große Hoffnungen

Die aktuelle Situation der Jugendorchesterbewegung in Venezuela


(nmz) -

Auf ihren beiden Tourneen in den Jahren 2000 und 2002 durch die größten Konzertsäle Deutschlands und, im Jahr 2002, auch durch Salzburg und Wien riefen die 220 jungen Musiker der „Nationalen Jungen Philharmonie Venezuelas“ wahre Begeisterungsstürme hervor.

Ein Artikel von Detlef Hahlweg

In zwei Schüben kehrte danach die insgesamt 250 Personen umfassende Tournee-Truppe nach Caracas zurück. Obwohl allen Mitreisenden die Strapazen der vergangenen knapp drei Wochen ins Gesicht geschrieben waren, musste noch ein weiterer Programmpunkt erledigt werden. Denn auch in Caracas wollte man den Erfolg zusammen mit Sponsoren und Freunden des Orchesters feiern. Die „Asociación Venezolano Alemana para el Fomento Cultural“ (AVAFC), eine Vereinigung deutscher Firmenrepräsentanten, hatte das Geld für ein großes Wiedersehenskonzert gesammelt, das dann am kommenden Abend im Teatro Teresa Cardenio stattfand. Mit bewegenden Worten berichtete José Antonio Abreu, Gründer und Vater des Projektes, über den großartigen Erfolg der Tournee. Herman Diekmann von der AVAFC versicherte, dass seine Gesellschaft dieses große Orchesterprojekt weiterhin dadurch unterstützen wolle, dass sie Instrumentallehrer finanziert, die in Venezuela für die fortgeschrittenen Schüler und Lehrer Meisterkurse geben sollen. Auch der Deutsche Botschafter in Venezuela, Herrmann Erath, unterstrich den Wunsch Deutschlands auf eine enge Zusammenarbeit zwischen Venezuela und Deutschland im Bereich der Jugendorchester. Anschließend wurde ein Film mit einer 15-minütigen Zusammenfassung der Tournee mit Ausschnitten aus allen Konzertsälen gezeigt. Die Wirkung war umwerfend. Sowohl den Mitgereisten als auch ihren Eltern und vielen anderen – allen Beteiligten stiegen angesichts der umwerfenden Bilder die Tränen in die Augen.

Die Jeunesses Musicales Deutschland als deutscher Jugendorchesterdachverband betonte ihr großes Interesse an einer intensiven Zusammenarbeit mit dem venezolanischen Jugendorchestersystem FESNOJIV. Eine solche Zusammenarbeit wird zukünftig dadurch erleichtert, dass FESNOJIV inzwischen ebenfalls nationale Sektion der Jeunesses Musicales International geworden ist. Insbesondere sei Deutschland an dem sozialen Charakter des Projektes und an der Methode interessiert, Orchesterinstrumente von Anfang an durch das Spielen im Orchester zu erlernen.

Nach Abschluss der Tournee war ich zweimal in Venezuela. Ich führte Gespräche mit einigen der wichtigsten Förderern der venezolanischen Jugendorchesterbewegung wie dem Direktor der Interamerikanischen Entwicklungsbank in Washington, Enrique Iglesias. Diese Bank stellt immerhin einen Teil der Mittel bereit, mit denen FESNOJIV einen eigenen Konzertsaal in Caracas bauen kann. In Caracas traf ich mit dem venezolanischen Direktor dieser Bank und mit dem Direktor der venezolanischen Erdölfirma PDVSA zusammen. In einem Gespräch mit Frau Ana Mercedes Botero, der Generalsekretärin des Andenpaktes, wurde das Interesse deutlich, dass auch junge Musiker aus den anderen Ländern an den geplanten Seminaren und Kursen teilnehmen können und Venezuela somit zu einem Zentrum der Musikausbildung für die Andenländer wird.

Trotz all dieser hervorragenden Aussichten zogen jedoch dunkle Wolken am politischen Himmel auf. Es kam zu Generalstreiks, Massendemonstrationen und Straßenschlachten zwischen den Anhängern des Präsidenten Chavez und seinen Gegnern. Als dann der langfristig angesetzte Generalstreik begann, erließ das Auswärtige Amt eine Einreisewarnung. Daraufhin muss-ten die Meisterkurse der Blechbläser der Berliner Philharmoniker Anfang Januar und der Holzbläser Anfang Februar abgesagt werden.

Seit Ende März ist die Lage in Venezuela wieder relativ ruhig, die Versorgungslage jedoch recht schlecht. Die Regale in den Lebensmittelmärkten sind leerer geworden, viele Geschäfte haben geschlossen, man kann keine Fremdwährung in einheimische Bolivares wechseln, es wird nichts aus dem Ausland importiert, also auch keine dringend benötigten Ersatzteile.

Die Jugendorchester arbeiten jedoch weiter. Gerade in den Wochen, in denen die Schulen geschlossen waren, verspürte man eine große Verantwortung den jungen Musikern gegenüber und hat überwiegend ehrenamtlich weitergearbeitet. José Antonio Abreu schmiedet neue Pläne, im Juli soll die Seminartätigkeit mit Dozenten aus Deutschland fortgesetzt werden, darunter ein Seminar für Sinfonische Blasmusik, geleitet vom Trompeter der Berliner Philharmoniker Thomas Clamor, und ein Dirigierseminar, geleitet von Joachim Harder. Dann soll auch eine von Thomas Clamor initiierte Instrumentenspende in Venezuela überreicht werden.

Der Wunsch nach qualifizierten Instrumentallehrern aus Deutschland, die möglichst auch etwas spanisch sprechen können, ist groß. Nach und nach soll ein Programm mit in jedem Jahr regelmäßig stattfindenden Kursen von jeweils ein bis zwei Wochen aufgebaut werden. Interessierte erfahrene Instrumentallehrer von Hochschulen oder Orchestermusiker können sich bei der Jeunesses Musicales melden.

Die junge Bratschistin Sara Rilling hat kurz nach Beendigung ihres Studiums einige Monate lang in Venezuela gearbeitet. Anbei einige Eindrücke von ihren Tätigkeiten. Sie sollen weitere junge Musiker ermutigen, durch einen Arbeitsaufenthalt in Caracas dieses Projekt kennen zu lernen.

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