Ein Bach-Doppelkonzert wird nie sterben

Der Progressive Classical Music Award feiert seinen 10. Geburtstag


(nmz) -
„Klassiker, wie das Bach-Doppelkonzert sind einfach wirklich wunderschöne Werke, die bis jetzt mehrere hundert Jahre überlebt haben und die nie sterben werden. Es kommen ja immer neue Zuhörer auf die Welt, die diese Musik dann wiederum zum ersten Mal hören und sich von ihr verzaubern lassen – wie schon so viele vor ihnen.“ Marie-Luise Dingler
Ein Artikel von Nele Gerschwitz

Junge Impulse, die die Kammermusikszene und die Klassik neu aufleben lassen, um das Repertoire für die Besetzung zweier Violinen zu erweitern. Mit dieser Absicht gründeten „The Twiolins“ 2009 den „Crossover Composition Award“, der nun den Titel Progressive Classical Music Award (PCMA) trägt.

Marie-Luise und Christoph Dingler sind als „The Twiolins“ die Initiatoren und Köpfe des Wettbewerbs, Jurymitglieder und ausführende Musiker beim Finalkonzert. Ihr Musikstudium mit Solistenausbildung haben sie in Mannheim, der Finalstadt des PCMA absolviert. Seitdem stellen sie alle drei bis vier Jahre den zeitgenössischen Komponisten die Herausforderung Neue Musik für zwei Violinen zu komponieren, die das Publikum emotional berührt und sich so ihre Stimme für den 1. Platz musikalisch zu erobern. „Die größte Hürde ist wohl wirklich die Komposition für zwei Violinen“, überlegt Marie-Luise Dingler. „Auch wenn der Tonumfang relativ groß ist, tendiert die Violine eben mehr in die Höhen statt in die Tiefen. Es bieten sich nicht wie beim Klavier oder einem Streichquartett Wege bis nach unten in tiefe Bässe. So gilt es wirklich erstmal diese technischen Hürden zu überwinden, um dann noch dazu eine wirklich gute Klangsprache zu entwickeln und diese mit zwei Violinen eben auch auszufüllen.“

Die bisherigen Wettbewerbe fanden 2009, 2012 und 2015 statt und hatten eine Gesamtzahl von über 500 teilnehmenden Komponisten aus 55 Staaten. 2019 feiert der PCMA nun sein 10-jähriges Bestehen.

 Die Wettbewerbsausschreibung ist bewusst offen gestaltet, um neuartige Musik mit zeitgemäßen Emotionen entstehen zu lassen. Diese wiederum soll zu einer nachhaltigen Weiterentwicklung des klassischen Konzerts und Publikums beitragen. Die Stilrichtung spielt dabei keine Rolle. Spieltechnisch anspruchsvoll wie unkonventionell soll es sein – und vor allem neu. Das Stück von circa fünf Minuten muss für diesen Wettbewerb komponiert werden. Auch Adaptionen oder Arrangements sind nicht zulässig.

Durch die Individualität der einzelnen Kompositionen lassen sich keine Tendenzen für die entstandene Musik im Wettbewerb konstatieren, doch häufig finden Komponisten Inspirationen in Filmmusik, ähnlich beliebt sind Minimal und Avantgarde. Nach dem Einsendeschluss am 1. Juli 2019 werden die eingesandten Kompositionen von einer ausgewählten Fachjury geprüft und auf sechs preiswürdige Kompositionen für das Finale reduziert, die von den „Twiolins“ am 28. September 2019 in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim präsentiert werden. „Das Besondere unseres 10. Jubiläums zeichnet sich zum einen durch unsere Jury in diesem Jahr aus. Wir haben Julian Rachlin dabei, als jüngster Solist der Wiener Philharmoniker und heute Professor am Konservatorium in Wien. Aleksey Igudesmann, der selbst schon viele Duos herausgegeben hat und auch aktiv in diesem Bereich weiterhin schreibt – das sind ja allein schon geigerisch gesehen wahrliche Koryphäen, aber sie können eben auch kompositorisch gute Urteile geben. Der dritte im Bunde ist Benedikt Brydern, der den PCMA sowohl 2009 als auch 2015 gewann und jetzt auch in der Jury dabei ist.“ stellt Frau Dingler die diesjährigen Jurykollegen des Duos vor. Aber auch die technischen Möglichkeiten unserer Zeit sorgen für eine Neuheit zum Jubiläum. Die Initiatorin freut sich, dass nun zum Jubiläum auch die erste Live-Übertragung des Events ansteht, sodass nicht nur Mannheimer daran teilnehmen können, sondern Interessierte weltweit.

Um Fairness sowie die alleinige Beurteilung des musikalischen Gehalts der Kompositionen zu garantieren, bleiben die Werke – sowohl im Auswahlverfahren wie im Finale – anonym und werden nur durch eine Zahl gekennzeichnet. Anschließend werden die Werke von „The Twiolins“ präsentiert, sodass der Publikumsentscheid per Abstimmung letztendlich die Platzierung festlegt.

Die Gewinner erhalten als Fördermaßnahme Preisgelder im Gesamtwert von 11.000€. Die Preisgelder werden durch Stiftungen und Groß-Sponsoren finanziert, zum Beispiel wird der 1. Preis 2019  vom Spiegel Institut Mannheim übernommen. Finanzierung der Organisationskosten und Sachleistungen werden durch den Förderverein sowie regionale Sponsoren und Förderer gedeckt.

Die Kompositionen werden international veröffentlicht. Außerdem folgen vielfältige Anschlussmaßnahmen, wie unter anderem die Veröffentlichung der Noten und einer CD mit den Preisträgerwerken. „The Twiolins“ stellen aus den Werken ein Konzertprogramm zusammen und gehen mit diesem Repertoire über mehrere Jahre auf Tournee.

Ob sich wohl neue Werke in den Turnus der Klassiker etablieren können, liegt nach Auffassung der Violinistin Dingler jedoch an den Solisten oder den Ausführenden der Kompositionen. Aus eigener beruflicher Erfahrung schließt sie allerdings, dass die Akzeptanz sowie Neugierde und Gefallen der Zuhörer an Neuer Musik deutlich zunehmen, „denn die meisten kommen ja einfach ins Konzert um sich von der Musik berühren zu lassen – damals wie heute.“

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